Alles muss raus

Der TV-Konzern ProSiebenSat.1 will an den Nachrichten sparen und überlegt deshalb, wie es mit N24 weitergehen soll.

Veröffentlicht in

am 3. Dezember 2009

Zum Beispiel Inga Samtlebe und Andreas Leipziger. Wer gestern Nachmittag auf N24 erfahren wollte, was auf der Welt los war, wurde stattdessen von den beiden Kripo-Beamten in “gesellschaftliche Abgründe” geführt. Oder er sah Manfred Bornholdt und Thomas Lange vom Hamburger Eichamt zu, wie sie einen Süßigkeitenverkäufer ertappten, der auf einem Jahrmarkt “beim Wiegen schummelt und dadurch erst richtig Kasse macht”. Die Vereidigung der neuen Familienministerin Köhler und die Entwicklungen bei General Motors war dem Sender dagegen nur einen schnellen Überblick zur vollen Stunde wert. Ein klassischer Nachrichtenkanal ist N24 damit jedenfalls nicht.

Teure Nachrichten

N24 gehört zur ProSieben-Sat.1-Gruppe. Deren Vorstandschef Thomas Ebeling überlegt, ob er den Nachrichtensender überhaupt noch braucht. Nicht, weil der Kanal längst weit mehr seichte Dokumentationen statt harte Informationen zeigt, denn die locken Zuschauer an. N24 hat es immerhin geschafft, seit 2004 durchgehend den einstigen Marktführer n-tv (RTL-Gruppe) in der Zuschauergunst zu überholen. Ebeling aber sind News einfach zu teuer. Er nennt sie ein “wirtschaftliches Problem”.

Sein größtes Problem aber ist: Ganz auf Nachrichten kann Ebeling nicht verzichten. ProSieben, Sat.1 und Kabel eins müssen ihre Zuschauer ein paar Minuten am Tag über das Weltgeschehen informieren. Sonst verlieren sie ihre Lizenz als sogenannte Vollprogramme.

Derzeit heißt es im Konzern, der Sender für sich allein rechne sich nicht. Nur die Dienstleistungen für die drei Hauptprogramme, vor allem die Nachrichtensendungen “ProSieben-Newstime”, die übrigens wirklich ganz ordentlichen “Sat.1 Nachrichten” und die “Kabel Eins News” seien rentabel. Die Gruppe müsste sich also überlegen, wie der Sender N24 mehr verdient. Etwa, indem er mehr Dokus zeigt, die mehr Zuschauer und somit auch Werbekunden locken könnten. Ebeling selbst sagt, er könne sich auch einen Verkauf oder eine “völlig inhaltliche Neuausrichtung” vorstellen, sprich: Einen Kurs weg von Nachrichten.

Eine andere Möglichkeit wäre es, N24 abzuschalten. Die N24 GmbH unterhielte dann nur noch eine Zentralredaktion, natürlich mit weniger Personal. Viele der 250 Mitarbeiter von N24 säßen dann auf der Straße. Ebeling sagt, eine Schließung stehe zumindest “im Moment” nicht zur Debatte.

Mitarbeiter, die am vorigen Dienstag auf der Betriebsversammlung waren, berichten indes auch von einer dritten Überlegung: Die N24 GmbH könnte abgewickelt werden. ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins könnten das Nötigste an Informationen extern einkaufen, etwa bei Agenturen wie Reuters, die seit Jahren fertige Nachrichtenbeiträge anbieten, weltweit Fernsehteams stationiert haben und seit Jahrzehnten Sender von Überraschend ist die Überlegung nicht, bei N24 zu sparen, fährt die Gruppe doch schon seit Jahren ihr Informationsangebot auf allen Kanälen zurück: Erst gingen bei den Spätnachrichten und beim Mittagsmagazin auf Sat.1 die Lichter aus, im November Noch frisch ist die Nachricht, dass dort zum Jahresende “Focus TV” aus dem Programm fliegt.

Schon unter Ebelings Vorgänger Guillaume de Posch prüfte der Konzern mit den Unternehmensberatern von McKinsey wie die schwammigen Vorgaben der Medienpolitik möglichst zugunsten der mit 3,5 Milliarden Euro verschuldeten Sendergruppe ausgelegt werden Die Finanzinvestoren KKR und Permira, den Eigentümern der Sendergruppe, sehen zudem jeden einzelnen Sender als Profitcenter. Die Vorgabe: Jedes soll pro Quartal eine Rendite von 30 Prozent abwerfen, bei der RTL-Gruppe sollen es etwa 15 Prozent sein.

Weil das bei N24 schon lange nicht mehr klappte, wurde dort gespart. Das zeigt sich bei Unzulänglichkeiten im Programm und auch bei Pannen in der Werbebuchung. Als im Januar in New York ein Flugzeug in den Hudson-River stürzte, blendete der Sender in der Liveberichterstattung etwa Werbung vom Ferienflieger Tui ein (”Willkommen an Bord”). Weil die Reporter meist selbst drehen müssen, geht auch in der Bildqualität so manches schief. Vor allem aber fehlt es oft an eigenen Recherchen: N24 hat noch nie etwas Heißes auf dem Medienmarkt präsentiert und stützt sich fast nur auf Agenturmeldungen und zugeschaltete Polizei-Sprecher. Albern wird es, wenn N24 für “Germanys Next Topmodel” und die “Wok-WM” wirbt. Bei Nachrichten macht der Konkurrent n-tv oft die seriösere, wenngleich längst nicht immer die bessere Figur.

Stefan Raab als Beispiel

In der Münchener Konzernzentrale von ProSiebenSat.1 wissen sie, dass sie auf Information nicht verzichten können, wollen sie Vollprogramme bieten. Sie fragen sich aber dieser Tage auch: Müssen das denn unbedingt Nachrichten sein? Als Positiv-Beispiel - auch in Gesprächen mit der Medienaufsicht - gilt die “TV-Total-Bundestagswahl” von Stefan Raab. Die sei bei der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen die erfolgreichste Wahlsendung des Jahres gewesen. Neben Raab hat sie übrigens Peter Limbourg moderiert. Der ist passenderweise eigentlich: Chefredakteur von N24.