Jüngste Veröffentlichungen von Daniel Bouhs

dpa-Rivale dapd startet im September

Veröffentlicht auf

am 1. Juli 2010

Es kommt, was jeder ahnte: Im September legen Deutscher Depeschendienst (ddp) und der ehemalige deutsche Dienst der Associated Press (AP, heute DAPD) ihre Meldungen und Fotos zusammen und schaffen ein neues, starkes Angebot. Dann startet die neue dapd-Nachrichtenagentur, die den Marktführer Deutsche Presse-Agentur (dpa) “verzichtbar” machen soll. dapd-Chef Cord Dreyer macht klar: “Mit diesem strategischen Neuantritt kommen wir aus der Ecke der Komplementäragenturen raus.” Die Marke ddp wird dann dahin sein.

Wie war das noch im Dezember 2009 als der einst noch arg angeschlagene ddp den Kauf des deutschen AP-Ablegers verkündete? Da ließen sich die Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw mit den Worten zitieren, sie würden die dpa “verzichtbar” machen. Eine Angriffsparole, die nun wahr werden könnte. Zumindest hat Cord Dreyer, seit April Chef beider Dienste, jetzt die konzeptionelle Grundlage für einen Frontalangriff auf den bis zuletzt unangefochtenen Marktführer gelegt: Am Donnerstag stellte er den neuen Dienst dapd (wichtig: Kleinschreibung im Gegensatz zum heutigen DAPD, dem AP-Nachfolger) vor. Der würde “die regionale, überregionale und weltweite Nachrichtenwelt lückenlos abbilden”, sich also neben der dpa ein zweiter Vollanbieter entwickeln. Dreyer: “Der Markt braucht so einen zweiten Dienst.”

Etwa 500 Meldungen aus Politik, Wirtschaft, Buntem und Boulevard will Dreyer also vom Herbst an in seinem neuen dapd-Basisdienst pro Tag anbieten. Die dpa kommt immerhin nach eigenen Angaben auf gut 800 im Schnitt, würde also weiter deutlich darüber liegen – und stellt sich unter ihrem neuen Chefredakteur Wolfgang Büchner ebenfalls neu auf. Doch Dreyer rüstet im Wettlauf der News-Dienstleister auf: Bis zum Start will er 220 feste Journalisten sowie 77 feste Fotografen beschäftigen. Die dpa gibt 451 Redakteure für Text und Foto an, setzt diese aber auch für ein umfassendes Sportangebot ein, das dem dapd als einziger wichtiger Baustein auch künftig fehlen wird. Neun neue Büros in den Bundesländern plant Dreyer, 31 Standorte sollen es dann sein – dpa: 50, also auch in Zukunft weiterhin viel mehr.

Und dennoch: Mit der Zusammenführung der beiden bisher stark getrennt geführten Dienste ddp und DAPD zum neuen dapd tut sich für dpa eine große Gefahr auf. Bisher stellten sich die Dienste von ddp, AP, der Agence France-Presse (AFP) und auch der wirtschaftsaffinen Reuters brav als sogenannte Komplementärdienste auf, ergänzend zur dpa und nicht als 100-prozentige Alternative. Das dürfte vom September an ganz  anders sein: Dreyer will, dass Redaktionen auf dpa verzichten können und auf sein Angebot zurückgreifen. Dass ihm der Sport fehlt, ist übrigens kein großes Problem: Der Sport-Informations-Dienst steht als Alternative zum dpa-Angebot parat – übrigens eine Tochter des hiesigen AFP-Ablegers.

Doch auf welchem Niveau kann der dapd die dpa angreifen? Dreyers großes Problem ist in dieser Hinsicht das Ausland: Er kann zwar eine umfassende Berichterstattung aus der Welt garantieren, weil die ddp-Eigner das Material der 3.000 AP-Korrespondenten exklusiv für den deutschen Markt lizensiert haben. Die aber recherchieren im Wesentlichen nicht auf Zuruf von Dreyers Team. Im Gegenteil: dapd wird nehmen müssen, was AP-International sowieso sendet. Dreyer sprach zwar davon, beide Häuser würden “zusammenarbeiten”. Auf die Frage, ob seine Leute Informationen oder gar ganze Stücke für die Bedürfnisse deutscher Medien anfordern könnten, antwortete er indes auch auf mehrfache Nachfrage von MEEDIA nicht. dpa hat es da bedeutend einfacher: Während dapd nu eine Handvoll eigener Korrespondenten ins europäische Ausland entsendet hat, sind es mehrere Dutzend allein für den dpa-Basisdienst – weltweit. Hinzu kommen ein englischer, ein spanischer und auch ein arabischer Dienst der dpa, mit hunderten Reportern in der Welt. Auf sie wiederum hat die deutsche Redaktion von dpa vollen Zugriff.

Neu ist bei dapd eine Investigativ-Redaktion (”dapd Sources”) mit erst einmal sechs Redakteuren. Sie sollen in investigativer Arbeit “das Nachrichtengeschehen in Deutschland mitbestimmen” und Hintergründe für die tagesaktuelle Arbeit der übrigen Kollegen liefern. Dreyer will zudem die People-Berichterstattung ausbauen, weil die “bei den Kunden äußerst beliebt ist”, wie er sagt. Hier wiederum wird die AP-Kooperation sehr helfen: Promi-News sind ein großes Standbein der AP, viele Entwicklungen auf diesem Feld passieren zudem auf dem englischsprachigen Markt. Ein Plus für den dapd, der vom September an der dpa Marktanteile mehr denn je streitig machen will. Und dafür gar nicht schlecht aufgestellt ist.

Blogger und Bügeleisen

Der Markt der Nachrichtenagenturen ist umkämpfter denn je: Die dpa-Geschäftsführer Michael Segbers und Malte von Trotha erläutern im FR-Interview, wie sie die Lage sehen.

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am 29. Juni 2010

Lange war es um die Nachrichtenagenturen in Deutschland still. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) als von den Verlagen selbst gegründeter Marktführer machte in Ruhe das größte Geschäft und die hiesigen Ableger der Agenturen Associated Press (AP), Reuters und Agence France-Presse (AFP) stellten sich mit einigen Spezialdiensten brav als sogenannte Komplementärdienste auf. Nur der Deutsche Depeschendienst (ddp) versuchte, der dpa auch in großen Stil Konkurrenz zu machen, scheiterte bis zuletzt aber.

Seit vergangenem Dezember ist jedoch alles anders: Der ddp kaufte AP-Deutschland und die Eigentümer erklärten, dpa “verzichtbar” zu machen. In dieser Woche stellen sie ihr neues Konzept vor. Die Frankfurter Rundschau im Gespräch mit den dpa-Geschäftsführern Michael Segbers und Malte von Trotha über die Lage:

Herr Segbers, Sie sagten neulich, dpa habe beim Verkauf seiner Text- und Bilderdienste “einen guten Lauf”. Profitieren Sie von der Unsicherheit, die mit der laufenden Fusion von Ihren Mitbewerbern AP-Deutschland und ddp geschaffen entsteht?

Segbers: Wir kommentieren nicht, was unsere Mitbewerber machen, sondern konzentrieren uns auf Kunden und nicht auf Konkurrenten. Aber so viel: Bei der dpa weiß man vielleicht, was man hat.

Wer dpa-Material für seine Medien lizensiert, der schließt oft Verträge von drei bis fünf Jahren ab. Ihr Konkurrent ddp findet, dass das bisweilen sittenwidrig sei und klagt.

Segbers: Das ist geradezu abenteuerlich. Unsere Kunden machen außerdem die dpa-Preise quasi selbst. Wir sind eine Agentur, die von den deutschen Verlagen getragen wird. Viele von Ihnen stellen Aufsichtsratsmitglieder, die wiederum Einfluss auf unsere Preispolitik nehmen können. Anzunehmen, wir würden unsere Kunden in Zwangsverträge stecken, ist also absurd.

