ProSiebenSat.1: Fotos statt Bewegtbild für TV-News

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am 22. Februar 2010

Der Chef der Sendergruppe ProSiebenSat.1 verwundert die TV-Branche mit immer neuen Ankündigungen. Jetzt sagte er auf einer Diskussion in Berlin, er wolle das Budget für die Nachrichten-Sendungen auf ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins um zwei Drittel der gegenwärtigen Kosten drücken. Die Kanäle sollen auf Fotos statt bewegtes Bild setzen. Um den Kommerz-Sendern zu helfen, will Ministerpräsident Wulff zudem die mit Gebühren aufgebaute Infrastruktur von ARD und ZDF für das Privatfernsehen öffnen.

Montagabend, die prächtige Bayerische Landesvertretung in Berlin-Mitte. Thomas Ebeling, Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1-Familie, stellt sich der Medienöffentlichkeit. Auf Einladung des N24-Redaktionsausschusses will er über seine Sparpläne beim Nachrichtenfernsehen diskutieren. Es moderiert das Gruppen-Gesicht Christiane Jörges, geborene Gerboth. Lange fallen allzu bekannte Beteuerungen und beliebte Forderungen. Doch dann das: Der Konzern-Chef bestätigt erst, für die Nachrichten seiner drei Vollprogramme künftig nur noch ein Drittel des aktuellen Budgets ausgeben zu wollen. Und dann antwortet er auch noch auf die Frage, wie er das denn schaffen wolle: “Man muss ja nicht immer unbedingt ein bewegtes Bild zeigen. Ein Foto reicht doch auch.”

Ein Raunen geht durch den Saal, in dem vor allem N24-Mitarbeiter sitzen. Sie betreiben derzeit massives Lobbying in der Politik, hatte Ebeling doch im vergangenen Dezember angekündigt, für seine N24 GmbH alle Optionen zu prüfen - außer einer Schließung. Der Sender, der neben dem Betrieb des eigenen Nachrichten-Kanals auch die drei Schwesterprogramme ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins mit News bestückt, soll entweder in einen Sender mit noch mehr Dokus umgewandelt oder verkauft werden. N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann plant, den Sender zusammen mit dem Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust per Management-Buy-Out zu übernehmen.

Ebeling sagte, es gebe weitere Interessenten, nannte aber keine weiteren beim Namen. Noch sei es zu früh, die Ernsthaftigkeit der Bewerbungen zu prüfen. Was mit der N24 GmbH passiert? “Wir haben unseren Denkprozess noch nicht abgeschlossen”, sagte Ebeling in Berlin. “Ein Fortbestand in der jetzigen Form ist aber in jedem Fall nicht angedacht.”

Der Senderchef, der die Rendite-Erwartung der Investoren Permira und KKR erfüllen muss, erneuerte jedoch die Beteuerung, Nachrichten gehörten “auch für mich persönlich zu einem guten Programm dazu”. Er kündigte zudem an, die Sendezeiten für die ProSieben-”Newstime”, die “Sat.1 Nachrichten” und die “Kabel Eins News” nicht antasten zu wollen. Das war zweifellos vor allem für die Sendung auf Sat.1 ein Zugeständnis, die parallel zur “Tagesschau” um 20 Uhr läuft und fast eine Viertelstunde dauert.

Niedersachsens Ministerpräsident Christan Wulff (CDU) quittierte Ebelings Überlegung, insbesondere bei niederrangigen Nachrichten auf billige Standbilder denn vergleichsweise teure Videos zu setzen, mit purem Spott. “Dann könnten wir Ihnen ja auch einfach eine Videotext-Seite geben”, sagte der Politiker.

Wulff forderte indes auch, Privatsendern, die einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten wollten, unter die Arme zu greifen. So schlug er vor, Privaten die Infrastruktur der gebührenfinanzierten Programme zu öffnen: “Wenn die Öffentlich-Rechtlichen wie jetzt nach dem Beben auf Haiti in Krisengebieten eine TV-Station errichten, müssen die Privaten das zu festen Bedingungen mit nutzen können.”

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ddp direct greift dpa-Tochter an

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am 22. Februar 2010

Die Privatinvestoren Martin Vorderwülbecke und Peter Löw wollen den Agentur-Marktführer dpa jetzt auch auf einem Nebenschauplatz unter Druck setzen: In dieser Woche startet ihr PR-Ableger ddp direct mit einem Relaunch. Der von Wolfgang Zehrt gesteuerte Dienstleister setzt auf moderne Formen von Presse-Mitteilungen und will mit einer individuellen Beratung der dpa-Tochter News Aktuell das Leben schwer machen. Letztlich sollen die Aktivitäten das Kerngeschäft mit harten News stützen.

Das ist zweifellos eine mutige Zielmarke, die Wolfgang Zehrt da steckt. Sein PR-Dienstleister ddp direct peile bis Jahresende 2010 an, dass 10 bis 15 Prozent der zirka 65.000 Pressesprecher und PR-Mitarbeiter in Deutschland mit Diensten seiner Firma arbeiten. Zu MEEDIA sagte er: “Unser Ziel ist es also, dann zwischen 5.000 und 6.000 Kunden zu betreuen.” Mutig wäre das, weil dieser Kundenstamm einem Wachstum von Faktor fünf entsprechen würde. ddp direct zählt derzeit lediglich etwa 1.200 Kunden, wie Zehrt selbst angibt. Der Mitbewerber News Aktuell zählt im Jahr etwa 5.000 Kunden. Zehrt will also mindestens aufschließen - wohlgemerkt: binnen Jahresfrist.

Mit diesen Mitteln will Zehrt sein Ziel erreichen: Die ddp direct startet einen “MultimediaManager”. Das ist eine Plattform, die Not tut, hat sich der Dienstleister doch im vergangenen Jahr zunächst nur mit äußerst sporadischen technischen Mitteln neu aufgestellt - und hinkt dem Marktführer News Aktuell (na) der dpa-Gruppe deshalb noch weit hinterher. Der “MultimediaManager”, der dieses Manko ausbügeln soll, bietet ddp-direct-Kunden jedoch nun erstmals nicht nur eine eigene Plattform, um Pressemitteilungen, Fotos und Videos zu vertreiben, wie es News Aktuell mit “my news aktuell” vorgelegt hat. Kunden werden mit dem Tool auch die Möglichkeit haben, PR-Inhalte als sogenannte Social Media Releases (SMR) aufzubereiten.

Die Möglichkeit, mit wenigen Mausklicks SMR zu generieren, wäre zumindest in weiten Teilen eine Neuerung zum aktuellen Angebot von News Aktuell. Ein SMR ist quasi eine neue Generation von Presse-Mitteilungen. Neben einer Überschrift, einer Zusammenfassung in Stichworten und klassischem Fließtext wartet sie mit Meta-Daten wie Tags, einem Zeitstempel, Trackback-URLs und Geodaten auf. Das Material lässt sich damit einfacher in Soziale Netzwerke und Blogs, aber auch in die Layouts und Navigations-Strukturen anderer Websites einbinden. Mit den Meta-Daten können auch Grafiken und Audio-/Videodateien an das Textmaterial direkt angebunden werden. So heben sich bisherige Grenzen zwischen den Mediengattungen auf.

News Aktuell bietet zumindest heute bereits die Möglichkeit, die Online-Pressemappen der einzelnen Kunden per RSS zu abonnieren. Im Unternehmens-Blog ist in Sachen SMR bisher aber nur schwärmerisch von einem “neuen Trend am internationalen Web-Horizont” zu lesen, der sich vor allem “in den USA und UK” zeige. Auf Nachfrage heißt es bei News Aktuell immerhin, die SMR des Konkurrenten ddp direct seien “gar nicht so furchtbar neu”. Sprecher Jens Petersen sagt allerdings auch, Social Media Releases mit eigener URL etwa würden “auf Wunsch” produziert. ddp direct will hier einen Schritt weitergehen.

Ein Plus für Wolfgang Zehrt, dessen ddp direct mit dem “Themenportal” auch eine Plattform zur Recherche des gesamten PR-Materials bieten wird, vergleichbar mit dem na-”Presseportal”. Das wird von Journalisten und anderen Info-Hungrigen offensichtlich intensiv genutzt: Allein im Januar 2010 zählte die IVW auf presseportal.de 2,9 Mio Visits. ddp direct hat auch hier noch viel aufzuholen.

