Steul will klareres Profil für Deutschlandradio-Sender

Gleichzeitig Sparprogramm gestartet - Gegen Zusammenlegung in Berlin.

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in Ausgabe 44/2010

Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur sollen sich nach den Vorstellungen von Intendant Willi Steul klarer profilieren und deutlich sparen. Steul sagte am 1. Juni, in seinem Haus werde derzeit die Frage gestellt, worin - neben dem im Januar gestarteten und klar positionierten DRadio Wissen - der Markenkern der beiden Programme liege. Beim Deutschlandfunk sei es “das ständige Weitertreiben der aktuellen Information mit hochrangigen Gesprächspartnern”, gleiches gelte für Deutschlandradio Kultur im Bereich der Kultur. Seit Jahren würden zusätzlich “wunderbare Dinge” gesendet, die aber “nachgelagert zu diesem Markenkern” seien.

Seine Sender in ihrer jetzigen Positionierung bekanntzumachen, sei ein “kommunikativer Alptraum”, sagte Steul bei einer Veranstaltung des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin. Die Marken Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen passten “so nicht zusammen”. Er deutete an, dass er sich auch Änderungen im Programm von Deutschlandradio Kultur wünscht. Solange Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur nicht vollständig parallel hörbar seien, müssen sie allerdings “wie ein Vollprogramm gestaltet sein.” Als wichtigste Säule bezeichnete Steul den Deutschlandfunk, “weil er dieses Renommee hat und dieses geradezu unkritisierte Image des stabilsten Senders für saubere aktuelle Information”.

Der Intendant stellte in Aussicht, die bisher stark getrennt arbeitenden Programme Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur für Synergien zu öffnen: “Jetzt müssen wir daran gehen, zum Beispiel die Planungsarbeit zu vernetzen.” Gleichzeitig kündigte er an, die Identitäten und die daran hängenden unterschiedlichen Kulturen der Sender zu schützen: “Sie können nicht alles zusammenlegen. Die Programme müssen ihren eigenständigen Charakter halten.” Explizit stellte er sich gegen Befürchtungen, er wolle seine Sender zu Spartenprogrammen umbauen. Möglich sei aber, die Sender “komplementär zueinander” aufzubauen. Für dieses Vorhaben bezeichnete er den flächendeckenden Aufbau des digitalen Radios (DAB) als existenziell.

Müchler: Wahlen keine “Spielflächen”

Zusätzlich zu diesem Prozess laufen in beiden Sendern Sparpläne an. Steul und Programmdirektor Günter Müchler erklärten ihren Mitarbeitern, dass bereits vor dem Ende der laufenden Gebührenperiode deutlich gespart werden müsse. Zur Begründung führten sie an, dass die Einnahmen aus den Rundfunkgebühren nach ARD-Prognosen in den kommenden zehn Jahren um etwa 15 Prozent sinken könnten.

Eine erste Sparmaßnahme, die auch die bisherige Grenze zwischen Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur auflöste, war die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai: Deutschlandradio Kultur musste auf Müchlers Anweisung die Wahlsendung seines Schwesterprogramms übernehmen. Bis dahin produzierten beide Programme zu jeder Wahl ein eigenständiges Angebot. Der gemeinsame Redakteursausschuss der Deutschlandradio-Sender schrieb daraufhin in einem offenen Brief an Müchler, es werfe “ein schlechtes Licht auf Deutschlandradio Kultur”, dass sich der Sender “nicht mit einer eigenständigen journalistischen Begleitung des Geschehens profilieren” konnte.

Steul erklärte dazu am 1. Juni: “Die Kollegen haben das Ende des freien Journalismus beklagt. Ich kann ihnen nicht helfen - ich nehme darauf auch keine Rücksicht.” Müchler hatte dem epd bereits am 23. April gesagt: “Die Frage ist, wie wir sparen wollen: Mit dem Rasenmäher, also einfältig, oder indem wir Prioritäten setzen. Ich bin für letzteres.” Wer vernünftig sparen wolle, der müsse werten. “Wir wollen den Rotstift dort ansetzen, wo die Qualität des Angebots nicht leidet”, so Müchler. Wahlen seien “keine Spielflächen, wo sich Kreativität austoben kann”. Künftig werde es noch mehr Streit geben, weil der Rückgang der Einnahmen zu tiefen Einschnitten zwinge.

Intendant Steul kündigte in Berlin an, in Zukunft mehr Mitarbeiter als bisher in den Sparprozess einzubinden. Eine Absage erteilte er der Idee, alle Sender in der Bundeshauptstadt zusammenzuziehen und den Hauptsitz von Köln nach Berlin zu verlegen, um Betriebs- und Verwaltungskosten zu sparen. Dies sei logistisch nicht möglich, weil sein Sender mehr als 200 Konzerte pro Jahr ausstrahle und dafür einen Technik-Fuhrpark samt Personal in ganz Deutschland brauche.

Für die Entscheidung, einen Teil des Senders in Köln zu halten, gebe es aber auch einen “wesentlichen politischen Aspekt”, so Steul. “Würde man den Deutschlandfunk nach Berlin verlegen, haben Sie als staatsvertragliche Stütze nur noch Berlin”, sagte er. “Berlin ist im Konzert der Länder aber schmalbrüstig. Geld hat’s auch nicht. Sind Sie aber mit einem Teil Ihres Hauses in NRW, dann haben Sie eine starke Landesregierung im Rücken.”

“Panne” beim Köhler-Interview

Steul äußerte sich in Berlin auch zu dem journalistischen Scoop seines Senders, das Interview geführt zu haben, das Ausgangspunkt für den völlig überraschenden Rücktritt Horst Köhlers vom Amt des Bundespräsidenten war (epd 42-43/10). Er bemängelte, dass Deutschlandradio in den Berichten anderer Medien nur selten als Quelle genannt worden sei. Dass der Deutschlandfunk das Interview von Deutschlandradio Kultur übernahm, es aber um die später inkriminierten Aussage Köhlers kürzte, bezeichnete Steul als “Panne”. Die Kürzung sei notwendig gewesen, um Sendezeit zu sparen.

Das Internet, wo beide Sender ihre Fassung transkribiert eingestellt hatten, vergesse nichts, so Steul. Nutzer hätten dem Sender per E-Mail, Twitter und in Blogs vorgehalten, Köhler zensiert zu haben. Steul wehrte sich gegen die Theorie, hier sei bewusst eine heikle Passage gestrichen worden. Er deutete an, dass ein unaufmerksamer Redakteur mit der Kürzung beauftragt gewesen sei: “Ich hätte nicht grübeln müssen, wo hier die wichtigste Nummer gewesen ist. Mir wäre diese Panne mit dem Schneiden nicht passiert - betrunken hätte ich das wahrgenommen.” Mit 59 Jahren habe er dafür aber auch die notwendige Erfahrung, so Steul.