Der Reporter ist das Programm
Analyse: Presenter-Reportagen im Fernsehen.
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am 21. April 2010
Im Januar 2007 musste Thomas Baumann eine Niederlage einstecken. Damals lehnte die Runde der zehn ARD-Chefredakteure den Plan ab, im Ersten sogenannte Presenter-Reportagen auszustrahlen - Filme, in denen die Reporter selbst nach der Hauptrolle greifen und deshalb auch im Bild zu sehen sind. Vorangegangen waren Testsendungen aus gleich drei Anstalten, sie überzeugten jedoch nicht alle Entscheider.
Baumann, damals wie heute oberster ARD-Chefredakteur und damit für Informationsprogramme im Ersten zuständig, war dieser Machart besonders gewogen. Überliefert ist, dass er sich auch in der entscheidenden Sitzung noch für eine Presenter-Reihe stark machte (epd 07/07). Damals unterlag er, doch inzwischen dürfte er ebenso wie andere Freunde der journalistischen Ego-Formate Genugtuung empfinden: 2010 ist zweifellos auch das Jahr der Presenter-Reportagen im deutschen Fernsehen. Sie werden in den Programmen so sichtbar sein wie nie zuvor.
Waren damals Georg Restle (WDR), Rita Knobel-Ulrich (NDR) und Thomas Leif (SWR) die Kandidaten für eine Presenter-Karriere im Ersten, kommen die Presenter-Stars von heute aus Redaktionen wie “Panorama” im NDR und “ZDF.reporter”.
Der Zuschauer als Beobachter
Allen voran NDR-Chefreporter Christoph Lütgert und seine Kollegin Christine Adelhardt werden neuerdings selbst von den Kamerateams ins Visier genommen. Beide waren von Anfang an mit dabei als der NDR im Frühjahr 2008 zusammen mit einigen externen Produktionsfirmen begann, ein neues politisches Format für sein Drittes zu suchen. Was intern erst “Panorama – das Team” hieß, ist seit Juli 2008 als “Panorama – die Reporter” auf Sendung, damals als Magazinformat mit mehreren Beiträgen, heute als eine einzige große Reportage. Geblieben ist, dass der Zuschauer die Reporter bei ihren Recherchen begleiten kann, also mehr denn je Beobachter des Geschehens ist.
“Panorama”-Chef Stephan Wels spricht von einem “journalistisch kräftigen, meinungsbetonten und profilierten” Format, das dem Sender bisher in dieser Intensität gefehlt habe. Tatsächlich sind die Geschichten Thesenfernsehen in Reinform: Reporter bleiben hartnäckig an einer Frage dran und halten ihre Emotionen und ihre Haltung nicht zurück, wie das sonst von ihnen verlangt wird. Der Presenter, der in den neuen Formaten mehr Rechercheur denn Moderator ist, kann folglich nur geliebt oder gehasst werden. Kalt lässt sein Erscheinen den Zuschauer nie. Das ist zugleich Stärke wie Schwäche des Formats.
Dramaturgisch kann es ein Gewinn sein, journalistisch auch, manchmal kriegt die Geschichte dadurch einen spannenden oder amüsanten Dreh. In einer der ersten Sendungen etwa jagte die furchtlose Christine Adelhardt den abgetauchten Ronald Schill in Rio de Janeiro, stellte ihn gleich mehrmals mit ihrem Trupp, was ihm, der einst so gern die Öffentlichkeit suchte, sichtlich missfiel.
Nun kann keine Rede davon sein, dass Schill in diesem Stück allein den Mittelpunkt bildete. Wie in allen Presenter-Reportagen wurde auch hier die Journalistin selbst zur Protagonistin. Adelhardt war deutlich häufiger im Bild als ihr Gesprächspartner. Der wollte ohnehin kaum etwas sagen und war erkennbar schwer zu fassen – bei solchen Themen greift das neue Format am besten: Wenn es keine anderen Bilder gibt, also eh nur der Reporter in Szene gesetzt werden kann, um die Sendestrecke zu füllen.