Zehrt will sich bei den traditionellen Dienstleistungen deutlich unter dem Gebührenmodell von News Aktuell bewegen. Zehrt sagte zu MEEDIA: “Wir wollen nachhaltig gut 30 Prozent günstiger sein als die anderen großen Wettbewerber.” Derzeit sind erste Meldungen bei ddp direct von 165 Euro an zu haben, bei News Aktuell kostet die erste Mitteilung hingegen 350 Euro. Beide PR-Dienstleister bieten die Distribution von Materialien, aber auch Schulungen und die Produktion von Audio- und Videomaterial sowie Infografiken. Ein eigener Mehrwert von News Aktuell bleibt zumindest vorerst ein üppig gefülltes Adressbuch voll mit Journalisten: der MEDIAtlas mit angeblich mehr als 100.000 Medienkontakten.

Neben deutlich günstigeren Preisen setzt Zehrt vor allem auf die individuelle Betreuung von Kunden, einem Feld, das News Aktuell ebenfalls noch deutlich ausbauen könnte: “News Aktuell hat in den vergangenen 15 Jahren einen hervorragenden Job darin gemacht, hierzulande einen professionellen Kommunikations-Standard zu etablieren. Heute müssen sich Dienstleister wie wir aber vielmehr in Beratung üben als noch vor wenigen Jahren - da ist die reine Distribution ihrer Botschaften oft zweitrangig.” Die Kunden wollten wissen, “wie wir sie auf das iPhone oder bald auf das iPad bringen und ob so etwas wie Facebook für sie ein wichtiger Kanal ist oder nicht”. Zehrt plant, 2010 sein Personal zu verdoppeln. Aktuell arbeiten gut 20 Leute für ddp direct.

Mit dem Relaunch setzt sich auf dem vermeintlichen Nebenschauplatz der PR-Dienste der Angriff der neuen Allianz ddp/DAPD auf dpa fort. Zehrt beteuert zwar, die Kunden von News Aktuell seien für ihn zwar nur eine von vielen Zielgruppen für seine Dienste und die “spannendste Zielgruppe für unser Wachstum die zirka 40.000 Menschen unserer Branche, die bisher noch gar nicht mit uns, Business Wire oder News Aktuell arbeiten”. Da beide im Kern jedoch auf dieselben Services setzen und Zehrt in einen Preiskampf einsteigt, ist die Frontlinie klar: ddp direct vs. News Aktuell. Finanziert wird die Attacke laut Zehrt übrigens “insbesondere aus der Schatulle der Eigentümer”, also Vorderwülbecke und Löw.

Beide PR-Dienste teilen zudem sowohl ein Ziel als auch einen nach wie vor umstrittenen Verbreitungskanal: Sowohl News Aktuell als auch ddp direct sollen erklärtermaßen mit ihren Einnahmen das Geschäft der Mutterhäuser stützen, journalistisch Recherchiertes zu vertreiben. Im jüngsten dpa-Geschäftsbericht (2008) heißt es, na-Beiträge seien “von besonderer Bedeutung”. Bei einer Steigerung von 1,7 Prozent verglichen zum Vorjahr führte na der Gruppe ein “sehr gutes” Ergebnis von 4,5 Millionen Euro zu. Beide Anbieter verteilen ihr Material zudem über die Tickerdienste ihrer Mütter direkt in die Stuben der Redaktionen.

Genau hier hat Zehrt noch ein Problem: die Verbreitung über den Draht des DAPD, der seit Dezember 2009 zur ddp-Gruppe gehört und davor Teil der Associated Press war. Zehrt kann seinen Klienten bisher nicht anbieten, ihre Mitteilungen via DAPD zu verbreiten. Wie es in der Redaktion in Frankfurt heißt, stellt sich DAPD-Chef Peter M. Gehrig mit Vehemenz dagegen. Ein erster Versuch, den AP-Dienst für gekennzeichnete PR-Meldungen zu öffnen und mit den Einnahmen aus diesem Geschäft den klassischen Agentur-Journalismus zu subventionieren, habe vor ein paar Jahren einfach zu viele Proteste auf Kundenseite ausgelöst. Ein neuerlicher Ansatz dürfte aber freilich nur noch eine Frage der Zeit sein, schließlich muss Zehrt vor allem für eines sorgen, um große Kunden zu gewinnen: Reichweite - im Netz und in den Tickern.

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Streit zwischen AFP und ddp eskaliert

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am 19. Februar 2010

Martin Vorderwülbecke weht immer heftigerer Gegenwind ins Gesicht. Jetzt versucht AFP-Präsident Pierre Louette den Unternehmer in die Schranken zu weisen: MEEDIA liegt ein Brief vor, indem Paris mit einer medialen Offensive und juristischen Schritten droht – und den ddp-Chef deutlich zurückweist. Vorderwülbecke hingegen will auf Kurs bleiben: Er sagt, er denke nicht daran, klein bei zu geben und wolle stattdessen am Montag die angekündigte Wettbewerbs-Beschwerde bei der EU-Kommission abgeben.

In dem Papier, das die AFP-Zentrale an der Pariser Börse am Donnerstag verließ, notierte Président-Directeur Géneral Louette: “Ich rate Ihnen dringend, zu den bislang gepflegten Umgangsformen zwischen unseren beiden Häusern zurückzufinden.” Er reagierte damit mit fast provokativer Verzögerung auf ein Schreiben Vorderwülbeckes vom 5. Februar, indem der ddp-Chef der international operierenden Agentur ein Gespräch anbot. Dem vorausgegangen war die Ankündigung der DAPD ddp Media Holding AG, gegen die “enorme Subventionierung der AFP” vorzugehen, wie Vorderwülbecke unter anderem am 29. Januar in einem Memo an seine Mitarbeiter schrieb.

Louette aber rief seinen Konkurrenten auf, diese Drohung zurückzunehmen und “die unhaltbaren Anschuldigungen” nicht zu wiederholen. Weiter hieß es in äußerst bestimmendem Tonfall: “Widrigenfalls werden wir uns in der Medienöffentlichkeit sehr offensiv zur Wehr setzen und auch prüfen, ob juristische Schritte angebracht sind.” Der AFP-Chef hoffte den eigenen Zeilen zufolge zudem, dass die aktuelle Verstimmung eine “kurzfristige Episode” bleibe. Dann sei AFP auch bereit, mit dem ddp über “mögliche neue Kooperationsfelder” zu sprechen. Agenturen stünden “in der ganzen Welt in einem harten, aber meist fairen Wettbewerb”, der vielfach “auch mannigfaltige Formen der partiellen Kooperation” erlaube.

Das hatte auch zwischen AFP und ddp einst geklappt: Noch immer bezieht AFP-International Bilder vom Fotodienst des ddp, um sie im Ausland zu verbreiten. Dieser Vertrag läuft MEEDIA-Informationen zufolge aber Ende Mai aus und wird dem Vernehmen nach nicht verlängert. Will die AFP im Rest der Welt Fotos aus Deutschland vertreiben, muss sie also bis dahin mit einer anderen Agentur kooperieren, wobei dafür eigentlich nur dpa in Frage käme, oder hierzulande ein eigenes Netz an Fotografen aufbauen. Der Stand der Dinge ist bei AFP derzeit allerdings nicht zu erfahren.

Sie steht in Deutschland in deutlicher Konkurrenz zur neuen Allianz aus ddp und DAPD. Zum einen, weil der DAPD die Auslandsmeldungen der US-Agentur Associated Press verkauft, wie AFP-Deutschland die vergleichbar umfangreichen Meldungen aus dem Rest der Welt von den Korrespondenten des eigenen Mutterhauses vertreibt. Zum anderen aber auch, weil zu AFP-Deutschland der Sport-Informations-Dienst (SID) gehört. Er wäre für Vorderwülbecke eine spannende Ergänzung, könnte er doch nur mit einem eigenen Sportangebot den Marktführer dpa wirklich “verzichtbar” machen, wie er sich das stets wünscht. AFP will seinen SID indes nicht hergeben.

Louette wehrte sich auch gegen den Vorwurf, der deutsche AFP-Dienst werde vom Mutterhaus bezuschusst. Er schrieb: “Weder erhält die Agence France-Presse in Frankreich staatliche Zahlungen, die gegen das EU-Recht oder gegen nationales Recht verstoßen, noch transferieren wir Mittel in unsere gewinnbringenden Aktivitäten in Deutschland.” Die hiesige AFP GmbH teilte mit, 2009 nach vorläufiger Berechnung einen Gewinn von 407.333 Euro erzielt zu haben. Mit den Lizenzgebühren für die Auslands-Nachrichten, Zinszahlungen sowie Gebühren für technische Services seien zuletzt gar 2,2 Millionen Euro an die Mutter überwiesen worden.

