Geld für Qualität

eMag oder iPhone-App: Über Bezahlmodelle für Zeitungen im Netz denken viele nach.

Veröffentlicht in

am 23. November 2009

Und das soll die Zukunft der Zeitung sein? Wer das gestern gestartete eMag der Welt am Sonntag lesen wollte, musste sich zunächst durch die üblichen Formulare klicken, seinen Wohnort und seine Kreditkartendetails hinterlegen, die AGB des Springer-Verlags bestätigen und zu allem Überfluss auch noch seine E-Mail-Adresse über einen Link im Postfach verifizieren. Am Frühstückstisch dürfte das kaum gut ankommen, zerstört das Prozedere doch jede Gemütlichkeit.

Doch für die Axel Springer AG ist das eMag ein erster Schritt in die richtige Richtung. 50 Prozent des Umsatzes könnten in zehn Jahren mit digitalen Angeboten erzielt werden, sagte Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner gestern in Hamburg. Ob Online-Angebote künftig bezahlt werden, hänge von deren Gehalt ab. “Am Ende zählt das Charisma des Inhalts”, sagte Döpfner.

Diesem Anspruch wird das erste eMag kaum gerecht. Die digitale Ausgabe für 1,50 Euro ist weder originell noch amüsant, sondern anstrengend und kompliziert. Wackelvideos etwa von der elfjährigen Tochter des Autors Jan Weiler wirken einfallslos. Porträts über unseren Verteidigungsminister als Fließtext auf den Bildschirm zu stellen und sie von den Autoren vorlesen zu lassen, ist schlicht hilflos. Das eMag funktioniert zudem nur, wenn der Rechner online ist. Enttäuscht wird, wer es daheim öffnet und später im Zug durchklicken will.

24 Stunden Zugriff für einen Euro

Hilflos wirkt auch, was der Medienunternehmer Rupert Murdoch ausprobiert. Wer die Artikel seiner Titel im Netz lesen will, muss dafür künftig zahlen. Erstes Blatt wird die britische Times sein, deren Website nur noch wird besuchen dürfen, wer ein Tagesticket löst. Das soll den Ankündigungen nach mit gut einem Euro so viel kosten wie die gedruckte Ausgabe und dem Leser für 24 Stunden Zugang zum Portal gewähren. Andere Murdoch-Blätter wie die Boulevardzeitung Sun oder der Australian dürften folgen.

Das Problem dabei: Jeder Verlag, der seine Inhalte weiter kostenfrei ins Netz stellt, torpediert die Pläne der Konkurrenten, die Bezahlinhalte testen wollen - zumindest solange sich viele Angebote nur unwesentlich voneinander unterscheiden und gängigen Newsbrei wiederkäuen. Hier führt der Ausweg über Exklusivität: Nur wer bietet, womit andere nicht aufwarten, wird seine Leser zur Kasse bitten können.

Dieses Dilemma haben die deutschen Verlage offensichtlich erkannt. Hier plant niemand, für seine Portale ein Abonnement einzuführen. In der DuMont-Gruppe, die auch die Berliner Zeitung verlegt, heißt es etwa, man arbeite noch an der richtigen Strategie. Für die zuständige Chefin von DuMont-Net, Silke Springensguth, ist aber klar: “Wir werden sicher nicht Bezahlschranken vor ganze Internetseiten setzen.” Das funktioniere nicht, weil sich dort Nachrichten aus aller Welt fänden, die es überall im Internet gratis gibt. “Da geben wir uns keiner Illusion hin”, sagt Silke Springensguth. “Alles, was nicht wirklich exklusiv ist, wird auch auf lange Sicht frei bleiben.”