Zwei Kamerateams
Das Thema muss aber stets greifbar sein. Ist es das nicht, misslingt die Show. Zu sehen war das auch bei den “Panorama”-Reportern: Als sich mehrere von ihnen aufmachten, die Folgen des Klimawandels aufzuspüren, wirkten sie auf einem deutschen Campingplatz ebenso verloren wie in der Dritten Welt – die Reporter im Bild waren kein Mehrwert. Das Klima lässt sich eben nicht stellen wie ein Schurke.
Um die Presenter gut in Szene zu setzen, sind fast immer zwei Kameras dabei, die aus unterschiedlichen Perspektiven drehen – und sich dabei schon mal sichtlich in die Quere kommen. Außerdem kommt ein Regisseur mit, der Anweisungen gibt wie auf einem Filmset. Vielen Einstellungen sieht man an, dass sie gestellt wurden – etwa wenn Reporter am Ort des Geschehens ankommen, die Kamera aber schon läuft. Und natürlich, wenn die Journalisten irgendwo klingeln, die Tür aufgeht, man sich vorstellt aber auch hier schon der Kameramann aus dem Wohnzimmer heraus draufhält. Das neue Informationsfernsehen ist vor allem konstruiert.
Die Macher loben ihr neues Format natürlich trotz dieser Mängel. Wels sagt, der Zuschauer könne mit der Presenter-Form erleben, “wie der Reporter mit einem Thema ringt und wie er sich in der direkten Konfrontation mit Politikern und Verantwortlichen schlägt”. Da hat er Recht, denn einige Szenen, die bisher unter der Marke “Panorama – die Reporter” oder im Zweiten als “ZDF.reporter unterwegs” über die Sender gingen, waren stark. Zum Beispiel die Szene, als Lütgert den Chef des Textildiscounters KiK stellte, um ihm ein Foto vorzuhalten, das er zuvor selbst in einem erbärmlichen Slum in Bangladesch aufgenommen hatte: es zeigt, wie der Sohn einer Arbeiterin eines KiK-Lieferanten verelendet, weil das Geld für Essen und Medikamente fehlt. Der KiK-Chef sagte nichts dazu.
[Nachtrag: KiK und der NDR streiten sich über die Recherchemethoden des Senders. In "Panorama – die Reporter" zeichne der NDR ein verzerrtes und in weiten Teilen falsches Bild von KiK. Die journalistische Sorgfaltspflicht sei "grob verletzt" worden - so das Unternehmen. Der NDR hält dagegen.]
Nicht immer sympathisch
Dies ist gängiges Motiv vieler Presenter-Reportagen: Sie arbeiten auf den Moment der Konfrontation hin. Sei es bei der Suche nach Schill, aber auch beim Auftreiben der einstigen DDR-Größen Egon Krenz und Margot Honecker. In diesen Szenen fiebert der Zuschauer mit. Da stört dann auch nicht, dass sich weder Honecker, noch der KiK-Chef zu einem Gespräch bereiterklären, sondern dem Reporter - und damit eben auch den Zuschauern - die kalte Schulter zeigen.
Im besten Fall identifizieren sich die Zuschauer mit den Reportern. Die können sich aber auch gehörig zum Deppen machen. Beispiel wiederum Lütgert: Der Chefreporter nannte den einstigen Finanzminister Peer Steinbrück in einem Presenter-Stück zum Zustand der SPD nach einem Interview eine “generöse Tour” nach - und hinterließ beim Zuschauer von sich den selben Eindruck. Sympathisch war das nicht.
