Jüngste Veröffentlichungen von Daniel Bouhs

Bitte hinten anstellen

Die Filmwirtschaft in Berlin und Brandenburg brummt. Studios haben kaum noch freie Kapazitäten.

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am 15. Juli 2010

Die Filmszene liebt offenbar die Hauptstadtregion. Ob Til Schweigers “Keinohrhasen” und “Zweiohrküken” oder Roman Polanskis “Ghost Writer” - die Attraktivität Berlins als Filmstadt bleibt auch in Zeiten der Krise erhalten. Das Medienboard Berlin-Brandenburg - verantwortlich für die Filmförderung - reklamiert den Erfolg für sich. “Film made in Berlin ist eine Marke geworden”, sagte die Chefin der Filmförderung des Medienboards, Kirsten Niehuus.

Zusammen mit Petra Müller, verantwortlich für das Standortmarketing, verteilt sie Steuermittel an deutsche und internationale Produktionen. Diese Starthilfen fallen üppig aus. 2009 waren das 28,9 Millionen Euro. Aber die Filmemacher erhalten das Geld nicht einfach so. Sie müssen dafür mit dem Medienboard einen Deal eingehen: Entweder zeigen sie in ihren Filmen die Region oder aber sie buchen Studios sowie Filmprofis in Berlin und Brandenburg. Das soll helfen, die Region stärker ins Bewusstsein des Publikums zu heben, den Tourismus anzukurbeln oder aber die ansässige Wirtschaft zu stärken.

Nachfrage aus den USA

Die Steuermittel lohnen sich. Inzwischen drehen international gefeierte Regisseure in der Hauptstadt. So hat gerade erst Roland Emmerich in den Studios Babelsberg für seinen nächsten Streifen “Anonymous”, der William Shakespeare nachspüren will, einen Straßenzug nachgebaut, wie er im 16. Jahrhundert in London ausgesehen haben müsste. Nicht nur Schauspieler profitieren davon, auch das Handwerk, diverse Medienschaffende sowie Hotels und Gastronomie. Der sogenannte Regionalfaktor lag 2009 bei rund 360 Prozent. Das heißt, pro einem Euro Fördergeld blieben 3,60 Euro Umsatz durch Filmarbeiten in der Region. Zwar lag der Nutzen deutlich unter dem Faktor von 2008 mit gut 430 Prozent, dennoch steht Berlin-Brandenburg vergleichsweise gut da: In Hamburg etwa setzte jeder Fördereuro im selben Jahr nur 2,20 Euro um.

Das traditionsreiche Studio Babelsberg ist inzwischen völlig ausgelastet: Das Land denkt darüber nach, wie angebaut werden könnte. “Die Wirtschaftskrise ist natürlich auch an Berlin nicht einfach so vorbeigezogen, aber sie ist hier eher glimpflich ausgegangen”, sagte Müller. Ein Sterben der Filmbranche in der Region, wie es manch einer befürchtet hatte, sei nicht eingetroffen. Niehuus berichtete, US-Produktionen seien vom Beinahe-Kollaps der Finanzbranche viel mehr betroffen worden - sie finanzierten sich stärker als europäische über Kapitalanlagen. Ein Umstand, der dem Medienboard in die Hände spielte: “US-Produktionen suchen Geld in Europa und sie sind bereit, dafür Rechte abzutreten”, sagte Niehuus. “Das ist für die Amerikaner ein enormer Wandel.”

In diesem Jahr will sich das Medienboard neben der Filmförderung zudem wieder verstärkt um die Lichtspielhäuser selbst kümmern. Kinos - gut 90 sind es allein in Berlin - sollen bald Zuschüsse beantragen können, um ihre Abspieltechnik auf den neuesten Stand bringen zu können. Denn die klassische Filmrolle ist bald passé. Die Kinos müssen sich bald Filme als digitales Paket bei den Verleihern über Datenleitung selbst abholen. Für die notwendige Umrüstung wollen die Länder Kinobetreibern über das Medienboard in diesem Jahr 300 000 Euro anbieten.

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Er hat “Jehova” gesagt!

Die Zeugen Jehovas fordern Sendezeit bei der Deutschen Welle - bisher ein Exklusivrecht der großen christlichen Kirchen.

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am 13. Juli 2010

Nicht immer vertreiben sich die Zeugen Jehovas ihre Zeit damit, in nahezu angenehmer Unaufdringlichkeit in Fußgängerzonen ihren Wachtturm anzupreisen. Das Missionieren kann auch andere Züge annehmen.

So landete dieser Tage ein ungewöhnliches Begehr auf dem Tisch von Erik Bettermann. Der Intendant der Deutschen Welle (DW), dem Auslandsrundfunk der Bundesrepublik, möge den Zeugen Jehovas doch bitte Sendezeit gewähren, so wie die DW-Radio- und Fernsehkanäle das auch für die katholische und evangelische Kirche tun. Mit anderen Worten: Die Zeugen Jehovas wollen Programmplätze!

