Ein Prost auf Kopenhagen!

Eigentlich liebt das Fernsehen die Katastrophe - doch beim Klimawandel halten sich die Sender stark zurück. Das “Auslandsjournal XXL” im ZDF ist die Ausnahme, die ARD versteckt ihre aufwendige “Klimaschau” beim Digital-Ableger. Die Quotenangst scheint übermächtig zu sein.

Veröffentlicht auf

am 9. Dezember 2009

So also sieht der personifizierte Kampf gegen den Klimawandel aus. ZDF-Reporter Andreas Stamm lehnt sich in San Francisco in sehr legerer Kleidung an den Tresen einer Kneipe. Hier saufen sie für die Umwelt, denn der Wirt verspricht, ein Viertel seines Umsatzes in energiesparende Anschaffungen zu investieren und seinen Laden mit besseren Lampen und Kühlschränken zu bestücken. Stamm sagt grinsend in die Kamera: “Mit jedem Schluck ein bisschen mehr Klimaschutz - es hat noch nie einen besseren Grund zum Trinken gegeben!”

Stamm ist an diesem Mittwochabend im “Auslandsjournal” des ZDF zu sehen. Das “Auslandsjournal” wandelt sich unter seinem neuen Chef Theo Koll, der einst aus London reportierte und das Gesicht der Investigativen von “Frontal21″ war, inzwischen ein paarmal im Jahr in ein “Auslandsjournal XXL”. Das ist eine wirklich gute Sache, denn die sonst bisweilen arg konfus wirkende und mit vielen unterschiedlichen Themen zugepflasterte Sendung widmet sich dann einem einzigen Thema. Eine Schwerpunktsendung entsteht.

Bemerkenswert ist dieser Schritt vor allem, weil Koll selbst sagt, dass dieses Konzept bei den Zuschauern nicht besonders gut ankommt: Die Quoten liegen unter dem Schnitt, den das Magazin sonst holt. Koll sagt aber auch, es gelte, zumindest “gelegentlich diesen Preis zu zahlen”, weil das ZDF so “wichtige Bereiche jenseits einer Bombenaktualität” ausleuchten könne. Am Mittwochabend profitiert von dieser Strategie die Berichterstattung zum Klimagipfel in Kopenhagen, wo noch bis zum 18. Dezember Regierungen und Wissenschaftler eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Abkommen suchen.

Beim Blick aufs TV-Programm fällt aber leider auf: Das “Auslandsjournal XXL” bildet bei den großen Sendern die löbliche Ausnahme. ARD und ZDF fehlen Schwerpunkte zu Kopenhagen - von den Privaten ganz zu schweigen. Geht es darum, zu erklären, was in Kopenhagen auf dem Spiel steht, müssen schon die sogenannten Regelformate herhalten, also etwa “W wie Wissen” im Ersten und die ohnehin oft seichten Talkformate.

Spezials sind die Ausnahme

Im “Auslandsjournal XXL” feiert Reporter Stamm dann nicht nur mit partysüchtigen Ökofetischisten. Er besucht auch fünf weitere Projekte, mit denen engagierte Menschen auf dieser Erde ihr Klima schützen wollen. Darunter sind dann auch ein paar ernst gemeinte, wie der Austausch von allzu stromfressenden Kühlschränken in den Favelas und der “Wonder Bag”. Das ist ein mit Isolierstoffen gefüllter riesiger Stoffsack, in dem ein Topf, einmal zum Kochen gebracht, Suppen ohne weitere Energiezufuhr brodeln lässt.

Das alles kommt in einer sogenannten Presenter-Reportage daher, bei der Stamm ständig im Bild rumläuft, mit den Menschen scherzt und Dinge selbst ausprobiert. Das mag albern wirken und kann einem recht schnell auf die Nerven gehen. Dafür berichten andere Kollegen aber wieder in nüchterner Form über die Machenschaften von Energiekonzernen. Die geben sich gern in aufwendigen Kinospots als grüne Riesen - das ZDF zeigt aber, wie groß die Gegensätze zur Realität sind.

Die Konzerne blockieren etwa immer wieder die Einspeisung von per Windkraftanlagen gewonnener Energie in das allgemeine Stromnetz. Ein Betreiber eines Windradparks an der deutschen Küste beklagt im ZDF, er habe allein im November 40 Prozent seines immerhin emissionsfrei gewonnen Stroms förmlich in der Luft verpuffen lassen müssen. Weil ein örtlicher Energieriese den Strom nicht ins Netz einspeisen wollte - Protektionismus versus Klimaschutz.

Wie gesagt: Leider ist das “Auslandsjournal XXL” eine große Ausnahme. Große Flächen räumen die Sender für Kopenhagen nicht frei, Spezials sind die Ausnahme. Wie schön wäre es etwa, wenn sich ein Politmagazin in Gänze den Problemen annehmen würde statt nur mal hier und mal da auf die Sorgen von Umweltschützern und auch immer mehr Bürgern und Politikern einzugehen?

“Klimaschau” wird auf Digitalsender versteckt

Klar, wer sich in die Dritten, zu 3sat, Phoenix und Arte verirrt, der wird fast schon mit Dokumentationen zum Thema bombardiert. Lobens- und sehenswert ist auch, was die “Tagesschau” macht, nämlich jeden Tag eine eigene “Klimaschau”. 15 Minuten nur zu Kopenhagen. Dafür hat die Hamburger Redaktion gleich ein ganzes Team in die dänische Hauptstadt entsandt, das hinter die Kulissen blickt, mit Zuschauern interagiert und die besten Berichte zusammensucht, die auf den vielen ARD-Sendern laufen. Quasi ein Best-of-Kopenhagen.

Doch wo läuft das? Versteckt im Digitalen, immer um 13 Uhr auf dem digitalen Kanal EinsExtra - den kaum keiner sieht geschweige denn kennt. Abrufbar ist das zwar jederzeit im Netz. Doch dem hintergründigen Format einen Platz im Ersten zu schenken, trauen sie sich bei der ARD offensichtlich nicht. Noch nicht einmal nachts. Das alles ist ziemlich traurig, wäre doch gerade ein so planbares Ereignis eine gute Möglichkeit, Flagge im Informationsprogramm zu zeigen.

Ganze Themenwochen bespielt die ARD jährlich, mal zur alternden Bevölkerung, dem vielerwähnten demografischen Wandel, mal zum Ehrenamt. Doch für den Klimawandel kam das offenbar nicht in Frage.