Den “hochachtungsvollen” Grüßen Louettes kann Vorderwülbecke offenbar wenig abgewinnen. Er sagte MEEDIA: “Ich habe nicht vor, hier klein bei zu geben. Wir bleiben auf Kurs!” Das von der renommierten Kanzlei Gleiss Lutz verfasste 20-seitige Beschwerdeschreiben an die EU-Kommission solle daher auch an diesem Montag in die Post gen Brüssel gehen.

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Der Aufschrei kommt später

Wie viel dürfen ARD und ZDF ins Internet stellen? Diese Frage spaltet die Branche.

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am 19. Februar 2010

Jetzt eben auch Silvana Koch-Mehrin. In der hitzigen Debatte über den Digitalisierungsdrang des gebührenfinanzierten Rundfunks hat sich gestern die Europa-Abgeordnete der FDP zu Wort gemeldet. Die Politikerin rief die EU-Kommission an, um von höchster Stelle prüfen zu lassen, ob die “Tagesschau” mit einer eigenen Anwendung (App) auf internetfähigen Mobiltelefonen wie dem iPhone unterwegs sein darf, wie sie es von diesem Frühjahr an nach eigenem Bekunden tun will.

Dabei könnte man meinen, es gehe nur um ein Mini-Programm und nicht um eine Revolution. Dieser Streit ist aber weitaus mehr als eine Petitesse. Denn während die ARD sagt, sie wolle bloß ihrem Auftrag gerecht werden, junge und mobile Gebührenzahler mit ihren Angeboten zu erreichen, geht es etwa Verlagen und Privatsendern um mehr: um ihre Existenz. Vor allem weil die Auflagen vieler Zeitungen einbrechen und auch Internet-Ab-leger großer Marken kein Geld bringen, suchen sie nach neuen Einnahmequellen. Viele suchen ihr Heil in bezahlten Inhalten und setzten auf moderne Handys als den neuen Verbreitungsweg. So sind etwa Bild, Welt und Süddeutsche Zeitung bereits gegen ein paar Euro pro Monat auf dem iPhone zu haben.

Die Debatte um die “Tagesschau”-App steht indes nur exemplarisch für ein viel größeres Dilemma: Wie viel dürfen ARD und ZDF im Netz, damit sie sich einerseits der neuen Medienrealität stellen und frisches Publikum erreichen können - und was müssen ihnen Politik und Kontrollgremien verwehren, damit andererseits keine allzu mächtige gebührenfinanzierte Konkurrenz für Verlage und das Privat-TV heranwächst?

Die Medienpolitik hat den öffentlich-rechtlichen Programmen im Digitalen eigentlich deutliche Schranken gesetzt. Die 12. Novelle des Rundfunk-Staatsvertrages sieht vor, dass ARD und ZDF im Netz kaum Unterhaltung bieten dürfen, keine presseähnlichen Angebote und auch keine üppigen Programmarchive. Einige Sender haben bereits reagiert: Das ZDF gibt an, etwa 80 Prozent aller einzelnen Seiten gelöscht zu haben, darunter viele Kochrezepte und Ratgeber für Familie und Beruf.

Die wirklich spannende Frage ist, welche Ausnahmen die Rundfunkräte von ARD und ZDF den gebührenfinanzierten Sendern gewähren. Die haben nach dem neuen Gesetz die Möglichkeit, Angebote gezielt aus der rechtlichen Sperrzone herauszubringen. Dafür haben die Länder, die in Deutschland für das Medienrecht zuständig sind, den Drei-Stufen-Test erfunden: Ein aufwendiges und teils unübersichtliches Verfahren, in dem die Gremien prüfen müssen, ob die betreffenden Inhalte einen Mehrwert bieten und ob ihn die private Konkurrenz auch ertragen kann.

Dieser Prüfung müssen sich auch alle schon existierenden Angebote im Netz und auf den Digitalkanälen unterziehen. Der Rundfunkrat des NDR hat gerade beispielsweise das Portal tagesschau.de einem ersten Prüf-Zyklus dieser sogenannten Bestandsprüfung unterzogen. Die Gremien der acht übrigen ARD-Anstalten müssen dem noch zustimmen, vorläufig steht aber fest: Das Portal der “Tagesschau” muss etliche Inhalte löschen.

Anders als in diversen Medien vermeldet, stellte der NDR-Rundfunkrat dem Portal allerdings keinen “Freifahrtsschein” aus. Im Gegenteil: Sendungen und Beiträge, die älter als ein Jahr sind, muss die Redaktion entfernen. Lediglich die 20-Uhr-Ausgabe der “Tagesschau” und alle Ausgaben der “Tagesthemen” sollen nicht dem digitalen Verfall ausgesetzt werden. Sie sind dem Konzept nach “zeit- und kulturhistorische Archive”, die der Gesetzgeber von seinen Beschränkungen ausnimmt. Auch einzelne Dossiers, etwa zur laufenden Legislaturperiode, sollen so lange im Netz stehen dürfen, wie sie für aktuelle Debatten relevant sind.

Hamburgs Erster Bürgermeister, Ole von Beust (CDU), dessen Regierung die Rechtsaufsicht für NDR-Verfahren und im Prüfkreislauf für tagesschau.de das letzte Wort innehat, sagte bereits, dass sich das vorliegende Konzept mit den gesetzlichen Vorgaben deckt. Eine Meinung, die nicht alle in der Branche zufriedenstellt: Der ebenfalls in Hamburg ansässige Verlag Gruner und Jahr teilte mit, sich eine Klage vorzubehalten.

Die “Tagesschau” online erfährt also eher eine Beschränkung denn einen Ausbau. Auch eine iPhone-App wäre im Prinzip nichts Neues. Ein vorläufiger Entwurf, den diese Zeitung eingesehen hat, sieht vor, ausschließlich die Inhalte für das Mobiltelefon aufzubereiten, die ohnehin schon über Internet-Browser auf tagesschau.de abrufbar sind - darunter die aktuellen Sendungen von “Tagesschau”, “Tagesthemen” und “Nachtmagazin”, ein Beitragsarchiv und die gut 20 Textnachrichten, die das Portal täglich vermeldet.

Eine vage angedachte Erweiterung wäre indes schon eher ein berechtigter Grund für Protest: In der Zentralredaktion ARD-aktuell überlegt man, in einer nächsten Entwicklungsstufe auch regionale Nachrichten in die “Tagesschau”-App zu integrieren. Auch wenn dafür völlig automatisiert die News aus den Regionen auf den Portalen der ARD-Anstalten abgegriffen würden, wäre das ein Angriff auf die Kernkompetenz der Verlage. Der eigentliche Aufschrei könnte der Branche erst noch bevorstehen.

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Hauen und Schreiben

ddp und DAPD, dpa, AFP, sid: Die Schlacht auf dem Markt der Nachrichtenagenturen hat begonnen.

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am 18. Februar 2010

Zwei 49-Jährige mischen eine Branche auf, die bisher nicht dafür bekannt war, eigene Schlagzeilen zu produzieren. Die Multimillionäre Peter Löw und Martin Vorderwülbecke machen in Nachrichtenagenturen. Anfang 2009 kaufen sie erst den Deutschen Depeschendienst (ddp), in der Adventszeit folgte der hiesige Ableger der Associated Press (AP). Beide verfolgen ein großes Ziel: Sie wollen den Marktführer Deutsche Presse-Agentur (dpa) „verzichtbar“ machen. Das Problem: Die Investoren agieren so ruppig, dass sie auf Missfallen stoßen. Jüngstes Beispiel ist der Axel-Springer-Konzern. Der Verlag kündigte alle ddp-Abonnements zum September dieses Jahres. Zwar ist offiziell von Qualitätsproblemen mit ddp die Rede. Hinter vorgehaltener Hand nennen Vertraute des Verlagschefs Döpfner einen anderen Grund: Döpfner sei hochgradig über das Agieren der ddp-Eigner verärgert, die Kündigung folglich ein politisches Signal.