Spricht man Lütgert auf diese Szene an, sagt er, er habe damals gar nicht gemerkt, dass in dem Moment ein Band lief. Der Vorfall zeigt, auf welch schmalem Grat sich die Presenter zwischen Mehrwert des Formats und alberner Selbstdarstellung bewegen. Adelhardt räumt im Gespräch mit dem epd offen ein: “Da bin ich selbst ambivalent.” Das Format habe “sicher von beidem etwas”. Einerseits stehe sie bei dieser Machart als Reporterin mehr im Mittelpunkt als sonst. Andererseits bringe der Aufwand aber auch die große Freiheit mit sich, mehr Bilder im Gepäck zu haben: “Ich muss mir bei diesen Filmen weniger Gedanken um die Einstellungen machen, die ich mitbringen muss.”
Noch wichtiger aber ist ihr, dass den Gesprächspartnern mehr Raum eingeräumt wird als in anderen Produktionen. So sei es bei diesen Einstellungen “viel schwerer, mehrere Passagen zu einer Sequenz zusammenzuschneiden”. Die Interviewten kämen so “natürlicher rüber” und die Machart schaffe “Authentizität – und zwar bei allen Beteiligten”.
Die Macher widersprechen auch der Annahme, dass die großen Trupps mit Reporter, zwei Kameraleuten, deren Assistenten und einem Regisseur auf die Gesprächspartner erschlagend wirken könnten. An die zwei Kameras gewöhne man sich schnell, erklärt Lütgert, der mit Blick auf Interviews von einem “großen Segen” spricht, denn: “Ich kann es auch nicht richtig erklären, aber die Menschen sind viel unverkrampfter als bei klassischen Fernsehinterviews.” Vielleicht liege es daran, dass Kameraleute “nicht stur draufhalten, sondern während der Gespräche anfangen, sich selbstständig zu machen”.
Die bisher ausgestrahlten Presenter-Reportagen im NDR und im ZDF zeigen tatsächlich eher Plaudereien als klassische Interviews. Auffällig ist auch, wie lange einzelne Gesprächssituationen dauern. Sind in konventionellen Magazinen und Reportagen die sogenannten O-Töne vielleicht 20 Sekunden lang, kommen sie bei “Panorama - die Reporter” schon mal auf bis zu zwei Minuten.
Intensive Recherche
Wels sagt, Presenter-Stücke würden “große Reporterpersönlichkeiten herausbilden”. Das bedeutet aber auch: Für diese Produktionen eignet sich nicht jeder TV-Journalist. Hinzu kommt, dass die Presenter bisweilen mehr Darsteller sind als Rechercheure. Lütgerts KiK-Film etwa haben zwei Rechercheure vorbereitet, nicht der Vorzeigereporter selbst. Beteiligt war unter anderem Britta von der Heide, die recherchierte und die Auslandsrecherchen drehte. Die ausgebildete Video-Journalistin kann nicht nur recherchieren und organisieren: Ihr Talent hat sie inzwischen bei mehreren NDR-Projekten eindrucksvoll unter Beweis gestellt, zuletzt auf der Klimakonferenz in Kopenhagen.
Lütgert selbst sagt, bei diesen Projekten sei die Recherche “meist noch viel intensiver als sonst”. Der Autor könne nicht einfach irgendwelche Fotos oder Archivszenen einblenden und einen Text drauflegen, sondern müsse alle Szenen frisch drehen, damit der Reporter im Bild sei. “Wir müssen die Leute treffen – auch die, die nicht mit uns reden wollen.” Kommt es zur Konfrontation, verlangt die Situation dem Presenter mehr Fähigkeiten ab als simples Schauspielern. Für den KiK-Chef etwa hatten die Rechercheure herausgefunden, “wann der wo ganz sicher in einem Hotel aus der Aufsichtsratsitzung eines Fußballvereins kommt und wir ihn stellen können”. Das sei eine Arbeitsweise, die er sonst nur aus Auslandsstudios kenne, “in denen die sogenannten Producer dem Reporter oft das Feld bestellen”, so Lütgert.