In der Bonner DW-Sendezentrale sorgt das Schreiben für Verwunderung. Sprecher Johannes Hoffmann, sagte der taz: “Es ist das erste Mal, dass eine solche Anfrage an die Deutsche Welle herangetragen wurde.” Es handele sich “um einen Präzedenzfall, der eingehend geprüft wird”. Nun nehmen sich also erstmal Juristen der Sache an.

Die Zeugen stützen sich auf das Gesetz der Deutschen Welle, die, anders als ARD und ZDF, nicht von Gebühren, sondern von Steuern lebt. Wichtig ist der Paragraf 17, der die Sendezeiten für Dritte regelt: Die Welle muss demnach der evangelische und katholischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde auf Wunsch Programmplätze bieten - für Gottesdienste und “sonstige religiöse Sendungen”. Andere “über das gesamte Bundesgebiet verbreitete Religionsgemeinschaften des öffentlichen Rechts” müssen zudem “angemessen berücksichtigt werden”.

Hier liegt der Knackpunkt des Antrags der Zeugen, die hierzulande rund 160.000 Anhänger haben und bereits von zwölf Bundesländern als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wurden, meist erst nach einem massiven Prozessmarathon. Damit sind sie bundesweit fast überall rechtlich den großen Kirchen gleichgestellt - und können sich an entsprechende Passagen der Sendegesetze hängen.

Die Öffnung der öffentlich-rechtlichen Sender für die Kirchen macht sich vor allem am Wochenende bemerkbar, etwa mit dem katholisch-evangelisch bespielten “Wort zum Sonntag”, das im Ersten und im DW-Hörfunk läuft. Zudem überträgt die Welle auch Gottesdienste und – im TV – monatlich eine Dokumentation mit dem Titel “Glaubenssachen”. Die Frage wird sein: Reicht den Zeugen die Mitgliederzahl, und dass sie zwar von vielen, aber nicht von allen Ländern das “Go” haben?

DW-Sprecher Hoffmann wollte sich zu den Aussichten des Antrags nicht äußern. Wegen der “grundsätzlichen Bedeutung” des Falls habe sein Haus erst einmal die Rechtsaufsicht um eine rechtliche Prüfung gebeten - und damit Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Erst wenn sein Gutachten vorliege, wolle sich auch die Welle ein Urteil bilden. Das könnte auf lange Sicht auch für andere Glaubensgemeinschaften mit Sektenimage ein Einfallstor sein. Etwa Scientology, das sich ebenfalls um offizielle Anerkennung in Deutschland bemüht.

Ob es bald ein “Wachtturm TV” geben wird? Und ob sich die Glaubensgemeinschaft auch bemühen will, bei den ARD-Anstalten oder im ZDF Sendeplätze zu ergattern? Die Zeugen Jehovas wollten sich zu ihren DW-Plänen nicht äußern. Benjamin Menne, Mitarbeiter der Rechtsabteilung des Zeugen-Zweigbüros in Selters, sagte allerdings, zumindest Radiosendungen seien “nichts absolut Neues”. So habe das frühere Rias Predigten ausgestrahlt. Außerdem liefen auf Bayern 2 von den Zeugen eigenproduzierte Sendungen - etwa an diesem Sonntag zum Thema “Ist der Glaube an Gott vernünftig?” Menne: “Die Radiosendungen auf Bayern 2 sind als exemplarisch für die Sach- und Rechtslage anzusehen.”

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Der Weg nach oben war verbaut

Für Steffen Seibert bot das ZDF kaum Karrierechancen.

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am 13. Juli 2010

Bis sich Steffen Seibert nach der Sommerpause als neuer Regierungssprecher darin probieren darf, die Entscheidungen der Kanzlerin zu vermarkten, bleibt noch viel Zeit, um sich zu fragen: Warum wirft der 50-Jährige bloß seine tadellose journalistische Karriere fort? Seibert selbst lässt sich bisher nur mit kargen Worten zitieren. Etwa, dass die Regierung Angela Merkels Deutschland eine gute Zukunft sichere und er “mit aller Kraft” helfen wolle, diese Politik zu vermitteln. Das allein aber dürfte nicht den Anstoß gegeben haben, die in 22 Jahren mit viel Herzblut errungene Beliebtheit beim Publikum nach Berlin zu tragen - und vor allem, um nun statt Journalismus Politik zu betreiben, wo Sympathie rasch verbrennt, so mühsam sie zuvor aufgebaut worden sein mag.

Ein Blick ins ZDF zeigt immerhin, wie marode die Karriereleiter über dem Moderator von “heute” und “heute-journal” zuletzt aussah. Große Chancen auf eine brauchbare Veränderung haben sich Seibert jedenfalls nicht mehr angeboten, der lange Reporter und Programmmacher war und als Redakteur des “heute-journals” sowie als Washingtoner Korrespondent oft hinter der Kamera stand. Moderator war er lange genug. Vor den Nachrichten führte er schon durch das Schicksalsmagazin “Hallo Deutschland”, das “Morgenmagazin” und die “ZDF.reporter”, die mit Seibert anfangs noch wesentlich anspruchsvoller waren als ohne ihn.