Zuvor war ein Brief Vorderwülbeckes an Döpfner öffentlich geworden, in dem es um eine Vertragsverlängerung mit der deutschen AP ging, die nun Deutscher Auslandsdepeschendienst (DAPD) heißt. „Mein Mitgesellschafter Dr. Dr. Peter Löw hat mich auf die schlechten Erfahrungen hingewiesen, die er im Zusammenhang mit der Weltkunst-Verlagsgruppe mit Ihrem Verlag gemacht hat und zur äußersten Vorsicht aufgefordert“, hieß es da. Im Verlag heißt es, man ließe sich nicht in der Art und Weise unter Druck setzen. Döpfner entschied, seine Titel von „Bild“ bis „Welt“ müssen auf ddp-Meldungen und -Fotos verzichten. Auch der Vertrag mit dem DAPD, der dem Vernehmen nach vor dem ruppigen Schreiben verlängert war, stehe auf dem Prüfstand. Den Springer-Verlag zu verlieren, wäre für den angepeilten Wachstumskurs ein herber Schlag.

Den ddp-Reportern stößt dieser Vorgang sauer auf. Über ihre Chefs, die sonst mit Erfolg Modeketten wie Adler sanieren, sagen sie Sätze wie: „Die reißen ein, was Mitarbeiter in vielen Jahren unter Entbehrungen aufgebaut haben.“ Der Ruf der Agentur stehe auf dem Spiel. Ins Bild passt, dass die neuen Eigner selbst Meldungen für den Ticker liefern, etwa vor einem Jahr, am 13. Februar, mit dem Titel „Metro verkauft unterfränkische Modekette Adler“. Dass ddp-Chef Joachim Widmann Haltung bewies und mit einem Hinweis für Transparenz sorgte, nachdem Adler und der ddp über Umwege verbandelt gewesen seien, sorgte für Unmut bei den Gesellschaftern.

Vorderwülbecke und Löw wollen in wenigen Tagen ein Konzept vorstellen, mit dem ihre bisher unabhängig voneinander arbeitenden Dienste aufeinander abgestimmt werden. Beim ddp dürfte vieles beim Alten bleiben. Er soll die Basisversorgung aus der Republik sichern – und betreibt dafür 22 Büros, in denen 140 Journalisten arbeiten. Neues kommt auf ehemalige AP-Redakteure zu. Die werden in zwei neue Gesellschaften aufgeteilt: „ddp International“ soll Nachrichten aus dem Ausland bieten. Dafür haben Vorderwülbecke und Löw für 15 Jahre das Recht gesichert, die fremdsprachigen Meldungen von AP für den deutschsprachigen Markt auszuwerten, für die weltweit etwa 3 000 Reporter arbeiten. Die andere in Gründung befindliche GmbH „ddp Korrespondenz und Recherche“ soll Analysen und Investigatives liefern – und so das journalistische Grundrauschen beider Dienste ergänzen.

Dieser Plan dürfte bei Lokalblättern auf Interesse stoßen, die außerhalb ihres Kerngebietes dünn besetzt sind. Vorderwülbecke und Löw laufen allerdings die fähigsten Mitarbeiter davon: Die stellvertretenden DAPD-Chefredakteure Peter Zschunke und Froben Homburger, Wirtschaftschefin Antje Homburger und Vize Friederike Marx wechseln zur dpa. Die, die noch da sind, berichten, ein Viertel der Arbeitszeit gehe dafür drauf, über die Zukunft zu sprechen. Indes holt der Marktführer zum Gegenschlag aus. Im Juli zieht dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner seine auf die Standorte Hamburg, Frankfurt und Berlin verteilten Redaktionen in der Hauptstadt zusammen. Auf 4 000 Quadratmetern sollen lange Dienstwege getilgt werden. Hinzu kommt ein Ressort „Netzwelt“. Eine Task-Force soll 450 Redakteure koordinieren, die auf 50 Büros in Deutschland und 32 im Ausland verteilt sind.

Büchner lässt außerdem eine Plattform entwickeln, auf der Kunden in einem passwortgeschützten Bereich alle Meldungen kommentieren können. Auf die Agenturjournalisten kommt ein Kulturwandel zu: Fehler, Ungenauigkeiten, offene Fragen und sprachlich schlampig Notiertes werden sofort angeprangert. Was für Alteingesessene lästig sein dürfte, soll die Qualität des dpa-Angebots radikal verbessern, die unter Beschuss geraten ist: Mal fiel die dpa auf das dreiste Guerillamarketing eines Kinofilmes herein und meldete einen Terroranschlag, den es nie gab. Dann entlarvte sie eine gefälschte Mitteilung nicht und berichtete vom Verzicht eines Parteivorsitzenden auf dessen weitere Kandidatur. Und am Wochenende musste sie sich von einem langjährigen, freien Mitarbeiter trennen, nachdem der mehrere Zitate einfach erfand.

Die dpa steht jedoch nicht allein unter dem Beschuss der neuen Allianz aus ddp und DAPD. Vorderwülbecke und Löw haben auch den deutschen Dienst der Agence-France-Presse (AFP) ins Visier genommen. Am Montag wollen sie sich bei der EU-Kommission beschweren. In einem 20-seitigen Brief werfen sie dem französischen Staat vor, die AFP „systematisch“ mit „großen Subventionen“ zu unterstützen, die „als Gebühr getarnt“ seien. Tatsächlich beziehen französische Stellen für mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr Meldungen und Fotos der AFP und damit für mehr Geld, als selbst der Marktführer dpa hierzulande umsetzt. AFP-Deutschland beteuert, die Nutzung der französischen, englischen oder spanischen Texte des AFP-Mutterhauses würden durch die deutsche GmbH adäquat honoriert. Sie führe sogar Gewinne nach Paris ab. Wie viel genau? Geheim!

Ferner liefere der Mutterkonzern französischen Stellen Meldungen aus vielen Winkeln der Welt. Staatliche Abos, die es in Deutschland auch gebe, seien nicht vergleichbar. Gut möglich, dass die ddp-Eigentümer gegen die AFP nicht nur vorgehen, weil AFP im Geschäft um Auslandsmeldungen auf dem deutschen Markt mit der neuen Allianz konkurriert. Die Herren sind möglicherweise auch an einem Filetstück des AFP-Dienstes interessiert: dem Sport-Informations-Dienst (sid). Die Agentur-Allianz um Vorderwülbecke und Löw kann erst ernsthaft versuchen, dpa und andere verzichtbar zu machen, wenn sie potenziellen Kunden auch Sportmeldungen bietet.

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News für immer und überall

Die “Tagesschau” will mehr als eine Fernsehsendung sein. Weil sich dafür aber bei ARD-aktuell die Strukturen ändern, fragen einige Betroffene: Muss das sein?

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am 6. Februar 2010

Noch zwei Minuten bis 20 Uhr. Vor den Fernsehgeräten haben sich schon Millionen versammelt. Die “Börse im Ersten” bringt ihnen bei, dass sich der DAX auf 6.034 Punkte hochgezogen hat. Im Haus 18 beim NDR in Lokstedt nimmt Sprecherin Susanne Daubner im Studio Platz. Was weder sie noch die Zuschauer wissen: Hinter den Kulissen knirscht es.

Kurz vor dem Gong liegt ausgerechnet der erste Beitrag des Abends noch in Stuttgart. Frank Jahn soll vom dortigen Dreikönigstreffen der FDP berichten, doch die Überspielung lässt auf sich warten. Es wird eng.

Stephan Ziegenhagen, Chef vom Dienst der “20 Uhr”, springt aus seinem Drehstuhl. Die Zeigefinger auf die Schläfen gepresst, ruft er seinen Redakteuren zu: “Leute, kommt mal schnell her und überlegt, was wir jetzt machen!” Ziegenhagen murmelt einen Moment etwas davon, wie die Sendung umzubauen sei, bis eine Minute und dreißig Sekunden vor acht der Beitrag doch noch einläuft. So spät, dass ihn der Verantwortliche nicht mehr sehen kann. Ziegenhagen muss dem Reporter blind vertrauen.

Eine Redakteurin wird nach der Sendung sagen, Jahn habe sich telefonisch entschuldigt und erklärt, der SWR habe einem Sportbeitrag fürs Dritte Vorrang vor der “20 Uhr” gewährt.

