Wer lesen will, muss lösen

Rupert Murdoch macht seine Online-Zeitungen kostenpflichtig: Wer auf die “Times” zugreifen will, muss Tagestickets kaufen. Ein Modell, von dem sich viele Vieles erhoffen.

Veröffentlicht auf

am 20. November 2009

“Die 100 besten Bücher unseres Jahrzehnts”, “Bakterien in Wick-Spray gefunden” und “Nach 25 Jahren sagt Oprah tschüss!” – das waren am Freitag die Schlagzeilen auf der Internetseite der britischen Times. Geht es nach ihrem Besitzer Rupert Murdoch, müssen seine Leser für diese und andere Geschichten schon bald in die Tasche greifen. Der Medienmogul schickt sich nämlich an, zumindest auf seinen Seiten mit einer fest verankerten Gewohnheit im Netz zu brechen: Journalismus soll dort – anders als bisher – künftig nicht mehr kostenfrei zu haben sein.

Schon ab dem Frühjahr sollen Leser Tagestickets wie bei Bus und Bahn lösen. Wer dann einen Euro zahlt, kann das Angebot einen ganzen Tag lang nutzen. Der Times-Journalismus im Netz würde damit so viel kosten wie die gedruckte Zeitung am Kiosk. Andere Blätter des Konzerns sollen folgen, darunter die britische Boulevardzeitung Sun und der Australian.

Murdoch profiliert sich damit als Vorreiter einer Bewegung, die sich gegen die gern so genannte “Kostenlosmentalität” im Internet richtet. Seine Titel dürften jedoch nicht die einzigen bleiben, die für ihre Inhalte im Netz Geld verlangen werden. Auch deutsche Verlage überlegen längst, wie sie ihren Lesern etwas entlocken können.

Einzelne rücken dafür ihre Archivtexte nur noch gegen Gebühr heraus. Die Süddeutsche, die größte deutsche Qualitätszeitung des Landes, versucht das bereits seit 2006. Dafür stellt sie zu aktuellen Themen Dossiers aus bereits erschienenen Texten zusammen, die dann im Paket nur ein paar Euro kosten. Im Verlag heißt es, dass sich dieses Geschäft bisher nicht gelohnt hat. Offiziell bestätigen will das jedoch keiner. Ein Mitarbeiter sagt indes, sie seien “schon froh, wenn wir mit den Einnahmen wenigstens die Kosten für die Entwicklung der Plattformen decken können”.

Dass Leser sehr wohl bereit sind, Recherchen und aufwändige Analysen zu bezahlen, beweisen zumindest Wirtschaftszeitungen. Die abonnieren allerdings meist Unternehmen für ihr Top-Personal und nicht die Leser selbst. Wo Abrufe aus der Portokasse bezahlt werden, brummt das Geschäft: Die Londoner Financial Times nimmt schon heute mehr als jedes fünfte britische Pfund im Netz ein und nicht mehr am Kiosk. Und auch das Wall Street Journal aus dem Hause Murdoch hat viele Leser davon überzeugt, für Onlineartikel zu zahlen.

Manager und Makler, die auf die Informationen weit stärker angewiesen sind als der normale Leser auf Klatsch und Tratsch, haben aber auch keine Wahl: Weite Teile der Auftritte von FT und WSJ und damit die Inhalte der beiden Großen in dem Bereich, gibt es nur gegen Bares.

Andere sehen ihre Chance darin, an der mobilen Nutzung ihrer Inhalte zu verdienen. Der Axel-Springer-Verlag verlangt für neue iPhone-Anwendungen seines Boulevardblattes B.Z. einmalig 79 Cent. Ab Frühjahr wird es die “App” dann nur noch im Abo geben. Bild und Welt wollen folgen. Springer will den Druck auf seine Leser mit einem Trick erhöhen: Wer die “App” der Zeitungen nicht gekauft hat, dem bleibt der Zugang auf die Seiten von Bild & Co. verwehrt, selbst wenn er nur mit seinem normalen iPhone-Browser unterwegs ist.

uch die Süddeutsche Zeitung startet dieser Tage eine eigene iPhone-App. Die Basisversion soll kostenfrei sein und sich wie die klassische Seite mit Anzeigen finanzieren, eine andere Variante hingegen soll fast zwei Euro pro Monat kosten. Die App Süddeutsche Gold wird jedoch nicht nur ohne Werbung sein, sondern will Kunden mit zusätzlichem Komfort locken. Leser können sich bei neuen Texten in den Wunschressorts und bei Eilmeldungen benachrichtigen lassen. Außerdem werden neue Texte automatisch heruntergeladen, damit man nicht aufgeschmissen ist, wenn es mal keinen Mobilfunkempfang gibt, etwa im Flieger oder in der Bahn.

Der Gedanke dahinter ist klar: Während Lesern seit jeher antrainiert wurde, dass sie aktuelle Nachrichten bis hin zu aufwändigen Reportagen an jeder Ecke im Internet für lau bekommen, ist die Akzeptanz, für mobile Dienste zu zahlen, größer – glauben zumindest viele Verlage.

Allerdings gibt es entsprechende Dienste von anderen Anbietern weiter kostenlos. Wer beispielsweise einen RSS-Reader auf seinem Smartphone hat, kann auch diesen bitten, Texte seiner Wunschseiten zu laden, um sie später lesen zu können. Und jeder Verlag, der seine Inhalte weiter kostenfrei ins Netz stellt, würden die Pläne der Konkurrenten torpedieren. Zumindest so lange, wie sich die einzelnen Seiten im Netz nur unwesentlich voneinander unterscheiden und alle dieselben Nachrichten in anderer Verpackung liefern. Der Ausweg ist Exklusivität, so wie das schon im Kampf um Leser bei den gedruckten Ausgaben funktioniert hat: Nur wer bietet, was andere gar nicht haben, wird erfolgreich zur Kasse bitten können.

Daher kann der Gewohnheitswandel im Netz wohl höchstens ein Prozess auf Raten sein. Gut möglich aber, dass er in Deutschland seinen Anfang auf den Handys nimmt.

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