Adelhardt sagt, der Presenter müsse es ertragen können, selbst im Bild zu sein. “Es gibt zweifellos Kollegen, die das können, und andere, denen das zuwider ist.” Kritik sei bei diesem Format nicht nur Kritik am Produkt, sondern immer auch Kritik an der eigenen Person: “Wir können uns nicht mehr hinter einem Beitrag verstecken. Das ist anstrengend.” Adelhardt wechselt im Sommer als Korrespondentin nach Peking. In der Redaktion sagen sie: “Wir weinen, weil sie für das Format gemacht ist wie keine andere.” Denkbar sei aber, auch in China ähnliche Reportagen zu drehen - etwa wenn es um Umweltskandale geht und sich Reporter im Bild lohnen.
Mehr Aufwand
Sendeplätze gibt es dafür inzwischen genug. Zehnmal im Jahr, immer am ersten Mittwoch eines Monats, wird “Panorama – die Reporter” im NDR-Fernsehen zu sehen sein, das nächste Mal am 5. Mai. Anfangs kostete eine Ausgabe zwischen 80.000 und 100.000 Euro - zum Neid vieler anderer Redaktionen. Jetzt liegen die Kosten darunter. Sie sind aber noch immer deutlich aufwendiger und teurer als andere 30-Minüter.
Auch der Redaktionsleiter der “ZDF.reporter”, Norbert Lehmann, der über Jahre hinweg auf billige Blaulichtreportagen setzte, gibt inzwischen mehr Geld für die Presenter-Reportagen aus. Im Sender heißt es, im vergangenen Jahr habe der damalige Chefredakteur Nikolaus Brender gesagt, er kenne inzwischen jede Autobahn-Ausfahrt in Deutschland, und ein neues Konzept gefordert. Passenderweise war da gerade im NDR zu sehen, wie moderne Reportagen aussehen könnten.
Mit dem Relaunch der Sendung beauftragte Lehmann die Elb Motion Pictures (EMP). Die entwickelten nicht nur das neue Format “ZDF.reporter unterwegs” sondern hatten bis dahin auch mit dem NDR zusammen “Panorama – die Reporter” produziert. Da wundert es kaum, dass das, was das ZDF nun zeigt, in der Machart dem ähnelt, was auch der NDR zeigt, bewusster Einsatz von Wackel-Bildern und speziellen Bildfiltern inklusive. In diesem Jahr laufen sechs Ausgaben der “ZDF.reporter unterwegs”, die nächste am 6. Mai. Dann gehen die Reporter in drei bis vier Beiträgen der Frage nach, wie krank unser Gesundheitssystem ist.
Auch Lehmann, der die Sendungen nach wie vor moderiert, ist nicht mehr im Studio zu sehen, sondern steigt auf die Zugspitze oder fährt Bahn, um ebenfalls unterwegs zu sein. Er spricht von “ZDF.reporter – Next Generation” und einer “enormen Motivation für unsere Leute”. Die fühlen sich offenbar gut dabei, präsenter zu sein und verbinden damit auch einen investigativen Anspruch. Dass Lehmann auf die opulente Form der Presenter setzt, freut EMP-Chef Michael Cordero. Seine Firma ist mit dem Format längst über Sendergrenzen hinweg erfolgreich. Cordero sagt, Film und Fernsehen werde mit den Presenter-Stücken “wieder stärker als Miteinander verschiedener Gewerke verstanden – ein Gegentrend zum selbstdrehenden, fragenden Kamera-Tonmann-Reporter-VJ”.
Dieser Trend wird auch im Ersten ankommen, wenn auch zunächst nur punktuell, dafür aber auf einem guten Sendeplatz. Baumann, bekanntermaßen ein Freund der Presenter, hat dafür gesorgt, dass die KiK-Story in einer aufgefrischten Fassung im Juni auf einem der Sendeplätze von “hart aber fair” wiederholt wird. Mit anderen Worten: Wenn Frank Plasberg Urlaub macht, darf Lütgert ran. Durch die Hintertür kommen die Presenter so doch noch auf den Sendeplatz am Mittwoch um 21.45 Uhr.
@daniel_bouhs
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