Ein Problem, das sie hier kennen. Immer wieder grenzen die Landessender die “Tageschau” aus. Um bei der FDP zu bleiben: Nachdem sich im Sommer 2003 Jürgen Möllemann in den Tod gestürzt hatte, stand zwar ein ARD-Mitarbeiter mit aufgebauter Satellitenleitung an der Unglücksstelle, doch Hamburg durfte ihn nicht schalten. Der Reporter war fürs Dritte reserviert.

Die Sendungen im Ersten sind ohnehin nicht mehr das ganze Geschäft. Die “Tagesschau” will nicht mehr bloß eine Sendung sein, sondern eine Medienmarke mit möglichst viel Präsenz.

Wer wissen will, wie der Plan dahinter aussieht, muss sich nur mal in das Büro von Georg Grommes verirren. Der leitet das Team “Strategie und Innovation”. An den Wänden hängen Plasmafernseher. In der Ecke stehen Zusatzgeräte aller Art, darunter auch die Spielkonsole Wii. Auf ihr ist Reuters mit einem Newskanal vertreten, nicht aber die ARD. An Schränken hängen zudem Entwürfe des Schriftzugs “Tagesschau 24″, vor allem aber fällt eine Zeitungsanzeige auf.

Auf ihr wirbt Apple für sein iPhone und listet Miniprogramme (Apps) auf. Grommes hat mit einem gelben Marker die einzige vertretene Nachrichten-App markiert. Sie stammt von N24. Das Signal ist klar: Hier hätte die “Tagesschau” auftauchen sollen. Sie hat diese Entwicklung aber lange verpennt. Erst in diesem Frühjahr will sie nachziehen.

“Wir wollen auch Menschen ansprechen, die in einer Welt leben, in der der 20-Uhr-Zeitpunkt womöglich nicht mehr Dreh- und Angelpunkt ihrer Mediennutzung ist”, sagt Grommes. Dafür hat er in den vergangenen Jahren auch einen Newskanal aufgezogen. EinsExtra präsentiert im digitalen Kabel- und Satellitennetz “Tagesschau-Nachrichten im Viertelstundentakt”.

Dieser Sender steht wie kein anderes Produkt der Nachrichtenfabrik für die neu angebrochene Zeit. Alles, was die Redakteure für die Sendungen im Ersten bei den neun Landessendern bestellen, landet in einem riesigen Zentralspeicher. Die, die für den Kanal produzieren, zapfen dort Beiträge ab - und aktualisieren sie gelegentlich selbst. Dazu kommen Schaltgespräche mit Experten und Reportern.

Ob das wirklich jeder braucht, ist freilich zweifelhaft. Kai Gniffke, Chef der “Tagesschau”, sagt jedenfalls, er sei “davon überzeugt, dass der publizistische Mehrwert dieses Angebots den vergleichsweise geringen Aufwand mehr als rechtfertigt”. Zu sehen ist das nur werktags zwischen 9 und 20 Uhr. Gniffke aber will die Sendezeit noch 2010 ausweiten - auch ins Wochenende hinein.

Damit das klappt, bauen Gniffke und Grommes seit Jahren die Strukturen um. Längst arbeitet in Hamburg niemand mehr mit Kassetten. Heute läuft alles digital. In jeder Schicht ist zudem ein Redakteur abgestellt, um die aktuellen Beiträge als sogenannte Segmente im System zu hinterlegen. Die können im Kanal ebenso fast automatisiert versendet werden wie auch im Netz. Wie weit das geht, kann beobachten, wer einen Hybridfernseher benutzt, der mit dem Internet verbunden ist. Auf diesen Geräten lassen sich neben TV-Programmen auch Formate wie “Tagesschau 24″ abrufen.

“Tagesschau 24″ ist eine zu jeder Zeit startbare Sendung, die auf den jeweils aktuellsten Segmenten basiert. Weil die Moderationen teilweise noch aus unterschiedlichen Ausgaben herausgeschnitten werden, sieht das noch holprig aus. Das soll sich aber ändern. Die “ewige ,Tagesschau’ “, wie sie Gniffke nennt, zählt übrigens bereits mehr als drei Millionen Abrufe im Monat. Sie wartet auch auf tagesschau.de auf Zuschauer.

Einige Redakteure befürchten angesichts dieser Entwicklungen, dass die “Tagesschau” von einem einst herausragenden Format zu einer Massenware verkommt. Sie sehen auch kritisch, dass ARD-aktuell von diesem Montag an nicht mehr sendungs-, sondern themenbezogen arbeiten soll. Dann sitzen nicht mehr nur Redakteure zusammen, die Ausgaben für das Erste planen, sondern je zwei von ihnen mit einem Newskanal- und einem Onlineredakteur.

Was zunächst als vierwöchiger Test angelegt ist, hat Vorteile. Wo bisher für jede Sendung einzelne Redakteure abgeschottet vom Rest der Mannschaft werkelten, sollen sie sich fortan per Zuruf mit den Kollegen abstimmen, die für die anderen Produkte der Marke “Tagesschau” arbeiten. So soll vor allem vermieden werden, dass gleich mehrere Redakteure ein und denselben Korrespondenten um Berichte und Schaltgespräche bitten.

Dieses Chaos trieb Einzelne zuletzt in den Wahnsinn. Erst im Herbst kritisierte Thomas Morawski vom Wiener ARD-Büro die “Verspartung” der Berichterstattung und maulte: “Da kommt man gar nicht mehr dazu, das Mikrofon aus der Hand zu legen und selbst zu recherchieren.” EinsExtra schloss er in seine Kritik namentlich ein.

Während die geplante Umstrukturierung vielen sinnvoll erscheint, sind auch Skeptiker unterwegs. Nicht viele trauen sich, offen zu reden. Zu groß ist die Angst, als Nörgler aufzufallen. Ziegenhagen aber ist mutig. Die Transformation, sagt er, sei nötig, um “überlebensfähig” zu sein. Er fordert aber auch “großzügigen Freiraum” für die 20-Uhr-Ausgabe: “Sie war bisher nicht Teil einer Fließbandproduktion und sollte es auch nie werden.”

Gniffke nimmt den Bedenkenträgern vorläufig den Wind aus den Segeln - und klammert die “20 Uhr” von dem Feldversuch aus. Zu dem Modell will er sich nicht äußern, erst den Test abwarten. Zur “20 Uhr”, die als einzige deutsche Nachrichtensendung nicht moderiert wird, sagt Gniffke: “Der ,Mythos 20 Uhr’, der vor allem mit dem Lesen der Meldungen vom Blatt zu tun hat, lebt - und ich will alles dafür tun, dass dies so lange wie möglich so bleibt.”

Deshalb nimmt Gniffke die Hauptausgabe mit oft mehr als zehn Millionen Zuschauern auch von einem anderen Projekt aus: der Planung seines neuen Studios, mit dem man technisch zu RTL und ZDF aufschließen will. Von 2012 an sollen “Tagesschau”-Moderatoren sowohl auf ihrem Tisch als auch im Studiohintergrund Dinge mit ihren Fingern steuern können. Nur in der “20 Uhr” sollen interaktive und 3-D-Elemente weiterhin tabu sein.

Auch das Studio spaltet. Claus-Erich Boetzkes, der die Nachmittagsausgaben der “Tagesschau” moderiert, ist für Interaktivität. Er erinnert sich an 2004, als im russischen Beslan Terroristen mehr als eintausend Geiseln nahmen. “Damals gab es keine brauchbaren Bilder, weil die Teams nicht dicht genug an das Geschehen rankamen”, sagt Boetzkes. Aus Berichten von Augenzeugen und Polizei habe man allerdings gewusst, wie die Lage vor Ort aussah. “Daraus hätte ein Modell entwickelt werden können, an dem ein Moderator die Lage hätte erklären können.”

Solche Momente gebe es zwar nicht häufig, sagt Boetzkes - “aber wenn, dann ist diese Technik optimal, um dem Zuschauer Dinge nahezubringen, die bisher nur schwer zu erklären waren.” Und wieder gibt der Chef vom Dienst der biedereren Hauptausgabe den Kritiker. “Man muss doch nicht immer alles machen, was technisch möglich ist”, sagt Ziegenhagen: “Tun es nicht auch solide Nachrichtenfilme?”

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Mord jetzt auch online

Die ARD stellt ihre “Tatort”-Krimis ins Netz - allerdings nicht jeden und nur für sieben Tage. Woche für Woche schauen bereits mehr als 100.000 Fans online zu.