Mit Peter Frey hat sich die ZDF-Chefredaktion gerade erst neu gefunden. Strategisch wichtige Posten wie die Leitungen der sogenannten Hauptredaktionen schnappten sich andere. So wies Frey etwa dem ehemaligen “Frontal21″-Gesicht Theo Koll neben der Leitung der Außen- auch die Aufsicht über die Innenpolitik zu, ein Superressort, in dem Seibert keinen adäquaten Platz hätten finden können. Und erst am Freitag, einen Tag bevor Seiberts Personalie die Runde machte, ernannte Frey mit dem Zuschauerliebling Michael Opoczynski (”Wiso”) einen neuen Chef für Wirtschaft, Recht, Soziales und Umwelt. Mit Freys Nachfolgerin Bettina Schausten ist seit Kurzem auch das Hauptstadtstudio blockiert.

Als Chefredakteur Frey im April sein Amt antrat, stellte er in Aussicht, einigen wenigen Moderatoren mit zusätzlichen Formaten zu mehr Präsenz verhelfen zu wollen. Mit Marietta Slomka und dem allgegenwärtigen Claus Kleber hat er längst zwei gefunden, die auf die fernseh-journalistische Währung der Dokumentation setzen dürfen. Auch Seibert konnte sich schon üppig abseits der News-Kulisse austoben, war mit “Ich kann Kanzler” und “Unsere Besten” aber nur im weicheren Infotainment unterwegs. Auf Dauer zu wenig? Wie gesagt: Seibert schweigt. Auf eine Anfrage dieser Zeitung sagte er nur knapp: “Vor meinem Amtsantritt möchte ich keine Interviews geben - und danach wohl auch nicht sofort.”

Wieder nur Korrespondent werden, das wäre für ihn, der mehr oder minder zufällig, aber immer fleißig und vor allem zuverlässig Karriere machte, kein Aufstieg. Wenn alle spannenden Posten weg scheinen und ein Gang zu den Privaten keine Option ist (Seibert im Herbst: “Wir werden nicht warm miteinander”), dann bleiben Ausharren oder flotter Abgang. Er hat sich für Letzteres entschieden. Und so ist Seiberts Fortgang eine “sehr persönliche Entscheidung”, wie ZDF-Programmchef Thomas Bellut am Sonnabend auf einer Tagung des Netzwerks Recherche vermutete, auf der Seibert mit seiner Ankündigung für spontane Diskussionen sorgte. Die Entscheidung ist durchaus auch, wie Bellut anmerkte, “schade für das ZDF”. Aber sie ist vor allem eins: konsequent von Steffen Seibert.

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Merkels Moderator

Der neue Regierungssprecher Steffen Seibert soll die wenig überzeugende Politik besser verkaufen.

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am 12. Juli 2010

- von Daniel Bouhs und Gerold Büchner -

Ob sich Steffen Seibert bewusst ist, zu welchem Bild er beiträgt? Das ZDF-Gesicht wechselt jedenfalls in einem Monat die Fronten. Er wird dann zwar weiter die Schlagzeilen präsentieren, aber eben nicht mehr aus der unabhängigen Warte heraus, sondern im Dienste der Kanzlerin. Seibert wird vom 11. August an nicht mehr das Weltgeschehen in “heute” und “heute-journal” verkünden, sondern die Botschaften Angela Merkels. Er wird der neue Sprecher der Bundesregierung.

Das ist eine Personalie, die am Wochenende nicht nur völlig überraschte, weil sie bis dahin ein auffallend gut gehütetes Geheimnis war. Sie stimmt auch nachdenklich: Für Unmut sorgte schon, dass Angela Merkels amtierender Sprecher Ulrich Wilhelm demnächst den Bayerischen Rundfunk leitet und somit aus der Politik heraus in die öffentlich-rechtliche Senderwelt wechselt. Nun scheint es so, als greife sich die Regierung aus just diesem System einfach einen Ersatz ab. Die Vermutung drängt sich auf, das alles sei ein Kreislauf, ein ewiges Geben und Nehmen. Stehen sich Politiker und die Verantwortlichen von ARD und ZDF viel näher, als sie zugeben?

Unmut beim ZDF

Seibert wollte immerhin schon früh im Regierungsauftrag handeln. Als er im Herbst in Frankfurt mit angehenden Journalisten plauderte, erzählte er ihnen: “Journalismus war für mich höchstens Plan C oder D.” Spannender sei für ihn ursprünglich die Diplomatie gewesen. Dumm nur, dass er von ihr annahm, er könne mit einem Drink in der Hand irgendwo auf der Welt an einem Pool stehen und “ein bisschen Geheimdienstarbeit” hinter sich bringen, wie Seibert sagte.

Stattdessen machte er eine Blitzkarriere: Hospitanz im ZDF-Studio London, journalistische Ausbildung per Volontariat in der Senderzentrale in Mainz und gleich im Anschluss schon das Redakteursdasein beim “heute-journal”. Eine begehrte Stelle hinter der Kamera, von der Seibert sagt, das sei “unverschämtes Glück” gewesen. Er habe sogar “Angst gehabt, das nicht zu können und die würden das rausfinden”.

