Neue Teams, neuer Ärger

Die neuen Eigentümer bauen die Nachrichtenagentur DAPD um.

Veröffentlicht in

am 5. Februar 2010

Martin Vorderwülbecke ist derzeit viel auf Reisen. Erst schaute er in Frankfurt vorbei, gestern in Berlin. Mit Chefredakteur Peter M. Gehrig führte er Einzelgespräche mit einem guten Dutzend Journalisten der Nachrichtenagentur DAPD, die am Main sitzt und an der Spree ein Hauptstadtbüro unterhält. Thema war die Zukunft. Die der Betroffenen, aber irgendwie auch die der gesamten Branche.

Was heute DAPD heißt war bis Anfang Dezember noch der deutsche Ableger der US-Agentur Associated Press (AP). Seitdem gehört auch dieser Dienst Vorderwülbecke und dessen Geschäftspartner Peter Löw. Anfang 2009 hatten sie bereits die Nachrichtenagentur ddp übernommen. Jetzt formen sie aus beiden eine Allianz, um sich gegen den Marktführer dpa, aber auch gegen den hiesigen Dienst der französischen AFP aufzustellen.

Den Mitarbeitern erklärte Vorderwülbecke dieses Konzept: Sie sollen von der einstigen AP GmbH in zwei neue Gesellschaften wechseln. Eine, die weiter die Auslandsmeldungen des internationalen AP-Dienstes auswerten soll, dessen Inhalte Vorderwülbecke und Löw lizensiert haben. Die andere soll ein Team mit dem Titel “Korrespondenz und Recherche” beherbergen.

Den Plänen nach kommen in der neuen Einheit insbesondere Reporter unter, die bisher bei DAPD Inlandsmeldungen produzieren. Hier überlappen sich beide Angebote. Miteigentümer Peter Löw sagt, sie hätten bei den Inlandsberichten des ehemaligen AP-Dienstes und ddp Überschneidungen von 60 bis 70 Prozent festgestellt.

“Wir wollen die Inlands-Berichterstattung des ddp deutlich verstärken, ebenso wie die Auslandsberichterstattung des DAPD”, sagt Löw. So soll der DAPD schon bald statt im Schnitt bisher täglich etwa 100 Meldungen aus dem Ausland weit mehr als 125 an die Kunden bei Zeitungen, Sendern und Onlineportalen liefern. Das geht gegen dpa, aber auch gegen AFP.

Hinter den Kulissen knirscht es dennoch. Die Eigentümer gehen wenig zimperlich zur Sache. Die DAPD-Mitarbeiter haben 34 Kündigungen gezählt: Fotografen, Bildredakteure und mit einer Ausnahme der gesamte Schweizer Dienst, der zu AP gehörte. Die Eigentümer beteuern, den Fotografen würden neue Verträge vorgelegt. Von “tiefem Misstrauen” ist in einem Protestschreiben dennoch die Rede, den die DAPD-Reporter an Vorderwülbecke schickten.

Denn die neuen Verträge sehen zwar das gleiche Gehalt vor und damit weit mehr als beim einst insolventen ddp, aber weniger Urlaub. Außerdem sind künftig alle Überstunden abgegolten. Im Gegenzug bieten die neuen unbefristeten Verträge einen Kündigungsschutz von drei Jahren, der aber für beide Seiten gilt. Jeder, der unterschreibt, bindet sich also an die neue Allianz. Das Abwandern zur dpa dürfte so zumindest gestoppt sein. Die Unterschrift wird übrigens mit einer Prämie von 10 000 Euro versüßt.

Noch haben Vorderwülbecke und Gehrig nicht mit allen verbliebenen DAPD-Mitarbeitern geredet. Löw spricht von einer “ersten Runde”. Und wer gar nicht unterschreiben will? Der sei “in den neuen Strukturen nicht wirklich drin”. Als Vorderwülbecke gestern Nachmittag vor der ddp-Belegschaft sprach, kündigte er für ddp keine Entlassungen an, sondern Einstellungen. Beim DAPD werde es aber zu Kündigungen kommen. Auf die Frage, ob nicht DAPD-Mitarbeiter statt auf die Straße in die ddp-Redaktion gestellt werden könnten, habe er laut Teilnehmern geantwortet: “Die wollen doch nicht für weniger Geld arbeiten.” Diskutiert wird noch die Frage, ob der DAPD nach Berlin ziehen soll. Löw: “Es spricht viel dafür, dass der DAPD noch in diesem Jahr nach Berlin ziehen soll.”

Klar ist, dass er mit seinem Partner Vorderwülbecke den Markt gehörig aufmischt. Aufgeschreckt sind dpa und AFP auch, weil die ddp-Chefs beiden Konkurrenten zuletzt mehrfach öffentlich vorwarfen, von ihren Staaten subventioniert zu werden und so mitunter den Markt zu verzerren. Die dpa schickte Löw deswegen eine Unterlassungserklärung, die seit einem Monat die Anwälte beider Seiten beschäftigt.

Löw und Vorderwülbecke fühlen sich nun umso mehr herausgefordert. Der Berliner Zeitung liegt ein 20-seitiger Entwurf einer äußerst namhaften Kanzlei vor, der an Brüssel adressiert ist: Der ddp überlegt sehr konkret, bei der EU-Kommission ein Wettbewerbsverfahren anzustoßen.

Nachtrag 05.02.2010 um 11h12: Die geplante gemeinsame Wettbewerbsbeschwerde von ddp und DAPD richtet sich nach dem vorliegenden Entwurf nur gegen AFP. Mehr dazu hier.

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