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am 6. Februar 2010

Ausnahmsweise mal keine Zeit für Ermittlerin Inga Lürsen? Kein Problem: Wer den “Tatort” aus Bremen an diesem Sonntag verpasst, der kann ihn sich mit ein paar Klicks bequem auf den Computerschirm holen. Die ARD stellt neue Folgen dieser Reihe nämlich neuerdings in voller Länge ins Netz, abrufbar in der Mediathek auf der Webseite des Ersten. Am Sonntag muss Lürsen (Sabine Postel) übrigens den Mord einer Unternehmergattin aufklären, die einst die Freundin von Lürsens Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) war. Ein kniffliger Fall.

Der Service im Internet sollte selbstverständlich sein, wo ARD und ZDF doch für die Nutzung “neuartiger Empfangsgeräte” wie Computer mit Netzanschluss zur Kasse bitten - einerseits. Denn das Geschäft mit den Filmen im Netz bleibt andererseits hochgradig kompliziert.

Ein Problem ist etwa, dass sich Sender und Verwertungsgesellschaften noch immer nicht mit allen Musiklabels darauf geeinigt haben, wie viel die eingespielte Musik kostet. Die ist zwar für die TV-Ausstrahlung bezahlt, soll aber eben auch im Netz zum Einsatz kommen. Weil eine Klärung noch aussteht, stellen ARD und ZDF einige Magazine und Dokumentationen nur von Musik befreit in ihre Mediatheken. Bei Krimis würde das freilich nicht funktionieren.

Ein anderes Hindernis: In der digitalen Welt, in der Videoplattformen wie Mediatheken die Verwertungskette vom TV hinaus ins Netz verlängern, wollen Produzenten ihre Filme nicht mehr zum gleichen Preis verkaufen wie bisher. Im Dezember hat sich die ARD nach langwierigen Verhandlungen zu einem Eckpunktepapier durchgerungen, das Produzenten “ausgewogene Vertragsbedingungen” zusagt. Die neun Sender verpflichten sich darin unter anderem, die Hälfte aller Erlöse aus dem Internet, dem Pay-TV, dem Verkauf von DVDs und an kommerzielle Video-Portale an die Produzenten abzuführen.

Nun regelt dieses Papier erstaunlich viel, nicht aber die Nutzung des Materials in den Mediatheken, die bei ARD und ZDF kein kommerzielles Produkt sind - anders als die Plattformen privater Sender wie RTL und ProSieben, die dort Eintrittsgelder nehmen oder Werbung schalten. In der ARD meint manch einer, sie könnten deshalb einfach alles, was sie im TV zeigen, auch ins Netz stellen. Die Produzentenallianz setzte sich dagegen bisher nicht zur Wehr.

So ist zu erklären, dass nur einige ARD-Sender, darunter der SWR, den Mitwirkenden für das Einstellen der Filme ins Netz einen Zuschlag zahlt. Vom NDR, der für die aktuelle Folge des “Tatort” verantwortlich ist, erhielten immerhin Hauptdarsteller und Drehbuchautoren “teilweise” einen Obolus. Andere Anstalten leisten sich hingegen noch nicht mal das. Eine MDR-Sprecherin sagt, die “Tatorte” ihres Senders seien “komplette Buy-out-Produktionen” und damit alle Rechte abgegolten. So sieht das auch der RBB. Der SR stempelte seine Zuschlagspolitik sogar ganz zur Geheimsache.

Weil vieles noch offen ist, kann die ARD den “Tatort”-Fans bislang noch keine Kontinuität bieten. Eine Sprecherin des Ersten sagt, sie versuche “alle Erstausstrahlungen in der Mediathek zu zeigen”, können dies aber “aufgrund der Rechtesituation nicht garantieren”. Es gelte, “jeden Einzelfall” zu prüfen.

Die Zuschauer können sich deshalb nicht darauf verlassen, einen verpassten Krimi in einem Zeitraum von sieben Tagen nach Ausstrahlung online anschauen zu können, wie ihn die Medienpolitik für Unterhaltungsformate zulässt. Obendrein beschränkt der Jugendschutz die Ausstrahlung: Der “Tatort” kann dort überhaupt nur zwischen 20 Uhr und 6 Uhr gesehen werden.

Das wiederum haben zuletzt laut ARD pro Folge mehr als 100 000 Zuschauer getan - “Tendenz steigend”. Die Kommissare Lürsen & Co. haben damit auch im Netz schon eine beachtliche Fan-Gemeinde gefunden.

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ddp strebt EU-Verfahren gegen AFP an

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am 5. Februar 2010

Die Frage, ob die Nachrichtenagentur AFP gegen geltendes EU-Recht vom französischen Staat alimentiert wird, könnte bald die Behörden beschäftigen. MEEDIA liegt der Entwurf eines Beschwerdeschreibens vor, das an die EU-Kommission adressiert ist. Darin beanstandet ddp, Frankreich unterstütze AFP „systematisch“ mit „großen Subventionen“, die lediglich als „Gebühr“ getarnt seien. Die deutschen AFP-Geschäftsführer reagieren mit Gelassenheit auf die neue Situation im Konkurrenzkampf der Agenturen.

Ende Januar kündigte ddp-Eigentümer Martin Vorderwülbecke in einem Memo an, einiges „sowohl in den Medien als auch juristisch offen“ angehen zu wollen, das „bisher tabu“ sei, darunter die „enorme Subventionierung der AFP“. Weiter schrieb er: „Die Subventionierung diese Staatsbetriebes in Frankreich könnte uns ja egal sein, aber da die AFP ihr Staatsgeld von weit über 100 Millionen Euro pro Jahr für Dumping in Deutschland einsetzt, müssen wir uns wehren.“ Leere Worthülsen? Im Gegenteil!

Vorderwülbecke und sein Geschäftspartner Peter Löw könnten ihre Drohung schneller wahrmachen als mancher in der Branche dachte. Längst liegt in ihrer Schublade ein 20-seitiger Brief an die EU-Kommission, den eine im Wettbewerbsrecht renommierte Kanzlei verfasst hat. Er liegt MEEDIA vor.

In dem Schreiben kritisiert der ddp unter anderem, dass der französische Staat die AFP „systematisch“ mit „großen Subventionen“ unterstütze, die bloß als „Gebühr“ getarnt seien. Aus einer beigefügten Tabelle geht hervor, dass allein staatliche Stellen in Frankreich Dienste der AFP im Wert von 113 Millionen Euro beziehen. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz der dpa lag 2008 bei 94 Millionen Euro, der von ddp und dem zugekauften Dienst AP-Deutschland (heute DAPD) zusammen bei 29 Millionen. Der deutsche Dienst von AFP setzte im gleichen Zeitraum 7,32 Millionen um.

Die große Frage für den deutschen Markt ist, ob der hiesige AFP-Dienst marktübliche Preise für den Bezug der Auslandsmeldungen zahlt. Die Geschäftsführer des deutschen AFP-Dienstes, Clemens Wortmann und Andreas Krieger, wehren sich bereits Anfang Februar im Gespräch mit MEEDIA. Sie sagten: „Es gibt keinen Anlass daran zu zweifeln, dass die Nutzung der französischen, englischen oder spanischen Texte des AFP-Mutterhauses durch die deutsche AFP GmbH adäquat honoriert wird.“ Die AFP GmbH leiste einen „angemessenen Beitrag“. Wie viel genau, halten sie jedoch geheim. Die Lizenzzahlungen nach Paris seien zudem bisher nicht von Wirtschaft- und Steuerprüfern beanstandet worden.

Mit dem Schreiben plant Vorderwülbeckes ddp, vor allem gegen den AFP-Mutterkonzern vorzugehen. Dabei ist auch von Investitions-Zuschüssen, Darlehen und besonderen Steuerbefreiungen die Rede. Kritik übt der ddp in dem Entwurf auch daran, dass die Statuten, auf denen AFP in Paris basiert, keine Defizite gestatteten. Von einer „schädlichen staatliche Beihilfe“ ist ebenso die Rede wie von einer „wahrscheinlich eklatanten Missachtung von EU-Vorschriften“, denn: Der AFP-Bezug von französischen Stellen sei lediglich als „Gebühr für Dienstleistungen verkleidet“. Die staatlichen Abonnements seien „nichts anderes als direkte Finanzhilfen“.