Von dieser Unsicherheit ist nichts mehr übrig. Der 50-Jährige macht längst eine gute Figur. Und das dürfte auch in erster Linie sein, was sich die Kanzlerin von ihm wünscht: gute Miene auch zu schlechtem Spiel. Das kann Ulrich Wilhelm zwar ebenfalls gut. Doch während der Noch-Regierungssprecher nach ersten journalistischen Versuchen in die bayerische Ministerialbürokratie abwanderte, folgt ihm mit Seibert einer, der Objektivität verkörpert, aufgebaut in 22 Jahren beim ZDF. Die Berufung Wilhelms 2005 war ein Zeichen, dass die frisch gebackene Kanzlerin auf Verwaltungserfahrung und Unionstreue setzte; Wilhelm ist CSU-Mitglied, er sprach einst für Stoiber und wusste große Apparate wie das Bundespresseamt zu lenken. Seibert dagegen steht bisher für sich selbst und die Ansprüche des unabhängigen Journalismus. Ein Anchorman für Merkel - mehr unangreifbare Seriosität hätte sich die Kanzlerin wohl nicht holen können.

Im ZDF sorgt der Wechsel deshalb auch sichtlich für Unmut. Chefredakteur Peter Frey warf dem Abtrünnigen in einer lieblosen Mitteilung hinterher: “Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat.” Vor allem aber sagte Frey, dass Seibert seine “bundesweite Bekanntheit, die er auf dem Schirm als Moderator erworben hat, und die damit verbundene Kompetenz und Glaubwürdigkeit” mitnehme.

Bemerkenswert an Seibert ist, dass er sich einerseits klar konservativ gibt. In Talkshows plädierte er etwa für Manieren. Studenten erzählt er, die FAZ anderen Blättern vorzuziehen. Als Lieblings-Internetseite gab er die der Frankfurter Oper an. Und bekannt ist auch, dass Seibert erst aus der evangelischen Kirche austrat, um - nach langjähriger Pause - in die katholische einzutreten. Der gebürtige Münchner ließ sich aber stets nur gesellschaftlich, keinesfalls politisch verorten, schon gar nicht fest im Lager der Union. Auf Fragen nach seiner politischen Vorliebe sagt er: “Ich kann nur sagen, dass ich bis auf die Linkspartei alle Parteien, die im Bundestag sitzen, schon mal gewählt habe.” Umso überraschender ist sein Wechsel. Wer für Merkel spricht, muss hinter ihrer Politik stehen - oder darf daran jedenfalls keinen Zweifel aufkommen lassen.

Die Opposition reagierte mit mildem Spott auf die Nominierung. “Viel Spaß auf der Titanic”, wünschte Linken-Chef Klaus Ernst. Merkel könne nun “netter über den Niedergang ihrer Koalition sprechen lassen”. Auch Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin vertrat die Ansicht, der neue Regierungssprecher werde den Abstieg von Schwarz-Gelb nicht verhindern können.

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Ein Anchorman für die Kanzlerin

Der ZDF-Journalist Steffen Seibert wird neuer Regierungssprecher in Berlin.

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am 12. Juli 2010

Steffen Seibert wechselt die Fronten. Er wird zwar weiter Schlagzeilen präsentieren, aber eben nicht mehr von einem unabhängigen Standpunkt aus, sondern im Dienst der Kanzlerin. Seibert wird vom 11. August an nicht mehr das Weltgeschehen in den ZDF-Sendungen heute und heute-journal verkünden, sondern die Botschaften Angela Merkels. Sie hat ihn zu ihrem neuen Regierungssprecher erkoren.

Das ist ein Personalie, die nachdenklich stimmt. Denn es sorgte schon für Unmut, dass Merkels amtierender Sprecher Ulrich Wilhelm demnächst den Bayerischen Rundfunk leiten wird und damit aus der Politik heraus in die öffentlich-rechtliche Senderwelt wechselt. Nun scheint es so, als greife sich die Regierung aus diesem System einfach einen Ersatz ab. Es drängt sich die Vermutung auf, das alles sei ein Kreislauf, ein ewiges Geben und Nehmen. Stehen sich Politiker und Macher von ARD und ZDF also doch näher, als sie zu erkennen geben?

Seibert wollte immerhin schon früh im Regierungsauftrag handeln. Als er im Herbst in Frankfurt am Main mit angehenden Journalisten plauderte, erzählte er ihnen: “Journalismus war für mich höchsten Plan C oder D.” Spannender sei für ihn ursprünglich “die Diplomatie” gewesen. Dumm nur, dass er von ihr zunächst annahm, er könne mit einem Drink in der Hand irgendwo auf der Welt an einem Pool stehen und “ein bisschen Geheimdienstarbeit” machen. Wie sich allerdings rausstellte, war das eine “sehr blöde, aufregende und abenteuerliche Vorstellung, die sich weitgehend aus der Lektüre von Graham-Greene-Büchern speiste”.