Es heißt, alle Kündigungen die dpa 2009 ereilt hätten, seien vom Tisch. Trifft das auch auf den dpa-Verzicht des Tagesspiegels zu, der Ihren Diensten kündigte, weil er nicht will, dass Sie Großmieter des konkurrierenden Axel-Springer-Verlages werden – was Sie mit Ihrem fast 4000 Quadratmeter großen Newsroom in Berlin aber tun?

Segbers: Wir sind jedenfalls guter Dinge, dass der Tagesspiegel auch künftig mit statt wie einst angekündigt bald ohne uns arbeitet. Und: Wir werden nicht Untermieter des Springer-Verlages sondern ziehen in die Axel-Springer-Passage, die nicht Teil des Verlagssitzes ist.

Dann bleibt auf der Landkarte dennoch ein schwarzes Loch: Essen mit der WAZ-Gruppe, die seit einem Jahr konsequent auf dpa verzichtet. Die “Westdeutsche Allgemeine Zeitung” ist wohlgemerkt die größte Regionalzeitung unseres Landes. Eine ständige Mahnung, dass es auch ohne Ihre Meldungen und Bilder geht.

Segbers: Die WAZ ist nach wie vor unser Gesellschafter. Natürlich hat es uns bis ins Mark erschüttert, dass ein so wichtiger Kunde seine Umsätze von uns abgezogen hat. Es war auch nicht leicht, diesen Ausfall zu kompensieren. Wir werden aber alles tun, um diesen Kunden zurückzugewinnen.

Auch die Rheinische Post und die Rheinpfalz probieren es ohne dpa.

Segbers: Sie sind aber keine Nicht-Kunden wie die WAZ, sondern verzichten nur auf unseren so genannten Basisdienst. Nehmen Sie die Rheinische Post: Die Kollegen in Düsseldorf beziehen unsere Themendienste und den dpa-Bildfunk, die Rheinpfalz unseren Grafik- und unseren Dienst mit Nachrichten für Kinder. Unser neuer Chefredakteur Wolfgang Büchner hat sich auch diesen Kunden, die bisher auf das große Angebot verzichten, mit seinen Plänen vorgestellt. Wir werden in zwei Monaten zwar keine andere Vertragslage haben. Aber es gibt eben auch keine Sprachlosigkeit.

Wie subventionsbedürftig ist heute eigentlich der Agenturjournalismus? Die dpa setzt ja mehr und mehr auf Beiboote wie den hauseigenen PR-Dienstleister News Aktuell.

Von Trotha: Fakt ist, dass es derzeit nicht gelingt, das Kerngeschäft allein aus sich selbst heraus zu finanzieren. Natürlich ist es schade, wenn man merkt, dass der journalistische Wert, der geschöpft wird, zumindest nicht so goutiert wird, dass wir plus/minus null herauskommen. Aktivitäten wie News Aktuell helfen, unserer Aufgabe trotzdem nachkommen zu können.

Was wäre denn, wenn News Aktuell wegbrechen würde? Auch dort greift ddp mit ddp direct an und hat einen Preiskampf eingeläutet.

Von Trotha: Natürlich wäre das für uns nicht schön. News Aktuell muss seine Position halten. Deshalb sorgen wir dafür, dass News Aktuell ständig neue Produkte startet und hören nicht auf, in diese Aktivität zu investieren.

Aber ist es nicht so, dass Ihr PR-Dienstleister bisher ein Monopolist war?

Von Trotha: Auf keinen Fall! Es hat schon immer andere Unternehmen gegeben, die Ad-hoc-Mitteilungen von Börsenkonzernen oder schlicht Pressemitteilungen verbreitet haben. Vielleicht ist das Besondere von News Aktuell seine große Bandbreite der Produkte. Aber von einem Monopol konnte hier nie die Rede sein.

Sie entwickeln derzeit für Verlage iPad-Lösungen. Wie wichtig werden für die dpa solche Branchenlösungen sein, wenn sich der Kern Ihres Geschäfts – der Agenturjournalismus – nicht alleine trägt?

Von Trotha: Der Ausbau dieser Bereiche wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen, weil das auch unseren Kunden zeigt, dass wir mit der Zeit gehen und Partner der Verlage bleiben. Aber ich bin mir sicher, dass das bei uns nicht die Dimension einnimmt, die bei der APA Einzug gehalten hat.

Vor zwei Jahren haben Sie für Deutschland die Vermarktung des Online-Monitoring-Dienstleisters Attributor übernommen, der in den USA mit der Suche nach der illegalen Nutzung von Texten im Netz Erfolg hat. Seitdem ist von Ihnen zu diesem Thema wenig zu hören. Warum?

Von Trotha: Wir mussten leider feststellen, dass der deutsche Markt hier nicht so viel Interesse zeigt wie in den USA. Attributor wird hierzulande bei drei bis vier Zeitungsgruppen eingesetzt, zum Teil auch alternative Angebote. Der große Durchstich, wie er in Amerika erfolgt ist, passiert hier nicht. Wir sind auch davon überzeugt, dass er nicht mehr kommen wird. Deshalb sind wir dabei, das runter zu fahren und werden Attributor noch selbst nutzen, aber nicht mehr exklusiv vertreiben. Übrigens nutzen wir Attributor, um die Erfahrung zu sammeln, wie unsere Geschichten laufen. Wir sind nicht wie andere in einer Phase, in der wir Juristen durchs Land hetzen.

AFP ist beim Schutz der eigenen Urheberrechte konsequenter und gibt an, damit allein in Deutschland jährlich fünfstellige Euro-Beträge einzunehmen. Das lassen Sie sich entgehen?

Von Trotha: Dieser Schuss kann ja auch nach hinten losgehen. Wir müssen akzeptieren, dass Menschen sich einfach mit News beschäftigen. Bei uns herrscht die Überzeugung vor, dass wir nicht mit dem großen Bügeleisen darüber gehen wollen. Wenn ein Blogger etwa eine Geschichte von uns nimmt, auch in voller Länge, weil ihn ein Thema fasziniert, dann steht das in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, der Sache nachzugehen. Das systematische Durchforsten des Internets nach formell illegaler Nutzung unserer Inhalte steht bei uns deshalb derzeit nicht an. Da geht es schließlich auch um unsere Reputation. Und die ist uns wichtig.

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n-tv-Chef: “ARD-Reporter unterbeschäftigt”

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am 28. Juni 2010

Zurückhaltung scheint keine besondere Stärke von n-tv-Geschäftsführer Hans Demmel zu sein. In Köln hat er die gebührenfinanzierte Konkurrenz angegriffen und blaffte: “Viele Korrespondenten der ARD leiden unter einer Unterbeschäftigung.” Die Retourkutsche folgte allerdings prompt, denn auf seinem Panel saß auch “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke. Der konterte dem Kommerz-TV: “Mit Nachrichten können Sie in Deutschland kein Geld verdienen.”

Ja, sagte Demmel, die ARD habe viele Büros und könne von dort aus “alle Orte der Welt schnell erreichen”. Das Problem aber sei: “Dort passiert oft nichts. Mein Neid hält sich deshalb in Grenzen.” In den drei Jahren, die er inzwischen den RTL-Nachrichtensender führe, habe es jedenfalls “kein Ereignis gegeben, bei dem es uns geschadet hat, nicht sofort vor Ort zu sein”. Ein klares Plädoyer für die Wirtschaftlichkeit von TV-News und das Prinzip der Fallschirm-Korrespondenten.

Während die “Tagesschau” laut Gniffke außerhalb Deutschland auf 25 ARD-Studios zurückgreifen kann, sind es bei n-tv nur etwa zehn, wie Demmel MEEDIA am Rande der Veranstaltung sagte. Bekannt ist, dass sein Sender deshalb häufig Reporter ad-hoc aus Deutschland entsendet, wenn sich ein Ereignis auftut. Eines seiner Argumente, neben dem finanziellen Aspekt: “Jemand, der als Reporter eingeflogen wird, bringt eine stärkere Brille mit dem deutschen Blick mit.”