Mit diesen „staatlichen Beihilfen“ könne AFP den Wettbewerb „auf den europäischen und nationalen Märkten stark verzerren“ und Agenturen in Frankreich und anderen Mitgliedstaaten der EU „gefährden“. Mit dem Geld sei es AFP zudem möglich, eine „aggressive Preispolitik“ zu fahren und „mit Dumping-Preisen Marktanteile zu gewinnen“. In dem Entwurf wird zudem darauf hingewiesen, dass das Bundespresseamt für die Bezüge aller Agenturdienste insgesamt lediglich etwa drei Millionen Euro ausgebe. Nicht eingerechnet sind darin hingegen die Staatskanzleien der Länder.

Vorderwülbecke hatte in seinem Memo auch geschrieben, die Sache mit den Subventionen sehe bei der dpa „ähnlich“ aus. Löw hatte der dpa zudem „sittenwidrige Verträge“ vorgeworfen. dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner sagte MEEDIA zu dem Auftreten der ddp-Eigner: „Das ist ein Tonfall und ein Stil, den es im Wettbewerb der Nachrichtenagenturen so noch nicht gab.“ Er sei indes „fest davon überzeugt, dass es in diesem Wettbewerb nicht nur auf den Preis der Dienste ankommt“, sondern entscheidend auf Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit. Büchner: „Ich bezweifle, dass es da hilfreich ist, die Konkurrenz mit falschen Behauptungen zu diffamieren.“

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Neue Teams, neuer Ärger

Die neuen Eigentümer bauen die Nachrichtenagentur DAPD um.

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am 5. Februar 2010

Martin Vorderwülbecke ist derzeit viel auf Reisen. Erst schaute er in Frankfurt vorbei, gestern in Berlin. Mit Chefredakteur Peter M. Gehrig führte er Einzelgespräche mit einem guten Dutzend Journalisten der Nachrichtenagentur DAPD, die am Main sitzt und an der Spree ein Hauptstadtbüro unterhält. Thema war die Zukunft. Die der Betroffenen, aber irgendwie auch die der gesamten Branche.

Was heute DAPD heißt war bis Anfang Dezember noch der deutsche Ableger der US-Agentur Associated Press (AP). Seitdem gehört auch dieser Dienst Vorderwülbecke und dessen Geschäftspartner Peter Löw. Anfang 2009 hatten sie bereits die Nachrichtenagentur ddp übernommen. Jetzt formen sie aus beiden eine Allianz, um sich gegen den Marktführer dpa, aber auch gegen den hiesigen Dienst der französischen AFP aufzustellen.

Den Mitarbeitern erklärte Vorderwülbecke dieses Konzept: Sie sollen von der einstigen AP GmbH in zwei neue Gesellschaften wechseln. Eine, die weiter die Auslandsmeldungen des internationalen AP-Dienstes auswerten soll, dessen Inhalte Vorderwülbecke und Löw lizensiert haben. Die andere soll ein Team mit dem Titel “Korrespondenz und Recherche” beherbergen.

Den Plänen nach kommen in der neuen Einheit insbesondere Reporter unter, die bisher bei DAPD Inlandsmeldungen produzieren. Hier überlappen sich beide Angebote. Miteigentümer Peter Löw sagt, sie hätten bei den Inlandsberichten des ehemaligen AP-Dienstes und ddp Überschneidungen von 60 bis 70 Prozent festgestellt.

“Wir wollen die Inlands-Berichterstattung des ddp deutlich verstärken, ebenso wie die Auslandsberichterstattung des DAPD”, sagt Löw. So soll der DAPD schon bald statt im Schnitt bisher täglich etwa 100 Meldungen aus dem Ausland weit mehr als 125 an die Kunden bei Zeitungen, Sendern und Onlineportalen liefern. Das geht gegen dpa, aber auch gegen AFP.

Hinter den Kulissen knirscht es dennoch. Die Eigentümer gehen wenig zimperlich zur Sache. Die DAPD-Mitarbeiter haben 34 Kündigungen gezählt: Fotografen, Bildredakteure und mit einer Ausnahme der gesamte Schweizer Dienst, der zu AP gehörte. Die Eigentümer beteuern, den Fotografen würden neue Verträge vorgelegt. Von “tiefem Misstrauen” ist in einem Protestschreiben dennoch die Rede, den die DAPD-Reporter an Vorderwülbecke schickten.

Denn die neuen Verträge sehen zwar das gleiche Gehalt vor und damit weit mehr als beim einst insolventen ddp, aber weniger Urlaub. Außerdem sind künftig alle Überstunden abgegolten. Im Gegenzug bieten die neuen unbefristeten Verträge einen Kündigungsschutz von drei Jahren, der aber für beide Seiten gilt. Jeder, der unterschreibt, bindet sich also an die neue Allianz. Das Abwandern zur dpa dürfte so zumindest gestoppt sein. Die Unterschrift wird übrigens mit einer Prämie von 10 000 Euro versüßt.

Noch haben Vorderwülbecke und Gehrig nicht mit allen verbliebenen DAPD-Mitarbeitern geredet. Löw spricht von einer “ersten Runde”. Und wer gar nicht unterschreiben will? Der sei “in den neuen Strukturen nicht wirklich drin”. Als Vorderwülbecke gestern Nachmittag vor der ddp-Belegschaft sprach, kündigte er für ddp keine Entlassungen an, sondern Einstellungen. Beim DAPD werde es aber zu Kündigungen kommen. Auf die Frage, ob nicht DAPD-Mitarbeiter statt auf die Straße in die ddp-Redaktion gestellt werden könnten, habe er laut Teilnehmern geantwortet: “Die wollen doch nicht für weniger Geld arbeiten.” Diskutiert wird noch die Frage, ob der DAPD nach Berlin ziehen soll. Löw: “Es spricht viel dafür, dass der DAPD noch in diesem Jahr nach Berlin ziehen soll.”

Klar ist, dass er mit seinem Partner Vorderwülbecke den Markt gehörig aufmischt. Aufgeschreckt sind dpa und AFP auch, weil die ddp-Chefs beiden Konkurrenten zuletzt mehrfach öffentlich vorwarfen, von ihren Staaten subventioniert zu werden und so mitunter den Markt zu verzerren. Die dpa schickte Löw deswegen eine Unterlassungserklärung, die seit einem Monat die Anwälte beider Seiten beschäftigt.

Löw und Vorderwülbecke fühlen sich nun umso mehr herausgefordert. Der Berliner Zeitung liegt ein 20-seitiger Entwurf einer äußerst namhaften Kanzlei vor, der an Brüssel adressiert ist: Der ddp überlegt sehr konkret, bei der EU-Kommission ein Wettbewerbsverfahren anzustoßen.

Nachtrag 05.02.2010 um 11h12: Die geplante gemeinsame Wettbewerbsbeschwerde von ddp und DAPD richtet sich nach dem vorliegenden Entwurf nur gegen AFP. Mehr dazu hier.

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Krach bei ddp und DAPD

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am 31. Januar 2010

Die Mitarbeiter des ehemaligen Dienstes von AP-Deutschland warnen ihren neuen Eigentümer Martin Vorderwülbecke. In einem Protestschreiben ist von „tiefem Misstrauen“ die Rede. Nach vier Wechseln zum Mitbewerber dpa hat gerade eine weitere feste Kraft gekündigt. Pauschalisten gehen. Die Chefredakteure Joachim Widmann (ddp) und Peter M. Gehrig (DAPD) kämpfen zudem um ihre Macht. In all dem Trubel geht aber unter: Vorderwülbecke hat mit der neuen Agenturallianz viel vor.

Am Freitagmorgen hatte es Joachim Widmann nicht einfach. In der morgendlichen Konferenz fragten ihn Mitarbeiter: „Wer hat uns jetzt eigentlich noch etwas zu sagen?“ Kurz zuvor meldete die „Süddeutsche Zeitung“, der bisherige Chef der Wirtschafts-Nachrichtenagentur dpa-afx werde neuer Gruppen-Chefredakteur beider Agenturen. Die SZ vergaß zu erwähnen, dass Widmann beim ddp und Peter M. Gehrig bei DAPD die Leitung behalten sollen. Widmann schrieb deshalb an seine Truppe: „Ich bin und bleibe der Chefredakteur bei ddp.“ Er wolle damit „Irritationen und Kompetenzfragen ausräumen“, mit denen er „seit früher Stunde konfrontiert“ sei. Gehrig schrieb ähnlich lautendes an seine Leute.