Was folgte, das war eine Blitz-Karriere: Hospitanz im ZDF-Studio London, journalistische Ausbildung per Volontariat in der Sendezentrale auf dem Mainzer Lerchenberg und gleich im Anschluss schon Redakteur beim heute-journal. Eine arg begehrte Stelle hinter der Kamera, von der Seibert sagt, das sei “unverschämtes Glück” gewesen. Er habe, erzählte er in Frankfurt, “Angst gehabt, das nicht zu können und die würden das rausfinden”.

Von dieser Unsicherheit ist nichts mehr übrig. Der 50-Jährige macht längst eine gute Figur. Und das dürfte auch in erster Linie sein, was sich die Kanzlerin von ihm wünscht: gute Miene auch zu schlechtem Spiel. Das kann Wilhelm ebenso gut. Doch während Wilhelm nach ersten journalistischen Gehversuchen ins Beamtentum abwanderte, folgt ihm mit Seibert einer, der Objektivität in Reinform verkörpert: Ein Anchorman für Merkel, mehr unangreifbare Seriosität hätte sich die Kanzlerin nicht in die eigene Mannschaft holen können.

Im ZDF sorgt der Wechsel sichtlich für Unmut. Chefredakteur Peter Frey warf seinem Abtrünnigen prompt in einer lieblosen Mitteilung hinterher: “Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat.” Vor allem aber sagte Frey, dass Seibert seine “bundesweite Bekanntheit, die er auf dem Schirm als Moderator erworben hat, und die damit verbundene Kompetenz und Glaubwürdigkeit” mitnehme. Die Bundesregierung kauft sich eine enorme Glaubwürdigkeit ein, die Seibert in 22 ZDF-Jahren aufbaute und die Merkel & Co. dieser Tage gut gebrauchen können: Seibert darf die Politik einer Koalition präsentieren, in der Harmonie ein Fremdwort ist.

Bemerkenswert an Seibert ist, dass er sich klar konservativ gibt. In Talkshows rät er Studenten, die FAZ anderen Blättern vorzuziehen. Als Lieblings-Internetseite gibt er die der Frankfurter Oper an. Bekannt ist auch, dass Seibert erst aus der Evangelischen Kirche austrat, um - nach langjähriger Pause - in die Katholische Kirche einzutreten. Der gebürtige Münchner lässt sich so aber stets nur gesellschaftlich, auf keinen Fall aber politisch verorten, schon gar nicht fest im Lager der Union. Anders als Wilhelm, einem CSU-Mitglied.

Wer Seiberts politische Vorliebe in Erfahrung bringen will, dem sagt er: “Ich kann nur sagen, dass ich bis auf die Linkspartei alle Parteien, die im Bundestag sitzen, schon mal gewählt habe.” Umso überraschender ist sein anstehender Wechsel. Vielleicht aber passt dazu, was Seibert in einem Interview sagte: Während der deutschen Einheit habe er Helmut Kohl - Merkels Ziehvater - bewundert. “Und ich bin sicher”, sagte Seibert weiter, “man wird auch über Gerhard Schröder etwas Gutes zu sagen finden - genauso wie über Angela Merkel.” Vor allem darin wird sich Steffen Seibert jetzt üben dürfen.

» zum Originaltext auf fr-online.de

Geografie? Setzen, Sechs!

Es ist ja schon ein recht mutiges Vokabular, dass die Herren um die Nachrichtenagenturen ddp und ehemaligem AP-Deutschland so in den Mund nehmen. Die dpa wollen sie gleich “verzichtbar” machen. Und im September wollen sie mit der “dapd Nachrichtenagentur” als erster Dienstleister eine umfassende Alternative zum bisher eher unangefochtenen Marktführer dpa starten. Ein “großer Komplettdienst” soll her, der “aus der Ecke der Komplementäragenturen” herauskommt.

Das Problem: Schon die ersten Gehversuche, die der geplante dapd in der Öffentlichkeit unternimmt, lassen die Hoffnung auf einen härteren Wettbewerb wieder schwinden. Denn während Verlässlichkeit und Präzision zu den Urtugenden eines News-Dienstleisters zählen, dürfte die Selbstdarstellung des neuen Produkts an Peinlichkeit kaum zu überbieten sein - oder wussten Sie schon, wo die Kollegen auf ihrer Webseite Landeshauptstädte wie Mainz und Wiesbaden verorten oder aber ihre eigenen Büros in Ludwigshafen und Mannheim?

Dann schauen Sie doch mal - aber festhalten, bitte! Und: Weitere Treffer versteckt - Blick in die neuen Länder gefällig?

Karte dapd-Standorte
Quelle: dapd.de vom 6. Juli 2010 (Vergrößerung von mir)

Nachtrag 7. Juli 2010: Schnell sind sie immerhin: Der dapd hat seine Karte inzwischen korrigiert. Die Städte haben wieder ihren zugewiesenen Platz eingenommen. Den Screen vom Vortag habe ich hier gesichert.

[Mit Dank an @kleeburger, der mich auf die dapd-Fehler aufmerksam gemacht hat.]

dpa und AFP schmieden Allianz

Die Stimmung auf dem Markt der Nachrichten wird noch ein bisschen rauer.