Aussagen, die Gniffke provozierten – von wegen viele ARD-Reporter litten an Unterbeschäftigung. Gniffke: “Der Auslandskorrespondent, der nicht ausgelastet ist, muss noch erfunden werden.” Schließlich müssten auch abseits der Aktualität Sendeflächen mit Berichten und Reportagen aus der Welt bedient werden, im Ersten wie in den Dritten. “Es hilft zudem”, so Gniffke, “dass unsere Leute lange vor Ort sind und Landeserfahrungen sammeln statt nur den Flughafen zu sehen”.

Schützenhilfe leistete Gniffke der Fernsehchef des steuerfinanzierten Auslandsrundfunk Deutsche Welle, Christoph Lanz. Er sagte: “Sie würden doch heilfroh sein, wenn Sie viele Korrespondenten hätten. Sie würden auch 30 gerne nehmen, wenn Ihnen das Ihre Frau Schäferkordt bezahlen würde. Das tut sich nur nicht.” RTL-Chefin Schäferkordt setzt indes auf Synergien: Schon seit zwei Jahren arbeiten knapp 500 Mitarbeiter der RTL-Sender (auch VOX und RTL2) in der infoNetwork GmbH – und teilen sich Kamerateams, Material und Reporter weitgehend miteinander. n-tv-Mann Demmel betonte im MEEDIA-Gespräch, das habe zusätzlichen Freiraum für die Berichterstattung geschaffen: Während n-tv bisher separat ein USA-Studio in Washington D.C. betrieb und RTL sein USA-Studio in New York, würden jetzt beide für die gesamte Gruppe arbeiten.

“Sie können in Deutschland mit Nachrichten kein Geld verdienen. Das bekommen Sie nicht finanziert, weil das der Werbemarkt nicht hergibt”, hielt ihm indes Gniffke in der Diskussion vor. “Deshalb müssen Sie Ihr Programm auch mit Inhalten anreichern, die mit News nichts zu tun haben.” Ein so erzielter Break-even und Gewinne schafften natürlich auch “inhaltliche Bewegungsfreiheit”, sagte wiederum Demmel – und kritisierte die Zuschauerforschung der GfK, die für n-tv bisweilen sehr ungünstige Kriterien ansetze, was sich durchaus auf Werbeerlöse auswirken könne: “Unsere Zuschauer und Nutzer kommen zu beträchtlichen Teilen aus Büros und Hotels zu uns. Die weist aber kaum einer aus.”

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Paradise Lost

Ein christlicher Radiosender verliert seine Lizenz: Warum das Berliner Radio Paradiso gestrichen wird - und warum das ein Problem ist. Für die evangelische Kirche, aber auch für andere Programme.

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Ausgabe 49/2010

Susanne Grams geht die ganze Sache mit Humor an. Wer die Sprecherin der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) fragt, ob die jüngste Entscheidung ihres Medienrates angreifbar sei, dann lacht sie erst, um anschließend mit belehrendem Tonfall zu erklären: “Also, die Vorsitzende des Medienrates, Frau Professorin Jutta Limbach, war Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichtes und ist seit vielen, vielen Jahren Juristin. Der Direktor der Landesmedienanstalt, Dr. Hans Hege, ist Volljurist. Auch die Justiziarin der MABB, Frau Ingeborg Zahrnt, ist – Juristin. Und so weiter und so fort.”

Der Medienrat der MABB hat zuvor das Aus von Radio Paradiso beschlossen. Ein Programm, das seit 13 Jahren sendet und mit Geld aus der evangelischen Kirche aufgebaut ist, das noch immer bezuschusst wird und das vor allem den Anspruch hat, christliche Werte zu fördern. Das Wort “missionieren” taucht in den Lizenzanträgen des Senders, der von Geschäftsführer Matthias Gülzow betrieben wird, immer wieder auf. Das Aus für Paradiso wäre damit auch das Ende eines kirchlichen Medienprojekts. Dieser Tage bewirbt sich das Programm selbst als “erster christlicher UKW-Sender Deutschlands, der 24 Stunden am Tag sendet”.

“Kein Kommentar”

Seinen folgeschweren Beschluss fällte der Medienrat bereits am 11. Mai (epd 38/10). Dem Gremium schlug teils heftige Kritik entgegen. So fuhr die “Bild”-Zeitung eine regelrechte Kampagne und bildete sowohl Gülzows Mitarbeiter als auch die Programmmacher selbst ab – Gülzow hielt dabei demonstrativ eine Bibel in der Hand. Auch Politiker wie Volker Kauder (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) machten sich für den Erhalt des Kanals stark. Das Gremium aber bekräftigte am 22. Juni seine umstrittene Entscheidung und teilte knapp mit, den Sender “wiederholt” auf Defizite bei den Programmleistungen hingewiesen zu haben. Dies habe “Zweifel begründet, ob in der Zukunft wesentliche Verbesserungen beim Wortprogramm zu erwarten sind” (vgl. Meldung in dieser Ausgabe).

Dass die Paradiso-Frequenzen überhaupt ausgeschrieben wurden, ist ein völlig normaler Vorgang. Das Berliner Medienrecht sieht nämlich vor, dass Sendelizenzen nicht ständig einfach verlängert werden dürfen. Auch wenn keine Programmverstöße oder der wirtschaftliche Ruin eines Senders drohen, müssen dessen Frequenzen auch Mitbewerbern angeboten werden. Eine Pflicht, erfolgreichen Kanälen die Frequenz zu verlängern, besteht für die Medienwächter nicht. Gülzow will die Nicht-Verlängerung dennoch rechtlich angreifen, wie er dem epd sagte.

Kern seiner Argumentation: Was heißt eigentlich, Paradiso “wiederholt” auf vermeintliche Programmmängel hingewiesen zu haben? MABB-Sprecherin Grams will das nicht sagen. Auf Anfrage erklärte sie am 24. Juni: “Das könnte möglicherweise Gegenstand des Verfahrens werden. Kein Kommentar.” Und was sagt MABB-Chef Hege dazu, was Medienratschefin Limbach? Grams will keine Kontakte herstellen. Mit Blick auf das Verfahren. Offensichtlich ist es ihr ohnehin unangenehm, Anfragen zu dem Thema zu beantworten. “Das reicht jetzt, oder? Tschüss!”, sagt sie irgendwann. Und legt auf.

So nimmt die MABB nicht zu Gülzows Ausführungen Stellung. Diese bleiben damit einseitig und unbestätigt. Stimmt es, was der Radiomacher sagt, dann würde das kein gutes Licht auf die Medienanstalt werfen. Dem epd sagte er am 21. Juni, von den Anhörungen zu Lizenzanträgen abgesehen habe es in 13 Jahren nur ein einziges Gespräch mit der MABB zu den Programminhalten gegeben. Das sei 2005 gewesen. Hinzu komme ein einziger Briefwechsel, der sich mit einer Studie beschäftige, die Gülzow ebenfalls angreift. Selbst die jährlichen Programmberichte, die Frequenzinhaber abliefern müssen, habe die MABB “ohne Murren und Feedback einfach zur Kenntnis genommen”.

Verstöße gegen Lizenzauflagen?

Es geht folglich unter anderem um die Frage, ob die MABB dem Sender oft genug vorgeworfen hat, die Lizenzvorgaben nicht einzuhalten. Zumindest der besagte Briefwechsel hält das mindestens ein einziges Mal fest. MABB-Direktor Hege schrieb im September 2009, eine von der Medienanstalt selbst in Auftrag gegebene Studie zur Radiolandschaft in Berlin habe “ergeben, dass nach bisheriger Bewertung das Programm deutlich von der erteilten Sendeerlaubnis abweicht”. Hege zitierte aus der Analyse: “Der Substanzverlust ist ohne Vergleich.” Paradiso, mahnte Hege, habe “entgegen der Sendeerlaubnis mithin einen deutlich unterdurchschnittlichen Wortanteil”. Zudem sei die “christliche Orientierung” im werktäglichen Programm kaum noch erkennbar.