Vorderwülbecke schrieb beiden Belegschaften in einem Brief, der MEEDIA ebenfalls vorliegt, Dreyer werde „unsere Agenturallianz als DAPD/ddp-Gruppe in Kürze ein sympathisches und kompetentes Gesicht nach außen geben“. Dreyer solle bei der „sehr unterschiedlichen Geschichte und Tradition“ der beiden Agenturen „integrierend tätig sein“. Widmann und Gehrig würden „weiterhin ihre respektiven Agenturen leiten“. Dreyer komme „gleichberechtigt auf Gruppenebene“ hinzu. Der Eigentümer spricht von einem „Chefredakteurs-Triumvirat“.

In beiden Häusern fragen sie sich aber nun: Hat Dreyer wirklich nicht mehr zu sagen als Widmann und Gehrig für ihre Läden? Einer, der den ddp aus aktueller Arbeit von innen kennt, sagte zu MEEDIA: „Anders als Widmann und Gehrig wird Dreyer nicht nur Chefredakteur sondern zugleich auch Geschäftsführer sein. Hat nicht der, der nicht nur über die Redaktionslinie sondern auch noch über die Etats entscheidet, letztlich die Sache in der Hand?“ Ein anderer Insider warnt gar, diese Vermengung von Geschäftsführung und Chefredaktion „gehört sich bei einem Diestleister einfach nicht, der zur Objektivität verpflichtet ist“.

Auch die interne Aufregung um diese Personalie zeigt mal wieder: Die ddp-Gruppe um ihre neuen Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw beweist kein gutes Händchen, wenn es darum geht, die gemeinsame Sache nach außen zu verkaufen. Viel schlimmer aber noch ist, dass sich jetzt die Belegschaft des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD) lautstark zu Wort meldet. In einem Schreiben, das MEEDIA vorliegt, schrieben sie gerade ihrem neuen Besitzer, es drohe „das eigentlich unabdingbare Vertrauensverhältnis der Belegschaft zur Geschäftsführung zu zerbrechen“.

Stein des Anstoßes sind die vergangenen Kündigungen. Vorderwülbecke hatte um Weihnachten und Neujahr quasi den gesamten ehemaligen AP-Fotografen und Bildredakteuren gekündigt, und im Anschluss betont, mit den Entlassungen solle es das „erst mal gewesen sein“. Zum Februar hat er nun aber den Schweizer ddp-Dienst geschlossen, inklusive weiterer Kündigungen. Intern teilte er mit, er und sein Mitstreiter Peter Löw bedauerten diesen Schritt „außerordentlich“. Er sei aber betriebswirtschaftlich unumgänglich gewesen.

Beim DAPD sind sie so gereizt, dass viele die Flucht antreten. Kürzlich haben erst mit Peter Zschunke und Froben Homburger die beiden stellvertretenden Chefredakteure gekündigt. Sie wechseln ebenso zur dpa wie DAPD-Wirtschaftschefin Antje Homburger, die schon ihre Verträge unterschrieb, als der Verkauf von AP-Deutschland an den ddp noch ein Gerücht war. MEEDIA hat zudem erfahren, dass mehrere Pauschalisten das Weite gesucht haben – eine Mitarbeiterin wechselte zu „Welt Kompakt“, ein anderer in die PR-Industrie. Und zum Wochenende hat zudem Friederike Marx, die stellvertretende Wirtschaftschefin, ihre Kündigung eingereicht, mit unbekanntem Ziel.

Gleichzeitg geht in diesem Trubel unter, wie sich die neue Allianz künftig positionieren will. Arbeitsgruppen aus Chefredakteuren und Vertrauten arbeiten zusammen mit den Geschäftsführern, zu denen neben Vorderwülbecke auch Franz Maurer gehört, gerade an einem detaillierten Konzept, das durchaus viel verspricht. Offensichtlich will Vorderwülbecke einhalten, was er zusammen mit Löw am Tag der Übernahme von AP-Deutschland den Mitarbeitern des ddp ankündigte. Das Schreiben vom 8. Dezember 2009 war betitelt mit „Unser Motto: 1 + 1 = 3“. In der Branche wurden sie dafür belächelt, klang das doch auf den ersten Blick nach einer gehörigen Portion Übermut.

Jetzt könne dieser Spruch aber Wirklichkeit werden, denn im Gespräch ist MEEDIA-Informationen zufolge dieses Konzept: Der ddp liefert das, was er auch bisher am besten konnte, nämlich ein Grundrauschen aus dem Inland. Der DAPD soll sich hingegen einerseits darauf beschränken, die Kunden mit Auslandsmeldungen zu beliefern. Dafür kann er immerhin auf das Material der etwa 3.000 internationalen AP-Korrespondenten uneingeschränkt zugreifen. Die, die bisher bei DAPD parallel zu ihren neuen Kollegen bei ddp Inlandsberichte absetzen, sollen sich im Wesentlichen aber künftig auf sogenannten Premium-Content beschränken, also Features, Analysen und Hintergründe. Der ddp soll sich im Gegenzug in diesem Bereich stark zurückhalten. Ein Modulsystem entstünde.

Diese Struktur wiederum würde absolut Sinn machen, würde doch so die bisherige Überschneidung im Inland geschickt aufgelöst und aus den bisherigen Angeboten mehr hervorgehen.Wahrscheinlich ließen sich vor allem Lokal- und Regionalzeitungen auf ein solches Paket ein. Offen ist lediglich, zu welchen Konditionen. Einziger Haken an diesem Modell: Viele für aufwändige Recherchen nötige Kontakte ziehen sich Reporter auch bei kleineren Pflicht-Terminen. Eine enge Zusammenarbeit beider Häuser wäre folglich nötig, damit ddp-Kollegen ihren DAPD-Mitsreitern Hinweise liefern. Unrealistisch ist das freilich nicht: Der neue Gruppen-Chef Dreyer soll mit als erstes darüber nachdenken, ob DAPD nicht besser von Frankfurt nach Berlin ziehen sollte. Am neuen ddp-Stammsitz am Rande des Regierungsviertels wäre sogar noch Platz.

Das alles ist zwar noch nicht beschlossene Sache und auch andere Optionen Teil der Erörterungen. DAPD-Inlandskorrespondenten wurde aber für Top-Termine in diesem Jahr bereits zugetragen, sie sollten sich darauf einstellen, nach diesem Verfahren zu arbeiten. Damit würde auch aufgehen, was ddp-Chefredakteur Widmann seinen Leuten Anfang Januar per Memo versicherte: „Die gemeinsamen Kunden von DAPD und ddp werden nicht mit kaschierten Doubletten verärgert.“ Dies sei „eindeutig und sicher“, würde so eine Praxis, wie sie anfangs in den Häusern noch als Idee rumgeisterte, doch nur „Produktionszeit kosten und inhaltlich nichts bringen“.

Was das für die Mitarbeiter vor allem des DAPD bedeutet, werden sie voraussichtlich Mitte der neuen Woche erfahren. Vorderwülbecke kündigte sich für Einzelgespräche mit dem DAPD-Personal an. Er schrieb ihnen: „Um hier endlich konkreter werden zu können, möchte ich Dienstag und Mittwoch nächster Woche in Frankfurt verbringen und Donnerstag in Berlin.“ Er wolle dann mit „vielen bereits ganz konkret – gemeinsam mit den Chefredakteuren – über die Arbeitsplatzbeschreibung der nächsten Jahre reden“. Der ddp-Eigner war für Fragen zu seinen Plänen zunächst nicht zu erreichen.

Vorderwülbecke kündigte überdies an, einige Themen „sowohl in den Medien als auch juristisch offen“ angehen zu wollen, die „bisher tabu waren“. Er nannte seiner Belegschaft die „enorme Subventionierung der AFP“, dem Hauptwettbewerber von DAPD im Bereich Auslandsnachrichten. Weiter hieß es: „Die Subventionierung diese Staatsbetriebes in Frankreich könnte uns ja egal sein, aber da die AFP ihr Staatsgeld von weit über 100 Millionen Euro pro Jahr für Dumping in Deutschland einsetzt, müssen wir uns wehren. Dieses Projekt werden wir auch medial offen erläutern. Ähnlich ist es übrigens auch mit der verdeckten Subventionierung der dpa. Hier ist noch vieles unbekannt und aufzuklären.“ Kein Zweifel: dpa & Co. müssen sich sehr warm anziehen.

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