Die zwei Seelen in Michelsens Brust

EKD-Ratsvize gibt Redaktionsleitung im NDR ab - viel zu spät.

Veröffentlicht in

am 5. März 2010

Fast fünf Monate schlummerte im NDR ein starker Interessenkonflikt, der erst jetzt aus dem Weg geräumt wurde: Uwe Michelsen war nicht nur Chef der Redaktion “Religion und Kirche”, sondern auch Teil des obersten Leitungsgremiums der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem EKD-Rat.

Weil sich diese Doppelrolle nicht mit dem Grundsatz der Unabhängigkeit im Journalismus vertrug, sollen Redakteure des Senders interveniert haben. Doch nichts geschah. Michelsen verordnete sich in dieser Zeit lediglich eine “absolute Totalabstinenz” zu EKD-Themen, wie er sich vom Evangelischen Pressedienst zitieren ließ. Erklären, wie er trotz der massiven Präsenz der eigenen Glaubensgemeinschaft im Sendegebiet den Job als Redaktionsleiter für Religionsthemen ausfüllen konnte, wollte er indes nicht: Eine entsprechende Anfrage ließ Michelsen unbeantwortet.

Nach dem Rücktritt von Margot Käßmann vom Amt der EKD-Ratsvorsitzenden, rückte ihr Vize Nikolaus Schneider auf, während Michelsen wiederum seit vergangenem Sonnabend Stellvertretender Chef der protestantischen Exekutive ist. Damit hat erstmals in der Geschichte der EKD ein Journalist den stellvertretenden Vorsitz im Rat übernommen.

Im NDR ging es daraufhin wieder heiß her, wie auch in der Programmdirektion des Senders. Zusammen mit Michelsen beschloss die NDR-Führung, dass er seinen Posten als Chef der Redaktion “Religion und Kirche” aufgeben werde. Er selbst sagt, er habe sich keine bessere Lösung vorstellen können. Und ein Sprecher des NDR sagt, dass der Kirchenfunktionär nun seinen Posten räumen muss, sei in absolutem Einvernehmen mit dem Betroffenen entschieden worden. Er werde künftig nicht mehr mit Kirchenthemen in Kontakt kommen und stattdessen in der Abteilung “Dokumentation und Reportage” tätig sein.

Früher wäre besser gewesen

Kritiker im Sender sagen, das hätte schon im Oktober geschehen müssen - oder viel besser noch früher. Immerhin leitete er auch die Arbeitsgruppe “Öffentlichkeitsarbeit” der Nordkirche mit. Vor zehn Jahren zitierte ihn bereits das Hamburger Abendblatt als Vorsitzenden des Medienausschusses der damaligen Nordelbischen Kirche. Michelsen forderte damals, die “auf Kommunikation ausgerichtete Kirche” müsse ihre Botschaft mit Hilfe des Internets verbreiten. Er war also schon zu dieser Zeit PR-Mann seiner Glaubensgemeinschaft und NDR-Kirchenberichterstatter in Personalunion.

Ungewöhnlich ist das alles freilich nicht. In den Sendern kollidieren immer wieder die Interessen der Redakteure mit ihren Arbeitsgebieten. So interviewt etwa ein Journalist des Bayerischen Rundfunks Top-Funktionäre des Deutschen Skiverbandes - steht aber zugleich seinem regionalen Skiverband vor. Und fast schon legendär ist der Fall Volker Angres: Der Leiter der ZDF-Umweltredaktion versorgte die Mainzer CDU in der hitzigen Debatte um ein geplantes Kraftwerk mit Argumenten. Schon damals übrigens empörte sich Nikolaus Brender - der nie parteiisch sein wollte und auf Druck einiger CDU-Politiker Ende dieses Monats seinen Posten als ZDF-Chefredakteur räumen muss.

» zum Originalbeitrag auf berliner-zeitung.de