Gülzow beteuerte daraufhin in einer Antwort wie auch in den Medien, die Studie habe Paradiso in einer äußerst unglücklichen Woche unter die Lupe genommen, in der viele Mitarbeiter krank gewesen seien und der Sender von einer Krise erfasst gewesen sei. Der Paradiso-Chef gelobte Besserung – und erbrachte sie allem Anschein nach auch, wie aus einer neuen MABB-Studie für 2009 hervorgeht. Sie betrachtet zwar die Sender in Brandenburg. Der dortige Paradiso-Ableger ist aber ähnlich strukturiert wie sein Berliner Kanal, ein Vergleich damit möglich. Zusammenfassend hieß es, es habe sich “einiges zum Positiven verändert” (epd 44/10).

Ob die MABB das berücksichtigt hat? “Natürlich”, sagt Sprecherin Grams. “Es kommt aber darauf an, wo das Level angesetzt wird. Wenn man von ganz unten kommt, ist das einfacher.” Tatsächlich bescheinigte die Studie dem Sender zwar deutliche Besserungen im Wortanteil (2009: 12,8 Prozent im Vergleich zu 2008 mit 7,1 Prozent). Von sechs untersuchten Programmen habe Radio Paradiso trotzdem lediglich an vorletzter Stelle gelegen.

Oldies statt Wellness

Für den siebenköpfigen Medienrat war das offensichtlich zu wenig Wort und zu viel “Musik zum Verwöhnen”, wie der aktuelle Paradiso-Claim lautet. Von Dezember an soll deshalb Oldiestar die UKW-Frequenzen in Berlin und Brandenburg übernehmen, auf denen seit 12. Februar 1997 Paradiso zu hören ist. Nach epd-Informationen sagte Oldiestar-Geschäftsführer Oliver Dunk dem Medienrat während der Anhörung als Bewerber, auch sein Programm strahle “christliche Werte” aus”. Er habe, so heißt es, zudem damit gepunktet, dass er im Sonntags-Talk “Chefsache!”, den er selbst moderiert, zuletzt auch Kirchenvertreter zu Gast gehabt habe. Er wird nun zeigen müssen, ob er das Niveau hält oder mit massentauglichem Programm auf Hörerfang geht.

Die MABB sprach in ihrer Mitteilung davon, Oldiestar habe trotz der bisher wesentlich geringeren technischen Reichweite über längere Zeit “beachtliche Programmleistungen” erbracht und biete eine “bessere Vielfaltsprognose” als Radio Paradiso. Während Paradiso-Chef Gülzow dem Medienrat mangelnde Transparenz der Entscheidungsfindung vorwirft, muss er sich also fragen: Hat er genug geboten, um nicht bloß als austauschbarer Dudelfunk wahrgenommen zu werden, sondern als Sender mit besonderem Gehalt?

Gülzow sagt: “Uns hat im Medienrat wieder die Diskussion von vor 13 Jahren kalt erwischt, von der wir glaubten, sie längst überstanden zu haben.” Damals stritten sich Teile der evangelischen Kirche darum, ob sich die Ausrichtung des Senders mit den Prinzipien der evangelischen Publizistik verträgt. Er gehe davon aus, so Gülzow, dass nun auch Mitglieder des Medienrates in Zweifel zögen, ob das oft als Wellness-Sender verspottete Radio Paradiso seine Ziele nicht zu locker angehe.

“Stilformen privater Hörfunkanbieter”

Gülzow schrieb deshalb in den aktuellen Lizenzantrag: “Unter einem christlichen Sender verstehen einige Menschen darüber hinaus bis heute einen Sender, der sich Sprache, Riten und Ausdrucksformen der kirchlichen Andachtspraxis zu eigen macht. (…) Durch den Einsatz der kirchlichen Sprache bedienen diese Sender aber eben nur den Kreis der ohnehin kirchlich hoch sozialisierten Menschen.” Das Konzept von Paradiso sei von Anfang an anders gewesen und bediene sich “bewusst der Ausdrucks- und Stilformen privater Hörfunkanbieter”.

Der Geschäftsführer des Senders und die Teile der evangelischen Kirche, die Paradiso fördern, sind eine ständige Gratwanderung eingegangen. Gülzow sagt: “Einerseits gehen missionarischer Auftrag und kommerzielles Interesse in dem Streben nach einer großen Hörerschaft einher, andererseits aber sind christliche Inhalte nicht in jedem Fall den Einschaltquoten zuträglich. Hier entsteht ein Spannungsfeld zwischen der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit und dem publizistischen Auftrag.” Paradiso kauft etwa seine Nachrichten von einem Drittanbieter ein, statt sie selbst zu produzieren. Die Chance, hier eigene Akzente zu setzen und zur publizistischen Vielfalt beizutragen, wurde somit vertan. Auch das ist ein Problem.

Branche in Unruhe

Vereinfacht gesagt ging es darum, christliche Werte massentauglich zu verpacken. Das erklärt, warum Gülzow eine Kolumne des “engagierten Protestanten” Eckart von Hirschhausen ausstrahlt, der über Glück philosophiert. Und auch, warum die stündlichen “Gedanken zum Auftanken” nur manchmal, aber längst nicht immer reinem Repetieren von Bibelversen entsprechen. Wer Paradiso hört, der fragt sich schnell: Würde da nicht mehr gehen? Gülzow spricht dann davon, auch sein Sender müsse sich “der wirtschaftlichen Realität stellen”. Paradiso lebt vor allem von Werbung und schon lange nicht mehr von üppigen Zuschüssen der Kirche. Die bezahlt noch für die wenigen explizit christlichen Inhalte. Immerhin.

Hat die Kirche also letztlich zu wenig Geld in dieses Projekt investiert, das christlich-journalistische Inhalte kaum mit Werbespots refinanzieren kann – und ist Paradiso deshalb darauf angewiesen, viel Musik und vergleichsweise wenig Wort zu senden? Gülzow lässt diese Frage offen. Sie wird die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland aber zweifellos umtreiben. Immerhin schrieb der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider der MABB in der Ausschreibungsphase: “Der Sender hat sich zum unverzichtbaren Teil unserer medienpolitischen Strategie entwickelt.” Und der Berliner Bischof Markus Dröge notierte in einem Schreiben an den Medienrat: “Da in Berlin und Brandenburg kein Drittsenderecht der Kirchen bei privaten Rundfunkanbietern besteht, ist Radio Paradiso von zentraler Bedeutung für die Privatfunkarbeit unserer Kirche.”

Während sich Radio Paradiso und seine Förderer fragen müssen, ob der Sender die nötige Ausstattung hatte, um seinen Auftrag zu erfüllen, treibt der Lizenzentzug die Radiobranche in Berlin und Brandenburg um. Weil die Ausschreibung der UKW-Frequenzen dort zwangsläufig jeden privaten Programmveranstalter trifft, müssen sie alle bangen. Und sich sorgen um die Berechenbarkeit der Beschlüsse des Medienrates. Offen will niemand aus den beteiligten Sendern Kritik üben, weil man den Unmut der Medienwächter fürchtet. Hinter vorgehaltener Hand fallen aber Sätze wie: “Die MABB nimmt den Verlust Dutzender Arbeitsplätze einfach in Kauf, und das auch dann, wenn sich ein Sender stabil über Wasser halten kann. Wer soll sich da sicher sein, seine Lizenz behalten zu können?” Paradiso macht seit Jahren einen leichten Gewinn.

Zu Wort meldete sich hingegen ihr Interessensverband VPRT. Der schrieb der MABB am 9. Juni, ihn erfülle “mit großer Sorge, (…) auf welch unsicherem Boden die Existenz der privaten Radiounternehmen aufgrund der zeitlichen Befristung ihrer Lizenzen bzw. ihrer nur einmaligen Verlängerungsmöglichkeit steht”. VPRT-Geschäftsführerin Ursula Adelt sprach von “gravierender Rechts- und Planungsunsicherheit” und einem “Vertrauensverlust aufseiten der privaten Radioveranstalter Berlins mit Blick auf nachvollziehbare und angemessene Entscheidungen”.

