Sparrunde beim Deutschlandradio
Das Deutschlandradio steht vor massiven Einsparungen. Erste deutliche Kürzungen betreffen die Berichterstattung über die Wahlen in Nordrhein-Westfalen. Weil das vielen Redakteuren aber nicht passt, mucken sie auf. Ihr Programmdirektor hält dagegen - er sieht keine andere Chance.
Veröffentlicht auf
![]()
am 26. April 2010
Der 9. Mai wird nur der Anfang sein. Bislang traten Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur bei Wahlen mit unterschiedlichen Sendungen an. Zum Urnengang in Nordrhein-Westfalen wird es aber nur eine einzige, parallel ausgestrahlte Sendung auf den zwei Hörfunkwellen geben - geliefert vom Deutschlandfunk. Und geht es nach Programmdirektor Günter Müchler, wird es von nun an noch viel mehr sogenannte Synergien geben. “Wir werden uns in Zukunft noch öfter streiten, denn die Einschnitte werden tief sein”, sagte er SPIEGEL ONLINE.
Köln gegen Berlin und Redakteure gegen Müchler - so verlaufen in den Funkhäusern des Deutschlandradios zurzeit die Fronten. In Köln sitzen der Deutschlandfunk, die älteste Welle im Senderverbund, und Dradio Wissen, die jüngste Welle. In Berlin hat dagegen Deutschlandradio Kultur seinen Sitz. Wie sich die zwei Standorte und drei Wellen die Arbeit in Sparzeiten teilen, davon handelt der Streit im Kern.
Auf der einen Seite sind die Redakteure, die durch Zusammenlegungen wie im Fall der NRW-Wahlen die Qualität ihrer Programme gefährdet sehen. Und dann ist da Müchler, der mit einer Hand voll anderer Hierarchen die andere Seite bildet. Der Redakteursausschuss konfrontierte Müchler in einem offenen Brief mit deutlichen Worten. In dem Papier heißt es unter anderem: “Wir sorgen uns um die journalistische Vielfalt im Deutschlandradio.” Das ist zweifellos ein Alarmsignal. Schließlich geht es um viel: Jüngsten repräsentativen Erhebungen zufolge schalten insgesamt rund zwei Millionen Hörer Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur jeden Tag ein - bisher mit kontinuierlich steigender Tendenz.
Müchler leugnet nicht, dass er gezielt spart: “Es weiß doch jeder, dass die Gebühreneinnahmen rückläufig sind.” 2008 zog die GEZ tatsächlich weniger Geld von den Deutschen ein als ein Jahr zuvor. Weil die Gesellschaft älter und ärmer wird, also immer mehr Bürger von den Rundfunkgebühren befreit werden, rechnet die ARD gar in den nächsten zehn Jahren mit einem Rückgang ihrer Einnahmen um 15 Prozent. “Das trifft auch uns”, sagte Müchler, dessen Wellen zuletzt 183 Millionen Euro pro Jahr aus dem Gebührentopf zogen.
Dem Programmdirektor geht es nach eigenem Bekunden nicht mehr um die Frage ob gespart wird - sondern wie. “Wer vernünftig sparen will, muss werten”, so Müchler. Er wolle den Rotstift ansetzen, “wo die Qualität des Angebots nicht leidet”. Geht es nach ihm, “verliert kein Hörer etwas, wenn wir die Wahlsondersendungen von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur zusammenlegen”. Sie seien “keine Spielflächen, wo sich Kreativität austoben kann”, da die Abläufe vom Schließen der Wahlurnen, den Prognosen und dem Bekanntgeben der Ergebnisse bestimmt würden - und der Inhalt von Zahlen. “Das ist keine geeignete Fläche für Programmvielfalt.”
Sind wichtige Stellen nach Köln abgezogen worden?
Seine Redakteure sehen das freilich anders. “Wenn sich unser Programm am Abend der wichtigen Wahl in diesem Bundesland nicht mit einer eigenständigen journalistischen Begleitung des Geschehens profilieren kann, wirft das ein schlechtes Licht auf Deutschlandradio Kultur”, heißt es im Protestbrief.
Hinzu komme, dass das Berliner Deutschlandradio Kultur, das am 9. Mai die Sendung des Kölner Deutschlandfunks übernehmen soll, vom Sommer an just in Nordrhein-Westfalen deutlich mehr Frequenzen zustehen werden. Statt 1,2 werden dann 10,8 Millionen Bürger des einwohnerstärksten Bundeslandes in der Lage sein, den Kanal über UKW in ihre Wohn- und Bürostuben zu holen.
Die Mannschaft befürchtet gar ein “weiteres Abhängen” des Berliner Standortes: “Bei vielen Kollegen in unserem Funkhaus gibt es die Wahrnehmung, dass der Kölner Standort bei wichtigen strategischen Entscheidungen bevorzugt wird”, notierte ihr Gremium weiter. Ein erstes Indiz sei die Wahl des Kölner Funkhauses als Stammsitz für den zum Jahresbeginn eingerichteten dritten Kanal Dradio Wissen, der nur digital zu empfangen ist. Das habe sich aber auch am “Abfluss hochwertiger Stellen nach Köln” gezeigt.
Zumindest für die künftig gemeinsam produzierten Wahlsendungen gibt Müchler Entwarnung. Das Funkhaus, das dem Ort des Geschehens am nächsten sei, werde federführend sein. Er legte sogar noch nach und sagte offen: “Wer das kritisiert, der verwechselt das eigene Interesse mit dem des Hörers.”
Genauso hartnäckig kämpft Müchler gegen interne Kritiker an, die meinen, die anlaufende Sparwelle werde noch durch den Start von Deutschlandradio Wissen verstärkt. “Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur wird nicht ein Cent durch Dradio Wissen entgehen”, sagt Müchler. “Wer anderes behauptet, der redet großen Unfug.” Seine eigenen Leute hat er damit bisher nicht beruhigen können.
@daniel_bouhs
Xing-Profil