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am 6. Juli 2010

Die Fronten auf dem Agentur-Markt verhärten sich weiter. Nachdem, wie von der taz vorab gemeldet, der Deutsche Depeschendienst (ddp) im September mit dem deutschen Ableger der Weltagentur Associated Press (AP) zusammengeht, kontert jetzt der Marktführer dpa. Die Deutsche Presse-Agentur kündigte eine strategische Allianz mit der französischen Agence France-Presse (AFP) an.

Erst wurde bekannt, dass die dpa dem internationalen Dienst der AFP Fotos aus Deutschland liefert, was zuvor der ddp machte. Jetzt haben beide bekannt gegeben, dass ihre Auslandsbüros in Berlin und Paris künftig die Inlandsmeldungen des jeweils anderen Dienstes mitlesen dürfen.

Damit ist eine weitere Runde im Kampf der Agenturen eingeläutet, noch bevor im September aus ddp und AP-Deutschland offiziell der dapd wird.

Dessen Eigner wollen die dpa am liebsten “verzichtbar” machen (siehe taz vom 21. 6.). Weil das dapd-Team zum Start aber nur gut halb so groß ist wie die 451-köpfige Mannschaft der dpa, wird der neue Dienst nicht viel mehr als eine “dpa light” sein - mit abgespeckter Bandbreite, bestenfalls mit einzelnen eigenen Duftmarken angereichert.

Für die dpa bahnt sich damit dennoch ein Rivale an, den sie auf lange Sicht nicht ignorieren darf - wozu der Deal mit der französischen Staatsagentur AFP passt. Eine solche Kooperation, der beide Dienste (dpa für Deutschland und AFP für Frankreich) stärken soll, hat es schon einmal gegeben. Er wurde indes 2007 eingestellt, weil die dpa befürchtete, auch Reporter des deutschen AFP-Ablegers könnten auf Kosten der dpa mitlesen. AFP Deutschland konkurriert schließlich auch mit der dpa, doch das scheint jetzt weniger wichtig zu sein. Wie sich im Kampf gegen den einst harmlosen ddp die Befindlichkeiten doch ändern können.

» zum Originalbeitrag auf taz.de

Raus aus der Ecke

Mit der Nachrichtenagentur dapd entsteht ein Herausforderer für den Marktführer dpa.

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am 3. Juli 2010

Es wächst zusammen, was zusammengehört: Von September an werfen die Nachrichtenagenturen Deutscher Depeschendienst (ddp) und das ehemalige hiesige Angebot der US-Agentur Associated Press (AP) ihre Recherchen zusammen. Dann wird in Deutschland die neue “dapd Nachrichtenagentur” an den Start gehen. Immerhin ein dreiviertel Jahr wird es dann her sein, dass die Eigentümer des ddp auch AP-Deutschland übernommen haben. Der Deal gilt bis heute als gelungener Coup.

Dass aus ddp und AP ein neues, ein deutlich stärkeres Angebot entsteht, ist vor allem eines: gefährlich. Und das an erster Stelle für den Marktführer, die Deutsche-Presse-Agentur dpa. Sie muss künftig erstmals ernsthaft um ihre Marktanteile bangen. Denn während sich ddp und AP als eigenständige Produkte und auch die vielen Mitbewerber wie Ableger der Agence France-Presse (AFP), Reuters und diverse Spezialdienste bis dato als sogenannte Komplementärdienste ergänzend zum Marktführer aufstellen, haben die ddp-Eigner Peter Löw und Martin Vorderwülbecke schon im Dezember gesagt, sie wollten die dpa nun “verzichtbar” machen. Die Zusammenlegung soll ihnen dafür den Weg ebnen.

Der zentrale Stratege dieses Schlachtplans ist Cord Dreyer. Lange war er selbst für dpa tätig, erst als Chef des Landesdienstes Nord, dann in Personalunion Chefredakteur und Geschäftsführer des Wirtschaftsdienstes dpa-AFX. Im April wechselte er die Seiten. Seitdem arbeitet er in derselben Doppelfunktion für ddp/AP-Deutschland.

Das Kernangebot aller Nachrichtenagenturen ist der sogenannte Basisdienst. Anders als Landes- und Fachdienste sammelt sich dort Text- und Bildmaterial, das für die Masse interessant ist. Also Unfälle etwa erst, wenn sie es in die Hauptnachrichten und in überregionale Titel schaffen können. Ähnlich sieht es mit politischen Entwicklungen aus.

Der neue dapd-Basisdienst soll Redakteure bei Sendern, Zeitungen und Onlinediensten laut Dreyer künftig mit “täglich etwa 500 Meldungen aus Politik, Wirtschaft und allen Bereichen des Vermischten” versorgen, dazu mehr als 2 000 Fotos aus Deutschland Dreyer plant, dafür etwa 220 feste Journalisten und knapp 80 Fotografen zu beschäftigen - in Deutschland an 31 Standorten.