Schwesterprogramme gefährdet

Und Gülzow warnt davor, auch die in seiner Radiohaus GmbH geführten Schwesterprogramme von Radio Paradiso wie JazzRadio und JamFM seien jetzt mehr denn je gefährdet. Sie würden im Hintergrund Synergien schöpfen, bei Vermarktung und Administration der Programme. “Die MABB gefährdet mit unserem Aus die wirtschaftliche Grundlage der anderen Sender”, mahnt Gülzow.

MABB-Sprecherin Grams beteuert indes: “Wir haben alle Folgen miteinander abgewogen.” Der Medienrat nimmt mit seiner Entscheidung also bewusst ein mögliches Ende anderer Programme in Kauf. Vor allem das ist in der aufgeheizten Debatte rund um die Causa “Paradiso” bemerkenswert.

Nachts gemeinsam senden

RBB muss weiter sparen, will aber das Programm schonen.

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am 26. Juni 2010

Selten erregte ein Produkt des Rundfunks Berlin-Brandenburg so sehr viel Aufsehen wie die Ergebnisse der internen Strategiegruppe “Zukunft RBB”. Kaum einen Monat ist es her, dass ihre Sparszenarien die Runde machten. Die härteste der drei Varianten spielt mit dem Gedanken, sogar drei der sechs Radioprogramme einzustellen und TV-Berichte aus der Region in eine Sendung zu packen statt bisher für Berlin und Brandenburg separat.

Nun reicherte die Kommission ihre Szenarien mit Zahlen an. 47 Millionen Euro pro Jahr müsste der RBB demnach sparen, wenn die Prognose von ARD-Chef Peter Boudgoust eintritt und öffentlich-rechtliche Sender in zehn Jahren 15 Prozent weniger aus der GEZ-Abgabe erlösen würden als heute - eine Prognose, die sich an der schleichenden Verarmung und Vergreisung der Gesellschaft orientiert.

Die Vorhersage entspricht der “Mediumvariante” der RBB-Strategen. Die rechneten mit Schlimmerem, weil ihr Sender stärker als andere ARD-Anstalten von der Gebührenbefreiung von Langzeitarbeitslosen betroffen ist. Demnach droht möglicherweise sogar ein Minus von 22 Prozent im RBB-Haushalt. Derzeit umfasst er 390 Millionen Euro aus Gebühren und Werbung. Der Sender müsste dann sogar 84,5 Millionen sparen.

Rechenspiele

Intendantin Dagmar Reim aber will nicht den Teufel an die Wand malen. Der Berliner Zeitung sagte sie: “Das sind noch immer nur Rechenspiele. Es liegt nichts auf dem Tisch, was verabschiedet werden müsste.” Sie werde “hart arbeiten”, um keine Sender kippen zu müssen. Reim: “Wir wurden doch dafür erfunden, um Programm zu machen, oder?” Die Frage ist, wie sie das schaffen will. Immerhin wurde im RBB bereits erheblich gespart: Der RBB zahlt seinen freien Journalisten, die am häufigsten die Programmflächen mit Inhalten füllen, schon lange weniger als all die anderen gebührenfinanzierten Sender, das ZDF eingeschlossen. Und hat nicht längst das Programm gelitten, wie das Aus der TV-Sendung “Polylux” und das Ende des Radio Multikultis vor zwei Jahren bewies?

Sowohl die Arbeitsgruppe um den RBB-Manager für “Zentrale Aufgaben”, Stephan Abarbanell, als auch die Intendantin glauben, weiteres Potenzial ausgemacht zu haben. Reim sagte: “Wenn es schlecht kommen sollte, dann müssten wir darüber nachdenken, an einem Standort nur noch Fernsehen und an dem anderen nur noch Radio zu betreiben.” Abarbanell empfahl vor dem Rundfunkrat, die “funktionale Ausstattung” sowie die “Standorte und Liegenschaften” des RBB zu überprüfen. Manch einer im Sender dürfte sich jetzt fragen: Hätte das nicht schon viel früher passieren müssen - und vor allem: Hätte das nicht auch “Polylux” und Radio Multikulti retten können?

Hoffen auf Solidarität

Reim schwebt eine engere Zusammenarbeit aller ARD-Sender vor, die bisher meist versuchten, ihr eigenes Ding zu machen. “Wir müssen dort klug kooperieren, wo es nicht an die Identität der Sender geht. Wie wäre es etwa mit einem gemeinsamen Nachtprogramm aller Inforadios?” Sie baut außerdem auf die Solidarität im Senderverbund. Das klappe in Ansätzen bereits: Andere ARD-Sender gewähren dem RBB derzeit ein Darlehen über 20 Millionen Euro. Ohne diesen Kredit, den der RBB von 2016 an zurückzahlen muss, hätte der Sender bereits 2009 vor ernsthaften Liquiditätsproblemen gestanden.

Reim mahnte trotzdem: “Der Rundfunk ist in Deutschland föderal gedacht. Deshalb ist nicht vorgesehen, in einer ärmeren Region in Deutschland schlechteres Programm zu senden.” Sie muss bald mit den Chefs der acht anderen Landessender über eine Novelle des Strukturausgleichs verhandeln, wie das die Länder fordern. Die RBB-Intendantin ist sich aber auch bewusst, “dass beim Geld die Freundschaft aufhört”.

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Was du kannst, kann ich auch

Der Nachrichtensender CNN kündigt der Newsagentur AP und will selbst Schlagzeilen verkaufen.

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am 24. Juni 2010

Der Nachrichtensender CNN lehrt Nachrichtendienstleister das Fürchten. Sein Engagement auf dem Markt, auf dem News gehandelt werden, hat zuletzt stark zugenommen. Bisher expandierte der in Atlanta ansässige Kanal nur im TV-Geschäft - und betreibt neben einem 24-Stunden-Angebot für die USA und dem ebenfalls etablierten CNN-International auch Ableger in der Türkei, Spanien, Chile und Indien. Jetzt greift der Nachrichtensender aber nicht nur auf dem Fernsehmarkt an: CNN hat der Nachrichtenagentur AP gekündigt. Die Mission: Der Sender will selbst Schlagzeilen verkaufen.

Die neuen Marken des Medienhauses, das hierzulande mit Exklusiv-Berichten vom Golfkrieg Anfang der Neunzigerjahre bekannt wurde, heißen CNN News Wire und CNN Share. CNN-Chef Jim Walton schrieb seinen Mitarbeitern, sein Sender selbst werde “ab sofort die Hauptquelle für all unsere Plattformen sein”, was die TV-Ableger ebenso umfasst wie etliche News-Portale im Internet und Lieferungen von sendefertigen Nachrichten an US-Radiostationen.

Der Schritt, der Associated Press zu kündigen, ist bemerkenswert. Immerhin ist die AP auf dem US-Markt unangefochtener Marktführer - weit mehr als hierzulande die dpa. Hinter der Entscheidung steht eine klare Botschaft: CNN glaubt, aus eigner Kraft heraus bieten zu können, womit Nachrichtenagenturen bisher ihr Geld verdient haben. So können Zeitungen wie Onlinedienste auf der Plattform CNN News Wire die Recherchen des Senders kaufen - einzeln, wie das bei Musiktiteln im Netz bekannt ist, oder auch im Abonnement, wie das bei klassischen Agenturen läuft.

Doch auch CNN baut offensichtlich nicht ausschließlich auf seine Reporter. So kündigte der Sender zwar der AP, bezieht aber noch immer Meldungen der Agence France-Presse (AFP), die auch in den USA immer stärker vertreten ist. Vor allem hat CNN nach dreijähriger Abstinenz wieder ein Abo mit der Agentur Reuters abgeschlossen, die sich vor allem um Wirtschaftsberichte kümmert. Aber auch Reuters ist kein Vergleich zu AP, schon gar nicht in den USA, dem Mutterland des News-Kanals.

