Eine Minute für 3 164 Euro

Warum Anne Will teurer ist als Sandra Maischberger.

Veröffentlicht in

am 28. Januar 2010

Insgesamt 7 260 483 100 Euro hat die Gebühreneinzugszentrale allein 2008 den Bürgern genommen und an ARD und ZDF verteilt. Sieben Milliarden, die klein portioniert von den Konten der Hörer und Zuschauer abgingen, um schließlich in Gestalt von TV-Sendern, Radiowellen und Internetseiten wieder aufzutauchen. Was bis dahin mit dieser gigantischen Summe passierte, die manch einer gar als Zwangsabgabe bezeichnet, kann, wer will, jetzt detailliert nachschlagen, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Geld so alles angestellt hat. Die Gebührenkommission KEF hat nachgefragt und ihren inzwischen 17. Bericht auf die eigene Webseite gestellt, in dem sie unter anderem die Aufwendungen für Polit-Talkshows und politische Magazine vergleicht. Die 388 Seiten sind einen Blick wert, kommen sie doch unzensiert daher.

Als einer der ersten haben sich die Redakteure der Bild-Zeitung auf das Mammutwerk aus Analysen, Zahlenkolonnen und Diagrammen gestürzt. Das Blatt titelte gestern: “So werden unsere TV-Gebühren verpulvert!” Ja, die Fakten gaben sie korrekt wieder: Eine Sendeminute “Anne Will” schlug 2008 im Schnitt tatsächlich mit 3 164 Euro zu Buche, eine von “Menschen bei Maischberger” hingegen nur mit 1 552 Euro.

Springers Skandaljäger machten es sich damit aber auch ziemlich einfach - wie schon die Gebührenkommission selbst. Diese Zahlen allein sagen nämlich nur äußerst wenig aus. Denn auch wenn es im Bericht zu den Talkshows heißt, die teuersten kosteten “mehr als das Doppelte” der günstigsten, erkennt jeder, der sich die Sendungen auf dem Schirm und nicht nur zwischen Aktendeckeln ansieht: Das hat seinen Grund.

Größere Redaktionen

Die fünf Sendungen gehören zwar demselben Genre an. Sie unterscheiden sich aber erheblich. Während Anne Will, vor allem aber Frank Plasberg (”Hart aber fair”) in sogenannten Einspielfilmen Fälle zur Diskussion stellen, verzichtet Maischberger darauf fast gänzlich. “Hart aber Fair”, die zweitteuerste Talkshow, setzt zudem stark auf die Beteiligung der Zuschauer. Dafür sind eine weitaus größere Redaktion, mehr Technik und ein umfangreicherer Internetauftritt nötig. Und auch für aktuellere Themen, wie sie Will und Plasberg behandeln, bedarf es mehr Mitarbeiter, die Themen durchdenken und Gäste laden.

Hinter den Zahlen und Balkendiagrammen versteckt sich zudem, was ein Sprecher des NDR so erklärt, der sich um den Sonntagstalk im Ersten kümmert: “Anne Will” sei eine komplette Auftragsproduktion, während “Menschen bei Maischberger” in sendereigenen Studios mit eigener Technik produziert werde. “Die internen Produktionskosten sind in dem Ihnen vorliegenden Minutenvergleich nicht berücksichtigt”, schrieb er am Dienstagabend an Bild. Außerdem laufe Maischberger 75 Minuten, Will hingegen nur eine Stunde. “Die Fixkosten schlagen bei längerer Sendezeit naturgemäß geringer zu Buche”, so der Sprecher in einer dieser Zeitung vorliegenden E-Mail weiter. In Bild fehlt diese Einordnung übrigens.

Der Bericht gibt dennoch Interessantes her, auch weil er Angaben der Sender zur künftigen Entwicklung berücksichtigt. Etwa, dass ARD und ZDF noch mehr für ihre Internetauftritte und Digitalkanäle ausgeben wollen: Die 136 Millionen im Jahr 2009 sollen 2012 auf einen Jahres-Etat von 161 Millionen wachsen. Doch auch hier ist die Erklärung einfach: Nach dem ZDF baut die ARD die Möglichkeit aus, Beiträge, Sendungen und Filme nach ihrer Ausstrahlung online abzurufen. Das ZDF wiederum haucht nach ZDF-Neo gerade seinen beiden digitalen Spartensendern ZDF-Theaterkanal und ZDF-Info mehr Leben ein. Aus den bisher bloßen Wiederholungsschleifen des Zweiten werden Programme mit eigenen Sendungen. Und das kostet.

Diese digitale Expansion, bei der die KEF in ihrem Bericht von einem “extrem vielfältigen und immer umfangreicher werdenden Bereich der Programmschwerpunkte und Webspecials” spricht, darf hinterfragt werden. Ebenso, wie viele Talkshows ARD und ZDF überhaupt brauchen. Und auch, ob jede Landesrundfunkanstalt eine eigene Webseite mit eigenen Redaktionen braucht oder ob die neun ARD-Anstalten nicht viel stärker kooperieren müssten. Die Attacke der Bild leistet dazu aber keinen Beitrag. So wundert es auch nicht, dass KEF-Geschäftsführer Horst Wegner gestern dieser Zeitung sagte, seine Kommission fühle sich “schon ziemlich aus dem Zusammenhang gerissen”.

Im 17. Bericht ist zu den Kosten der Politmagazine festgehalten, dass eine Minute von “Fakt” (MDR) nur 3 284 Euro kostet, eine von “Monitor” (WDR) aber 5 009. Wegner sagt dazu: “Der WDR hat mehr Geld, das er in seine Formate stecken kann.” Das sieht man den Sendungen auch an. “Monitor”, aber auch “Panorama” vom NDR machen mit ihren Beiträgen öfter Schlagzeilen als die etwas kostengünstigeren Magazine und erreichen im Durchschnitt auch mehr Zuschauer.

Wegner sagt übrigens auch: “In dem Bericht steckt doch gar nicht so viel Brisanz, wie sie manch einer meint, zu erkennen.” Die KEF sieht bei den von ihr untersuchten Formaten, die von Bericht zu Bericht wechseln und diesmal etwa keine Nachrichtensendungen einschließen, trotzdem einige “Wirtschaftlichkeitspotenziale”, wie es im Fazit heißt, und benennt unter anderem Stellenstreichungen, die insbesondere die ARD vermissen lasse. Wegner sagte dazu: “Wir haben das Gefühl, dass die Sender schon mal angeschupst werden müssen.” Von einem skandalträchtigen Papier, sagt Wegner, könne aber “in jedem Fall” keine Rede sein.

» zum Originaltext auf berliner-zeitung.de

Nach Veröffentlichung habe ich zwei Dinge geändert. Zum einen die Unterzeile. Dort stand “Warum Anne Will teurer ist als Maybrit Illner”, obwohl ich mich gar nicht mit den Kosten der Illner-Produktion befasst habe - eine irreführende Formulierung. Zum anderen habe ich die Formulierung gestrichen “Hätten die Reporter etwa bei der KEF oder den Sendern nachgefragt [...]“. “Bild”-Chefreporter Guido Brandenburg hat mir nämlich versichert, “Bild” habe sehr wohl bei der KEF angefragt. Die habe aber bloß mitgeteilt, alle Gesprächspartner seien auf Termin. Ich hatte versäumt, bei “Bild” anzufragen.