Dass Leser durchaus dazu bereit sind, für Inhalte zu zahlen, zeigen zumindest einige wenige Fälle. Manager und Börsenprofis zahlen etwa für Analysen und Neuigkeiten aus den Branchen. Sowohl das Murdoch-Blatt Wall Street Journal als auch die Financial Times verkaufen Inhalte im Netz. Wo Abrufe quasi aus der Portokasse der Unternehmen bezahlt werden und nicht von den Lesern selbst, brummt das Geschäft: Die FT teilt mit, sie nehme schon mehr als jedes fünfte Pfund online ein und nicht mehr am Kiosk. Verbraucher sind zudem offensichtlich bereit, für praktische Lebenshilfe zu zahlen, vor allem für Testberichte. Die Stiftung Warentest will so in diesem Jahr bereits knapp zwei Millionen Euro erlöst haben.

Viele Verlage setzen nun erst einmal auf das Geschäft mit mobilen Inhalten. Während Lesern nämlich seit dem Beginn des Internetzeitalters antrainiert wurde, dass sie aktuelle Nachrichten bis hin zu ausführlichen Reportagen im Netz für umsonst bekommen, ist die Akzeptanz größer, für mobile Dienste zu zahlen. Handynutzer sind es schlicht gewohnt, dass es etwas kostet, wenn sie auf ihrem Telefon ein paar Tasten drücken.

Eine Hoffnung liegt in Anwendungen (Apps) für das iPhone von Apple, das mehr Computer denn Telefon ist. Der Axel-Springer-Verlag verlangt für die Apps seines Boulevardblattes B.Z. einmalig 79 Cent. Ab Frühjahr wird es das Programm dann nur noch im Abo geben. Bild und Welt sollen folgen.

Auch die Süddeutsche Zeitung startet dieser Tage eigene Apps. Die Basisversion soll kostenfrei sein und sich wie die klassische Seite mit Anzeigen finanzieren, eine andere Variante hingegen fast zwei Euro pro Monat kosten. SZ Gold wird nicht nur frei von Werbung sein, sondern will mit zusätzlichem Komfort locken. Leser können sich bei neuen Texten in den Wunschressorts benachrichtigen lassen. Außerdem werden Texte automatisch gespeichert, damit Nutzer nicht aufgeschmissen sind, wenn sie keinen Empfang haben, etwa im Flugzeug oder aber in der Münchner U-Bahn, die bisher nicht an das Handynetz angeschlossen ist.

Geld für Zusatzleistungen

Auch bei DuMont heiß es, man gehe “fest davon aus, dass Nutzer bereit sind, für Zusatzdienstleistungen zu zahlen”. Digitalchefin Springensguth sieht Möglichkeiten etwa in der serviceorientierten Aufbereitung der Nachrichten oder in der Zusammenstellung lokaler Inhalte, “die unsere Redaktionen aktueller und tiefgehender recherchieren als alle anderen”. Springensguth sagt: “Auch wir werden im nächsten Jahr mit iPhone-Apps auf den Markt kommen, die ebenfalls nur gegen Abo zu haben sein werden.”

Eine andere Hoffnung ist der Tablet-Rechner, den Apple Gerüchten zufolge Mitte nächsten Jahres auf den Markt bringen soll: ein Gerät, das etwa so groß ist wie der Bildschirm eines Laptops und einen durchgehenden Touchscreen besitzt, der wie das iPhone über Fingerbewegungen und eine virtuelle Tastatur bedient wird. Darauf ließen sich interaktive Magazine in der Größe der Printausgaben darstellen. Der US-Verlag Condé Nast entwickelt nach eigenem Bekunden bereits Versionen seiner Titel wie Wired, The New Yorker oder Vogue für dieses Riesen-iPhone - und das, obwohl Apple noch nicht einmal bestätigt hat, überhaupt an einem solchen Gerät zu arbeiten. Das Gerücht elektrisiert die Branche trotzdem, denn mit einem “Mac Tablet” wäre das Problem des bisher komplizierten Bezahlverfahrens wohl elegant zu lösen. Der Leser könnte die journalistischen Inhalte im iTunes-Store von Apple mit nur einem Klick kaufen, so einfach, wie das heute bereits mit Musik klappt.

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