CNN setzt nach Informationen dieser Zeitung aber auch auf eine ganz andere, völlig neue Technologie: Newstin. Das ist eine Plattform, die IT-Experten in Prag entwickelt haben. Ihr “Emerging Stories Detector” scannt das Netz nach den Bedürfnissen des Nutzers auf der ganzen Welt nach Themen, die sich rasch verbreiten. Schlägt der geheime Algorithmus an, schrillt Alarm. CNN ist Entwicklungspartner von Newstin, das unter anderem auch mit deutschen Sendern und der Bild-Zeitung im Gespräch ist. Auch diese Plattform soll CNN helfen, etablierten Agenturen das Leben schwer zu machen.

» zum Originaltext auf fr-online.de

Kisten packen

Medienrat bekräftigt Lizenzentzug für Radio Paradiso.

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am 23. Juni 2010

Bei Radio Paradiso müssen sie Kisten packen: Der Rat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) hat gestern seinen Beschluss vom Mai bekräftigt und dem christlich angehauchten Programm definitiv die Verlängerung seiner Sendelizenz versagt, die nach dem Berliner Medienrecht im November endet und zwangsläufig ausgeschrieben werden musste. Zum Zug kommt wie angekündigt Oldiestar, das jetzt den Ausbau seiner Welle vorbereiten kann. Radio Paradiso will den Lizenzentzug rechtlich anfechten. Der siebenköpfige Medienrat verzichtete zunächst weiter darauf, seine Begründung für die Entscheidung öffentlich zu machen. In einer Mitteilung der MABB hieß es nur, Radio Paradiso sei “wiederholt” auf Defizite bei den Programmleistungen hingewiesen worden und es seien “Zweifel begründet, ob in der Zukunft wesentliche Verbesserungen beim Wortprogramm zu erwarten sind”.

Ein einziges Gespräch

Paradiso-Chef Matthias Gülzow beteuerte im Gespräch mit der Berliner Zeitung, es habe in der 13 Jahre dauernden Betriebszeit nur ein einziges Mal ein Programmgespräch mit der Medienanstalt gegeben - und einen Briefwechsel. MABB-Direktor Hans Hege machte im September 2009 deutlich, eine Studie habe “ergeben, dass nach bisheriger Bewertung das Programm deutlich von der erteilten Sendeerlaubnis abweicht”, zitierte die Analyse (”Der Substanzverlust ist ohne Vergleich”) und mahnte, Paradiso habe “entgegen der Sendeerlaubnis mithin einen deutlich unterdurchschnittlichen Wortanteil”. Zudem sei “die ,christliche Orientierung’ im werktäglichen Programm kaum noch erkennbar”.

Das Problem aber ist: Gülzow räumte daraufhin Mängel ein, schob das auf Krankheitsfälle in seiner ohnehin dünn besetzten Redaktion und besserte am Programmschema nach. Eine ähnlich aufgebaute Neuauflage der Studie bestätigte das sogar. Zudem nahm die MABB auch den letzten jährlichen Programmbericht von Radio Paradiso ohne Murren zur Kenntnis, wie Gülzow weiter sagte. Daneben sind heute nicht nur die stündlichen “Texte aus der christlichen Tradition” Teil des Regelbetriebs, sondern auch auf Moral pochende Kommentare des Wortchefs und Pastors Günter Mahler.

Chance für Oldiestar

Dass sich Paradiso zuletzt mit dem Promi-Kabarettisten Eckhart von Hirschhausen einen “engagierten Protestanten” (Gülzow) leistete, der über Glück als gesellschaftlichen Wert philosophieren durfte - und damit für sich warb - überzeugte die Lizenzgeber ebenfalls nicht, wie auch dieser Komplex: Gülzow scharte um Paradiso zuletzt immer mehr Programme, darunter JazzFM und JamFM, dessen Musik nur schwerlich stets christliche Werte abbilden dürfte. Gülzow aber sagt: “In der Vermarktung sind wir Partner und haben auch sonst im Hintergrund Synergien geschaffen. Die MABB gefährdet mit unserem Aus deshalb die wirtschaftliche Grundlage der anderen Sender.”

Auch wenn die ausführliche Begründung der MABB noch nicht öffentlich ist, wird klar: Die Medienwächter drücken nicht bewusst ein kirchlich gefärbtes Programm aus dem Markt, sondern einen Sender, der für sein Alleinstellungsmerkmal zu wenig unternahm oder aus finanzieller Sicht möglicherweise auch gar nicht konnte, denn: Vor allem die evangelische Kirche übernahm viele Kosten für explizit christliche Inhalte auf Paradiso - wie auch schon das Startkapital. Es drängt sich aber die Frage auf, ob ihr Engagement zu dürftig war.

So war auch der vielbeschworene publizistische Mehrwert kaum noch ein Argument, um Paradiso zu halten. Auch hier hätte sich die Kirche stärker engagieren können. So aber fällte die MABB das Urteil, Oldiestar habe schon als Kleinstsender “beachtliche Programmleistungen” erbracht und warte insgesamt mit einer “besseren Vielfaltsprognose” auf.

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Kein Gehör für Gottes Wort

Heute will der Medienrat den Lizenzentzug für das christlich geprägte Radio Paradiso begründen.

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am 22. Juni 2010

Radiomacher in Berlin und Brandenburg sind heute ganz Ohr. Sie warten darauf, wie der Medienrat, der das Schicksal privater Sender in seinen Händen hält, seine jüngste und am meisten Aufsehen erregende Entscheidung begründet: das Ende des explizit christlich geprägten Radios Paradiso.

Der Kanal, der sich direkt wie indirekt große Teile seines Engagements von der evangelischen Kirche sponsern lässt, muss sich nach mehr als einem Jahrzehnt vom Äther trennen. Der Medienrat lehnte den Antrag auf Verlängerung der Sendelizenz ab. Diesen Beschluss für das Ende von Radio Paradiso - zugunsten eines Ausbaus des Kanals Oldiestar - fällte das mächtige Gremium bereits im Mai. Doch erst auf seiner heutigen Sitzung will es seine Begründung freigeben.

Weil sich der Medienrat so lange über seine Beweggründe ausschweigt, hat sich auf dem Radiomarkt große Unsicherheit breitgemacht. Sender-Manager berichten, nun auch um ihre Vertragsverlängerungen zu bangen. Konkret steht die nächste Ausschreibung für die Frequenzen des BBC-World-Services (bis November 2010), Radio Teddy (Dezember 2011) Radio France (Juni 2012) und 104.6 RTL (September 2012) an. Das ist nach Berliner Medien-Recht mindestens alle 14 Jahre Pflicht, hat also nicht unbedingt mit einem Misserfolg eines bestehenden Kanals zu tun.

Verantwortliche aus diesen und anderen Sendern bemängeln dem Vernehmen nach einhellig, der Medienrat goutiere bei der Ausschreibung aber keine wirtschaftlichen Erfolge, denn: Paradiso macht unterm Strich seit Jahren Gewinn. Ein Problem sei auch: Der Medienrat gebe während der Laufzeiten äußerst selten ein Feedback. Kurz: Wie steht es um die Berechenbarkeit der Beschlüsse für die Programmmacher, wenn Programmverstöße oder Minus-Geschäfte allein nicht zur Weitergabe der Frequenzen führen?

Die große, bisher vom Medienrat nicht beantwortete Frage ist: Schießt er in seiner aktuellen Besetzung Paradiso ab, weil er keine kirchlich geprägten Sender in seiner Region dulden will - oder stehen doch handwerkliche Überlegungen hinter der umstrittenen Entscheidung? Die hat immerhin zu einer Kampagne der Bild-Zeitung geführt. Auch Politiker wie Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Volker Kauder (CDU) machten sich medienwirksam für den Erhalt des Kanals stark.