Zum Vergleich: Marktführer dpa kommt zwar grob auf dieselbe Anzahl an Fotos, aber mit 800 Meldungen im Basisdienst und aktuell 451 Text- und Fotoredakteuren sowie 50 innerdeutschen Büros auf üppigere Dimensionen. Den Unterschied macht dabei unter anderem, dass die dpa auch den Sport abdeckt, worauf der dapd verzichtet. Dessen Vertrieb verweist im Zweifel an den Sport-Informations-Dienst (sid), der mit dpa locker mithält.

Der neue dapd wird also vor allem eines sein: eine Art “dpa light”. Aber eben auch erstmals ein echter Rivale für den Marktführer. Das wird für Wettbewerb sorgen. Dreyer sagt, der Markt brauche “so einen zweiten Dienst”, der “aus der Ecke der Komplementäragenturen rauskommt”. Und das könnte sogar stimmen, wie allein das Beispiel der WAZ-Gruppe zeigt: Seit Januar 2009 schon verzichten mehrere ihrer Regionalzeitungen gänzlich auf dpa-Angebote, darunter mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung auch das auflagenstärkste Das war, wie die WAZ-Spitze stets betont, eine Preis- und keine Qualitätsfrage. Und am Sparen sind in der Zeitungskrise bekanntlich viele Verlage.

Unter qualitativen Gesichtspunkten dürfte die dpa noch lange die Nase vorn haben. Gewachsen sind nicht nur jahrelang Kontakte in Politik, Wirtschaft und Ermittlungseinheiten, die für einen Vorsprung sorgen können, sondern über sechs Jahrzehnte auch das Archiv. Und während der neue dapd sich zwar auf gut 3 000 internationale AP-Korrespondenten stützen kann, weil seine Eigentümer das englischsprachige Material für 15 Jahre lizenziert haben, betreibt die dpa im Ausland ein eigenes Netz an Korrespondenten, ja Dreyer will an anderer Stelle gegensteuern und hat bereits eine eigene Recherche-Abteilung gegründet, in der sechs Journalisten arbeiten.

Das Leben schwer machen wird dapd hingegen dieser Umstand: Die dpa wurde nach dem Krieg von deutschen Verlagen selbst gegründet und ist auch heute noch in ihrem genossenschaftlichen Besitz. Der dapd ist, vereinfacht gesagt, bloß irgendein Dienstleister, die dpa indes die Agentur der Verlage. Das schafft Bindung und Vertrauen. Und Hoffnung für die dpa.

ZDF stört sich an Werbeauftritt von Müller-Hohenstein

Veröffentlicht auf

am 2. Juli 2010

Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein sorgt mit einem Werbeauftritt im Dienst eines Molkereiunternehmens für Ärger beim ZDF. Chefredakteur Peter Frey sagte dem “medium magazin” (Ausgabe 7/2010): “Ihr Internet-Auftritt auf den Seiten von Weihenstephan ist nicht glücklich und kann so nicht bleiben.” Der Vertrag entspreche “nicht den Vorstellungen des ZDF von Auftritten seiner journalistischen Köpfe”. Das habe er Müller-Hohenstein so mitgeteilt. Frey: “Ich gehe davon aus, dass dieser Internet-Auftritt schon bald Geschichte ist.”

Frey, der seit April Chefredakteur des ZDF und damit auch für den Sport zuständig ist, erfuhr nach eigenen Angaben erst im Zuge von “medium magazin”-Recherchen von dem Fall. Seine Sportmoderatorin, die freie Mitarbeiterin des Senders ist, tritt in einer Kampagne als “Schirmherrin des Weihenstephan-Qualitätsbeirats” auf.

In einem PR-Film des Unternehmens stellt sie leitenden Mitarbeitern der Molkerei Fragen über die Produktion und testet Milchprodukte. Dass sie für das ZDF arbeitet, wird nicht erwähnt. Insertiert wird sie jedoch als “Moderatorin”. Werbebanner zu der Kampagne mit Müller-Hohenstein waren zuletzt unter anderem massiv auf sueddeutsche.de geschaltet.

Auf eine Anfrage von “medium magazin zu dem Vorgang antwortete Müller-Hohenstein, die derzeit für das ZDF in Südafrika ist und die WM-Berichterstattung des gebührenfinanzierten Senders moderiert, zunächst nicht.

Das Management von Müller-Hohenstein hat die Agentur TMA übernommen, an der wiederum Starwatch Music beteiligt ist, eine 100-Prozent-Tochter der Privatsendergruppe ProSiebenSat1. An TMA ist daneben noch die Talent-Agentur Performance Plus beteiligt, die bereits den DFB-Team-Chef Oliver Bierhoff sowie weitere Sportgrößen wie Michael Ballack und Boris Becker mit Werbeverträgen versorgte. Die für Müller-Hohenstein zuständige TMA-Managerin Sonja Bergler sagte dem “medium magazin”, sie wolle sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äußern. Offen bleibt deshalb, ob die TMA den Vertrag zwischen Müller-Hohenstein und Weihenstephan vermittelte.

