Schnappschuss vom Leser, Schnäppchen für die Medien
Die neue Medienplattform “Tvype” will Leser zu Reportern machen. Der Deutsche Journalisten-Verband schlägt Alarm: Qualitätsverlust und Lohndumping drohen.
Veröffentlicht auf
am 8. Juni 2010
Als die Bild-Zeitung vor vier Jahren damit begann, sich von ihren Fans offensiv Fotos und Videos zu wünschen, wurde sie dafür belächelt. Und heftig kritisiert. Verbände von Polizei, Sanitätern und Feuerwehren fürchteten etwa, noch massivere Probleme mit Gaffern zu bekommen als bisher.
Anzeige
Mit Tvype versucht jetzt auch ein Unternehmen, hinter dem weder Verlage noch Sender stehen, mit Amateuren gemeinsam Kasse zu machen. Doch Profi-Journalisten versetzt die neue Plattform in Alarmstimmung. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) sagt: “Für Amateure mag das Portal interessant sein, offeriert es ihnen doch Einnahmen. Die Medien sollten jedoch nicht auf das Material zurückgreifen.” Der DJV habe die gleichen Probleme mit Tvype wie mit den Leserreportern der Bild-Zeitung. “Die Redaktion kennt die Anbieter nicht und weiß nicht, ob das Material authentisch ist”, mahnt Zörner. Das aber sei nötig, um die journalistische Glaubwürdigkeit zu wahren.
“Viele Beispiele zeigen, dass das Material von Bürgerreportern inzwischen gut genug ist, um für die Medien interessant zu sein”, sagt hingegen Tvype-Gründer Daniel Holle. Eindrucksvoll seien etwa die Aufnahmen von Urlaubern gewesen, die Weihnachten 2006 an der Küste Thailands vom Tsunami überrascht wurden – das Material lief tagelang in den Nachrichtensendungen, auch in Deutschland. “Was bisher fehlte, das war der professionelle und strukturierte Weg, damit der Bürgerreporter sein Material schnell in die Redaktionen bekommt”, sagt Holle. Er will das ändern.
Für den deutschen Journalistenverband ist das aus mehreren Gründen eine Horrorvorstellung. Denn die Amateurfotografen hätten meist keine Kenntnis von medienethischen Aspekten “und schaden im Zweifel dem Berufsstand der professionellen Bildjournalisten”. Vor allem empört er sich darüber, “dass Amateure – gewollt oder ungewollt – einen Beitrag zum Honorardumping leisten”. Sie machten es den Profis “umso schwerer, von ihrer journalistischen Tätigkeit zu leben”.
“Bei uns sitzen Fotoredakteure, die sich jedes Bild genau ansehen: Ist es wirklich nachrichtlich interessant, ist es plausibel, ist es ethisch vertretbar”, sagt Holle. Die EU fördert den Start von Tvype mit 100.000 Euro. Hinter der Plattform steht laut Holle aber auch ein Investor, der nicht genannt werden wolle. Der Betrieb sei “für zwei Jahre locker gesichert.”
Nur Mitarbeiter von Zeitungen, Sendern und Onlinediensten könnten die aktuellsten Clips einsehen und bei Interesse zuschlagen. Der Bürgerreporter selbst kann den Preis festlegen, Tvype legt einen Aktualitätsbonus oben drauf, der mit fortschreitender Zeit wieder fällt. Will eine Redaktion einen Clip exklusiv haben, kostet das extra. “Ich gehe davon aus, dass bei lokalen Inhalten 10 bis 50 Euro möglich sind, bei Inhalten, die auch überregional interessant sind, könnten das zwischen 500 und 5.000 Euro sein. Je nach Brisanz”, sagt Holle.
Bild wirbt damit, dass der Abdruck einer Leser-Aufnahme 500 Euro bringen kann, wenn sie in ganz Deutschland zu sehen ist. Das Netz der Hobby-Journalisten ist so groß, dass ihnen weder entgeht, wie sich Kevin Kuranyi auf Ibizia bräunt, wie die Sängerin Pink jüngst auf einem Konzert in Deutschland versehentlich eine ihrer Brustwarzen entblößt und auch nicht der neue Sport-Astra des Automobilherstellers Opel, der noch gar nicht präsentiert wurde. Mehr als eine halbe Millionen Aufnahmen haben Bild bereits erreicht.
Der Nachrichtensender CNN wiederum hat iReport gestartet: Die Plattform zählt bereits 550.000 Nutzer, die dem Sender entweder Material schenken oder es bewerten. Pro Woche kommen gut 5.000 Beiträge an, die CNN auf der iReport-Seite freigibt. Filme und Fotos aus aller Welt, für die der global agierende Nachrichtensender keinen Journalisten losschicken musste. Und nicht nur das: Die Nutzer springen sogar auf Wünsche des “Assignment Desks” an, der damit wirbt, die Aufnahmen könnten über den Sender gehen, der weit über die USA hinaus eine Größe ist.
Bilder vom Ausmaß des Öl-Desasters rund um den Golf von Mexiko ist ein aktueller Wunsch der CNN-Redaktion. Im Frühjahr lieferten Zuschauer bereitwillig Material, als die Aschewolke den Flugverkehr in Europa behinderte. Allein 76 dieser “iReports”, die mit einem speziellen Logo markiert sind, liefen so im Fernsehen – von Betroffenen, die am gnadenlos überfüllten Frankfurter Flughafen fest hingen, bis hin zu einem Gestrandeten in Berlin, der seinem Frust Ausdruck verlieh: “Ich spreche die Sprache nicht und hier bekommt man wirklich nur so viel Bier, wie man erträgt.” Holle bietet, ebenfalls auf Tvype, Medien die Möglichkeit, Bürgerreporter um Aufnahmen von geplanten Events zu bitten.
Einer seiner Konkurrenten ist der Medienunternehmer Andre Zalbertus. Der hat die “Gesellschaft zur Förderung der Bürgerreporter” gegründet. Auch Zalbertus will mit Hobby-Journalisten Geld verdienen. Bei Zalbertus können sie für 99 Euro einen Presseausweis kaufen, der denen hauptberuflicher Reporter erschreckend ähnlich sieht. Der Verein, der seine Anhänger vor allem im Ruhrgebiet findet, will außerdem das Bürgerreporter-Dasein professionalisieren, mit Seminaren und Treffen dieser neuen Zunft. “Die Bürgerreporter wollen dem Qualitätsjournalismus keine Konkurrenz machen, sondern sind lediglich eine sinnvolle Ergänzung”, sagte Zalbertus jüngst in einem Interview mit dem Branchendienst DWDL.
Zalbertus betreibt unter der Marke center.tv in und um Düsseldorf mehrere lokale TV-Sender, die passenderweise vor allem Hobby-Material verbreiten. Und er hat Erfolg: Erst war die Rheinische Post nur in das Unternehmen eingestiegen, jetzt will der Verlag die Senderkette ganz übernehmen. Das Kartellamt prüft den Vorgang bereits. Damit dieses Geschäft floriert, soll Zalbertus’ 2009 gegründete Gesellschaft das Image der Bürgerreporter aufpolieren. So heißt es im Wertekodex, dem sich alle Mitglieder verpflichten müssen: “Verzichten Sie auf jede Art von rücksichtslosem Verhalten, Stalking, Drohungen, Belästigung, Pornographie, Einschüchterung, Eingriff in die Privatsphäre oder Offenlegung privater Informationen.” Das “oberste Gebot”, lernt der Hobby-Reporter, heiße: “gegenseitiger Respekt”.
@daniel_bouhs
Xing-Profil