Den insgesamt siebenköpfigen Medienrat leitet die ehemalige Berliner Justizsenatorin und Ex-Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach. Mitglied ist unter anderen auch der ehemalige RBB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer. Wie es heißt, kamen für den Geschmack des Gremiums christliche Inhalte als avisiertes Alleinstellungsmerkmal zuletzt zu kurz. Zumal Oldiestar-Chef Oliver Dunk dem Medienrat gesagt habe, auch sein Programm “strahlt christliche Werte aus”. Überzeugend sei auch gewesen, dass er im Sonntags-Talk “Chefsache!”, den Dunk selbst moderiert, zuletzt auch Kirchenvertreter zu Gast gehabt habe.

Tatsächlich wartet Radio Paradiso vor allem mit Soft-Musik auf, aber eben auch mit festen Elementen, um christliche Werte zu transportieren. Immer zur halben Stunde laufen auf dem Sender “Gedanken zum Auftanken”, kurze Texte aus christlicher Tradition. Doch schon 2009 bescheinigte eine Studie: Die als “Texte aus der christlichen Tradition” angelegten Sprüche seien teils “beliebig”. Paradiso griff daraufhin die Grundlage der Studie an und versprach Besserung.

Paradiso-Chef Matthias Gülzow glaubt zudem an ein Missverständnis. Ein christlicher Sender müsse sich nämlich nicht Riten und Ausdrucksformen der kirchlichen Andachten zu eigen machen. Er laufe sonst schließlich Gefahr, nur Leute zu erreichen, die ohnehin kirchlich sozialisiert seien. In seinen Antrag auf Lizenzverlängerung habe Gülzow deshalb geschrieben, das Konzept von Radio Paradiso sei “von Anfang an” anders gewesen und bediene sich “bewusst der Ausdrucks- und Stilformen privater Anbieter”. Den Medienrat hat dieser Hinweis offensichtlich nicht überzeugt.

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Alles außer Eskimos

Im Fernsehen ist Südafrika überall - auch da, wo man es nicht vermutet: Weil Drehbedingungen und Filmförderung dort so günstig sind, hält das Land auch schon mal für Vietnam, Chile oder Neuseeland her. So ist am Kap eine kleine Filmindustrie entstanden, die vor allem von Europäern genutzt wird.

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am 21. Juni 2010

Die Menschen haben Kübel mitgebracht, laufen immer wieder ans Meer und zurück. Eimer für Eimer kippen sie Wasser über die massigen Meeressäuger, die am Strand in einer Reihe liegen. Ein Hubschrauber kreist über der Szene, das Fernsehen überträgt live. Es hilft nur alles nichts. Bei Ebbe können die Tiere nicht zurück ins Meer gebracht werden. Ein Wal nach dem nächsten verendet.

Es sind dramatische Szenen, die sich da am Strand abspielen: Im ZDF-Zweiteiler “Das Geheimnis der Wale” kämpft Veronica Ferres als Spontan-Ökoaktivistin gegen einen großen Gaskonzern, der durch seine Bohrungen vor Neuseeland die gesamte Unterwasserwelt durcheinander bringt und den Orientierungssinn der Wale außer Gefecht setzt.

Die Tiere sind natürlich nicht echt, sondern perfekte Attrappen - und Neuseeland liegt in diesem Fall auch gar nicht neben Australien. Sondern in Südafrika. Dort wurde “Das Geheimnis der Wale” vor anderthalb Jahren gedreht. In den fertigen Film, der im Januar im ZDF lief, wurden nachträglich Luftaufnahmen aus Neuseeland montiert.

Die ZDF-Produktion ist keine Ausnahme: Nicht nur für den Fußball ist der Staat an der südlichsten Spitze Afrikas in diesem Jahr von enormer Bedeutung. Schon lange vor der WM hat die Filmbranche das Land entdeckt - als kleines Paradies für Dreharbeiten. Etliche Romanzen, in denen Christine Neubauer oder Hannelore Hoger ihr Glück in Afrika finden, wurden dort gedreht. Aber Südafrika steckt auch in Filmen, die ganz andere Orte im Titel tragen: Der Sat.1-Zweiteiler “Eine Liebe in Saigon” mit Desiree Nosbusch ist am Kap entstanden, ebenso wie die Filme “Kongo” (ZDF) und “Der Untergang der Laconia” (ARD), die dieses Jahr im Fernsehen laufen. So wie die Schauspieler im Film schlüpft ein ganzes Land in eine andere Rolle: Vietnam, Neuseeland, Chile, West- oder Zentralafrika - je nachdem, was die Macher bei Giselher Venzke anfragen.

Der größte Vorteil: die vielen Klimazonen

Der 55-Jährige lernte das Filmhandwerk in der DDR, startete seine Karriere als Aufnahmeleiter beim volkseigenen Filmstudio Defa und besuchte die ostdeutsche Filmhochschule. Kurz vor dem Mauerfall machte er per Ausreiseantrag rüber, produzierte weiter Filme und arbeitete als Organisator im Ost-Berliner Büro der ARD. 1995 zog es ihn für einen Film erstmals nach Südafrika - damals sprach er kein Wort Englisch. Das mit üppigem Sonnenschein gesegnete Land zog ihn dennoch in seinen Bann.

Zwei Jahre später, 1997, gründete Venzke bereits in Kapstadt seine Firma Two Oceans Productions, die sich darum kümmert, in der Region die unterschiedlichsten Winkel dieser Erde zu imitieren. Das geht, weil Südafrika so viele unterschiedliche Klimazonen hat. Wüste? Kein Problem. Tropen? Geht auch! “Außer Eskimos und Schneetreiben bieten wir fast alles”, sagt Venzke. Und meint nicht nur besonders exotische Schauplätze: Auch Hamburg oder die Türkei kriegt sein Team hin.

“Es gibt viele Gründe, warum nicht in den Ländern gedreht wird, in denen die Filme spielen - meist wirtschaftliche, logistische oder politische”, erklärt der Film-Profi, der für manche Aufträge bis zu 100 Mitarbeiter beschäftigt, oft im Auftrag der deutschen Produktionsfirma Teamworx, die “Das Geheimnis der Wale” fürs ZDF gedreht hat.

Dreharbeiten in Neuseeland wären schlicht zu teuer gewesen - aus europäischer Perspektive, denn bei US-Produktionen und wuchtigen Hollywood-Filmen ist Neuseeland mit seiner ebenfalls vielfältigen Kulisse und gutem Wetter oft die erste Wahl, Stichwort “Herr der Ringe”. Für deutsche Darsteller hingegen ist Südafrika allein deshalb praktischer, weil der Staat in ihrer Zeitzone liegt. Teamworx-Produzent Sascha Schwingel erklärt: “Da kommt niemand mit einem Jetlag an und Schauspieler, die ein paar Tage Drehpause haben, können zu ihrer Familie nach Hause fliegen.”

Manchmal müssen Maori eingeflogen werden

Beim ZDF-Spielfilm “Kongo”, in dem Maria Simon den vermeintlichen Selbstmord eines Bundeswehrsoldaten im Feldlager bei Bukavu aufklärt, sind die Gründe noch viel einleuchtender: Es geht um die Sicherheit. Die Demokratische Republik Kongo ist nicht gerade für ihre politische Stabilität bekannt. Vor und nach den Wahlen vor zwei Jahren kam es immer wieder zu drastischen Kämpfen der verfeindeten politischen Lager, häufig mit tödlichem Ausgang. Filmdrehs sind dort undenkbar.

So vielfältig die Natur in Südafrika aber auch sein mag: Komparsen zu finden, die so aussehen, als würden sie auf einem völlig anderen Kontinent leben, ist schwer. “Es ist immer eine Herausforderung, wenn wir Massai aus Kenia, Maori aus Neuseeland oder Vietnamesen für einen Dreh suchen”, sagt Venzke. Dann hilft nur ein aufwändiges Casting. Oder eine verdammt gute Maske. Doch auch das klappt nicht immer. Auftraggeber Schwingel habe für seinen Wal-Thriller extra Neuseeländer eingeflogen, berichtet er. Weil das Wasser vor Kapstadt zu trüb war, musste das Team außerdem für einzelne Szenen nach Sansibar reisen, um die Protagonistin tauchen zu lassen. “Wer in Südafrika dreht, muss improvisieren können”, sagt der Produzent.