Zum Umgang mit PR-Aufträgen für seine festen wie freien Mitarbeiter sagte Frey gegenüber “medium magazin”: “Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, dass Kollegen Nebentätigkeiten ausüben, solange sie keinen werblichen Charakter haben und die journalistische Glaubwürdigkeit nicht gefährden.” Er folge dabei einer pragmatischen Überlegung: “Wenn nicht ein ZDF-Gesicht vorträgt oder moderiert, kommt ein Kollege der ARD oder von RTL. Damit kann auch ein Stück öffentliche Bindung an das ZDF verloren gehen.” Frey sagte auch, jeder Fall sei einzeln zu prüfen.
Das ZDF habe bereits “ausgeklügelte Richtlinien, die Transparenz schaffen”, betont Frey in dem Interview mit “medium magazin”. Vorgeschrieben sei, alle Nebentätigkeiten anzumelden und dabei die Höhe der Honorare anzugeben. Frey schwebt indes noch mehr vor. Er wolle mit seinen Kollegen in einer der nächsten Sitzungen über neue Richtlinien für Nebentätigkeiten seiner Mitarbeiter sprechen. “Wir müssen, vielleicht in einer Art Selbstverpflichtung, uns die Kriterien noch klarer machen.”

Info: Das Exklusiv-Interview mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey, in dem er sich erstmals nach Amtsantritt ausführlich über seine Pläne und Leitlinien für das ZDF äußert,  erscheint in “medium magazin” Ausgabe 7/2010 am 7. Juli.

» zum Originalbeitrag auf mediummagazin.de

“dapd Nachrichtenagentur” startet im September

Verbreitet vom

am 1. Juli 2010

Der Konkurrenzdruck auf die Deutsche Presse-Agentur, den Marktführer unter den Nachrichtenagenturen in Deutschland, wächst: Der Deutsche Depeschendienst (ddp) legt sein Angebot mit dem ehemaligen deutschen Dienst der US-Agentur Associated Press (AP) zusammen, der seit Dezember zum ddp gehört und seitdem Deutscher Auslands-Depeschendienst (DAPD) heißt. Unter der Marke “dapd Nachrichtenagentur” entstehe zum 1. September dieses Jahres ein “großer Komplettdienst” aus den bisher getrennt gefahrenen Angeboten der ddp und DAPD, wie der Geschäftsführer und Chefredakteur beider Dienste, Cord Dreyer, am Donnerstag in Berlin sagte.

Die ddp-Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw hatten beim Kauf von AP Deutschland mitgeteilt, den Marktführer Deutsche Presse-Agentur (dpa) “verzichtbar” machen zu wollen. Dreyer sagte am Donnerstag, der neue Dienst dapd werde künftig “die regionale, überregionale und weltweite Nachrichtenwelt lückenlos abbilden”. Der Markt brauche einen zweiten Vollanbieter. Die bisherigen Dienste ddp und DAPD würden parallel zum neuen dapd-Basisdienst weiter produziert, um bestehende Kundenverträge zu erfüllen.

Kunden des dapd-Basisdienstes können laut Dreyer künftig mit “täglich etwa 500 Meldungen aus Politik, Wirtschaft und allen Bereichen des Vermischten” rechnen. Das Wortangebot werde mit “rund 600 Inlandsbildern pro Tag und bis zu 1.500 AP-Fotos aus aller Welt” ergänzt.

Rund 220 feste Journalisten sowie 77 feste Fotografen sollen für den dapd arbeiten. Zudem sei ein Ausbau der Landesdienste geplant. Bereits im Spätsommer dieses Jahres sollen neun weitere Korrespondenten-Büros in den Bundesländern eröffnen. Der dapd wäre damit in Deutschland an 31 Standorten mit eigenen festen Mitarbeitern vertreten. Der Hauptkonkurrent dpa betreibt nach eigenen Angaben 50 Büros im Inland.

Dreyer kündigte an, die People-Berichterstattung auszubauen. Außerdem sei eine Redaktion “dapd Sources” gegründet worden. Anfangs sollen für die Einheit sechs Redakteure arbeiten, die möglichst in investigativer Arbeit “das Nachrichtengeschehen in Deutschland mitbestimmen” und Hintergründe für die tagesaktuelle Arbeit liefern. In Berlin soll dapd unweit der Bundespressekonferenz einen neuen Newsroom beziehen. Ein vollwertiger Sportdienst, wie ihn die dpa betreibt, ist derzeit nicht geplant.

Der deutsche Markt der Nachrichtenagenturen gilt als der am härtesten umkämpfte weltweit. Neben dpa und dem neuen dapd ist sind auch Agence France-Presse (AFP) sowie Reuters mit eigenen Angeboten in Deutschland vertreten. Hinzu kommen zwei von den Kirchen getragene Angebote, der Evangelische Pressedienst (epd) sowie die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) und mehrere Spezialdienste für Wirtschaft und Sport. Die dpa ist bisher unangefochtener Marktführer und versorgte zuletzt 95 Prozent aller Tageszeitungen in der Bundesrepublik mit Texten, Fotos und Grafiken.

Das Bundeskartellamt prüft derzeit, ob der Aufkauf von AP Deutschland durch den ddp kartellrechtlich in Ordnung war. Die ddp-Eigentümer hatten darauf verzichtet, das Geschäft anzumelden.