Raus aus der Ecke
Mit der Nachrichtenagentur dapd entsteht ein Herausforderer für den Marktführer dpa.
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am 3. Juli 2010
Es wächst zusammen, was zusammengehört: Von September an werfen die Nachrichtenagenturen Deutscher Depeschendienst (ddp) und das ehemalige hiesige Angebot der US-Agentur Associated Press (AP) ihre Recherchen zusammen. Dann wird in Deutschland die neue “dapd Nachrichtenagentur” an den Start gehen. Immerhin ein dreiviertel Jahr wird es dann her sein, dass die Eigentümer des ddp auch AP-Deutschland übernommen haben. Der Deal gilt bis heute als gelungener Coup.
Dass aus ddp und AP ein neues, ein deutlich stärkeres Angebot entsteht, ist vor allem eines: gefährlich. Und das an erster Stelle für den Marktführer, die Deutsche-Presse-Agentur dpa. Sie muss künftig erstmals ernsthaft um ihre Marktanteile bangen. Denn während sich ddp und AP als eigenständige Produkte und auch die vielen Mitbewerber wie Ableger der Agence France-Presse (AFP), Reuters und diverse Spezialdienste bis dato als sogenannte Komplementärdienste ergänzend zum Marktführer aufstellen, haben die ddp-Eigner Peter Löw und Martin Vorderwülbecke schon im Dezember gesagt, sie wollten die dpa nun “verzichtbar” machen. Die Zusammenlegung soll ihnen dafür den Weg ebnen.
Der zentrale Stratege dieses Schlachtplans ist Cord Dreyer. Lange war er selbst für dpa tätig, erst als Chef des Landesdienstes Nord, dann in Personalunion Chefredakteur und Geschäftsführer des Wirtschaftsdienstes dpa-AFX. Im April wechselte er die Seiten. Seitdem arbeitet er in derselben Doppelfunktion für ddp/AP-Deutschland.
Das Kernangebot aller Nachrichtenagenturen ist der sogenannte Basisdienst. Anders als Landes- und Fachdienste sammelt sich dort Text- und Bildmaterial, das für die Masse interessant ist. Also Unfälle etwa erst, wenn sie es in die Hauptnachrichten und in überregionale Titel schaffen können. Ähnlich sieht es mit politischen Entwicklungen aus.
Der neue dapd-Basisdienst soll Redakteure bei Sendern, Zeitungen und Onlinediensten laut Dreyer künftig mit “täglich etwa 500 Meldungen aus Politik, Wirtschaft und allen Bereichen des Vermischten” versorgen, dazu mehr als 2 000 Fotos aus Deutschland Dreyer plant, dafür etwa 220 feste Journalisten und knapp 80 Fotografen zu beschäftigen - in Deutschland an 31 Standorten.
Zum Vergleich: Marktführer dpa kommt zwar grob auf dieselbe Anzahl an Fotos, aber mit 800 Meldungen im Basisdienst und aktuell 451 Text- und Fotoredakteuren sowie 50 innerdeutschen Büros auf üppigere Dimensionen. Den Unterschied macht dabei unter anderem, dass die dpa auch den Sport abdeckt, worauf der dapd verzichtet. Dessen Vertrieb verweist im Zweifel an den Sport-Informations-Dienst (sid), der mit dpa locker mithält.
Der neue dapd wird also vor allem eines sein: eine Art “dpa light”. Aber eben auch erstmals ein echter Rivale für den Marktführer. Das wird für Wettbewerb sorgen. Dreyer sagt, der Markt brauche “so einen zweiten Dienst”, der “aus der Ecke der Komplementäragenturen rauskommt”. Und das könnte sogar stimmen, wie allein das Beispiel der WAZ-Gruppe zeigt: Seit Januar 2009 schon verzichten mehrere ihrer Regionalzeitungen gänzlich auf dpa-Angebote, darunter mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung auch das auflagenstärkste Das war, wie die WAZ-Spitze stets betont, eine Preis- und keine Qualitätsfrage. Und am Sparen sind in der Zeitungskrise bekanntlich viele Verlage.
Unter qualitativen Gesichtspunkten dürfte die dpa noch lange die Nase vorn haben. Gewachsen sind nicht nur jahrelang Kontakte in Politik, Wirtschaft und Ermittlungseinheiten, die für einen Vorsprung sorgen können, sondern über sechs Jahrzehnte auch das Archiv. Und während der neue dapd sich zwar auf gut 3 000 internationale AP-Korrespondenten stützen kann, weil seine Eigentümer das englischsprachige Material für 15 Jahre lizenziert haben, betreibt die dpa im Ausland ein eigenes Netz an Korrespondenten, ja Dreyer will an anderer Stelle gegensteuern und hat bereits eine eigene Recherche-Abteilung gegründet, in der sechs Journalisten arbeiten.
Das Leben schwer machen wird dapd hingegen dieser Umstand: Die dpa wurde nach dem Krieg von deutschen Verlagen selbst gegründet und ist auch heute noch in ihrem genossenschaftlichen Besitz. Der dapd ist, vereinfacht gesagt, bloß irgendein Dienstleister, die dpa indes die Agentur der Verlage. Das schafft Bindung und Vertrauen. Und Hoffnung für die dpa.
@daniel_bouhs
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