Auch in Deutschland versucht man sich in größtmöglicher Flexibilität für Filmschaffende. Der Kinofilm “Ein russischer Sommer” etwa wurde nicht in Russland, sondern in Brandenburg und Sachsen gedreht. Roman Polanskis Thriller “Ghostwriter” spielt in London, ist aber teilweise in der Berliner Charlottenstraße entstanden. Szenen von “Wüstenblume” entstanden am Berliner Ku’damm statt in New York.

Ausschlaggebend für die Wahl der Drehorte ist oft die Filmförderung, die den Dreh oder aber wenigstens Schnitt und Endproduktion vor Ort zur Auflage macht. Ein Instrument, um die örtlichen Filmschaffenden mit Arbeit zu versorgen oder aber Touristen anzulocken, die Orte besichtigen wollen, die sie aus dem Kino oder dem Fernsehen kennen.

Die Konkurrenz kommt aus Osteuropa

Südafrika hingegen lockt mit direkten Umsatzrabatten von bis zu 20 Prozent. Wer für seinen Film dort Geld investiert, kriegt vom Staat etwas zurück. “Das hilft vielen bei ihrer Entscheidungsfindung - zu unseren Gunsten”, sagt Organisator Venzke. Und das Land investiert, um seine Position zu stärken: Nach der Fußball-WM soll in Kapstadt für etwa 50 Millionen Euro ein neuer Studiokomplex entstehen - “alles Hollywood-geprüft”, erklärt Venzke.

Im Laufe der Jahre ist in Südafrika eine ganze Film-Industrie entstanden, vom Technik-Ausstatter bis zur Kulissen-Schmiede. Die Spezialisten vor Ort kümmern sich auch um ungewöhnliche Aufträge: Für “Der Untergang der Laconia” wurden eigens zwei U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg nachgebaut, eines aus 80 Tonnen Stahl, das auf Kommando mit 200 Mann Besatzung abtauchen kann.

Doch manchmal muss Südafrika im Wettbewerb der Drehorte auch zurückstecken. Thailand zum Beispiel gibt ebenfalls atemberaubende Einstellungen her. ProSieben drehte dort etwa seinen Zweiteiler “Die Schatzinsel” mit Tobias Moretti und Christian Tramitz. Im Gespräch war dafür auch Südafrika, Thailand aber sorgte mit seinem Inselreichtum für passendere Bilder. Für Konkurrenz sorgt außerdem Osteuropa, denn in Rumänien und Bulgarien stehen noch aus alter Zeit riesige Studios leer, die nur auf ihre Nutzung warten. Venzke bangt: Teuer seien die Drehs dort auch nicht.

Trotzdem hat Südafrika bei der Wahl der Drehorte oft die Nase vorn: die günstigere Zeitzone und die westliche Infrastruktur sorgen seit Jahren für eine solide und kontinuierliche Auftragslage. Und schließlich ist da noch etwas, was keine noch so üppige Filmförderung wettmachen kann: das verlässliche Wetter. In manchen Landesteilen herrschen fast das ganze Jahr über Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad. Venzke sagt: “Das kann uns so schnell keiner streitig machen.”

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Leiser Abschied von ddp

Neustart im Kampf gegen den Marktführer dpa: Die Agenturen ddp und das frühere AP-Deutschland sollen fusionieren. Damit geht Vielfalt verloren - und eine echte Marke.

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am 21. Juni 2010

In der Reinhardtstraße 52 herrscht Hochbetrieb. Vis-à-vis der Bundespressekonferenz plant der langjährige dpa-Mann Cord Dreyer den Angriff auf seinen ehemaligen Arbeitgeber, die Deutsche Presse Agentur. Dreyer ist heute in Personalunion Chefredakteur und Geschäftsführer beim Deutschem Depeschendienst (ddp) und beim aus dem deutschen Ableger der US-Agentur Associated Press (AP) hervorgegangenen Deutschen Auslands-Depeschendienst (DAPD). Nun soll Dreyer nach dem Wunsch der Eigentümer von ddp/DAPD, Martin Vorderwülbecke und Peter Löw, den bislang unangefochtenen Marktführer dpa “verzichtbar” machen.

Klar ist nun: Die bisherigen Beteuerungen, ddp und DAPD getrennt weiter zu betreiben, sind vom Tisch. Ab August wird nach taz-Informationen nur noch ein einheitliches Meldungsangebot der dpa Konkurrenz machen. Überraschend ist dabei, wer dabei auf der Strecke bleibt: Dreyer plant nämlich, die etablierte Marke ddp zu killen - knapp vor dem 40. Geburtstag im nächsten Jahr.

Vergangene Woche informierte er die Betriebsräte von ddp und DAPD sowie die Leitungsebenen über sein schon lange angekündigtes Konzept. Sinn macht dieser Schritt nur, wenn man sich die Geschichte des 1971 gegründeten Deutschen Depeschendienstes anschaut: Sie glich einer Achterbahnfahrt, mehrere Pleiten inklusive.

Die 2009 von Vorderwülbecke und Löw übernommene Agentur hatte es zwar zuletzt geschafft, sich aus einer anbahnenden erneuten Insolvenz wieder in die Gewinnzone zu kämpfen - was vor allem ein Verdienst der Redakteure ist, die dafür bis heute unter massiver finanzieller Entbehrung werkeln. Aber ddp stand bei den Kunden auch viel zu lange für ein löchriges, oft wenig verlässliches Angebot. Ein Manko im Wettstreit der News-Lieferanten, bei denen Zuverlässigkeit das wesentlichste Verkaufsargument ist. Nun soll das Viererkürzel des Dank der AP-Herkunft besser beleumundeten DAPD das Problem lösen - dann klein geschrieben als dapd.

Dreyer will die Pläne am 29. Juni seinen Leuten präsentieren. Für den folgenden Tag hat er die Presse geladen. Der Doppel-Chef will ihnen erklären, dass er neben der Fusion seiner bislang noch streng konkurrierenden Dienste eine Redaktion für Investigatives aufbaut, die “Korrespondenz und Recherche” heißen wird: Gut eine Hand voll Mitarbeiter sollen - vom Termingeschäft befreit - Exklusives ranschaffen. Die neue Vorzeige-Abteilung sollen Olaf Jahn (ddp) und Thomas Rietig (DAPD) leiten, außerdem hat Dreyer bereits zwei Exmitarbeiter von ARD-Politmagazinen gewonnen. Zusammenlegen will Dreyer auch alle bislang getrennten Ressorts von ddp und DAPD, geplant sind jeweils Doppelspitzen. So sollen Befehle an die weiterhin getrennt geführten Belegschaften delegiert werden können.

Das soll auch dabei helfen, zwei Häuser mit einander zu verzahnen, die aus völlig unterschiedlichen Kulturen stammen: Hier die AP-Journalisten mit gelegentlich elitärem Gehabe, dort die ddp-Reporter, die sich vielfach unter Wert verkauft haben.

Von Kündigungen ist bisher nicht die Rede. Wo Doppelarbeit verschwindet, weil Abteilungen fusionieren, soll Raum für mehr Recherche entstehen. Auch bei den meisten Inlandsbüros - ddp bietet keine Auslandsnachrichten an - werde so verfahren, heißt es. Nur in Hamburg, München, Düsseldorf und Stuttgart sollen die DAPD-Redaktionen zu reinen Wirtschaftskorrespondentenbüros mutieren. Setzt Dreyer diese Ankündigungen konsequent um, könnte hier durchaus eine Gefahr für die dpa heranwachsen.

» zum Originaltext auf taz.de