Der Journalist als Protagonist
Politmagazine probieren die Presenter-Reportage aus.
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am 29. Oktober 2009
Es wirkt wie ein Geheimtreffen: Die Reporterin und der Bauer schlendern über den Hof und betrachten faule Äpfel, derweil sich die Kamera hinter Traktoren versteckt oder durch Löcher in der Scheune lugt. Das Bild wackelt dabei so penetrant, wie es ständig die Schärfe sucht. Doch was dilettantisch wirkt, hat Methode: Politfernsehen soll so moderner aussehen und flotter daherkommen als in den vergangenen Jahrzehnten.
Die Journalistin Anja Reschke ist für “Panorama, die Reporter” (NDR) unterwegs, einem Ableger des ARD-Magazins. In ihrem Film “Pestizide statt heiler Welt” arbeitet sie sich durch die Bio-Branche. Erst lässt sie sich von Kunden sagen, dass die lieber in Öko-Äpfel und Bio-Möhren beißen, weil die nicht gespritzt seien. Dann sagen ihr Bauer und Forscher das exakte Gegenteil, nämlich dass auch bei Bio-Gewächsen sehr wohl Pestizide zum Einsatz kommen. Das bietet einen erhellenden Einblick in eine Branche, die meist bloß gepriesen wird.
Reschke tut das in einer Presenter-Reportage. Einem Fernsehstil, bei dem Reporter zu Protagonisten werden, um die Zuschauer durch ihre Recherche zu führen. Dann sind sie häufiger im Bild als jeder Gesprächspartner. Damit das klappt, sind fast immer zwei Kameras dabei, die aus unterschiedlichen Perspektiven drehen. Außerdem kommt ein Regisseur mit, der Anweisungen gibt wie auf einem Filmset. Das neue Informationsfernsehen ist vor allem eines: konstruiert. Es folgt oft einem Drehbuch, das kaum Spontanität zulässt. Recherchen werden in eine Dramaturgie gezwängt und mit Musik hinterlegt.
Das heißt nicht zwangsläufig, dass die Filme an Tiefgang verlieren: Gerade weil dieses Prinzip so aufwändig ist, recherchieren die Redaktionen oft länger und intensiver, als sie das für das klassische Fernsehen tun würden. Immerhin können sie nicht mal eben schnell in ihr Archiv greifen, wenn etwas fehlt.
Stephan Wels, Chef von “Panorama”, sagt, der Zuschauer könne so erleben, “wie der Reporter mit einem Thema ringt und wie er sich in der direkten Konfrontation mit Politikern und Verantwortlichen schlägt”. Oft kann der Zuschauer aber auch sehen, wie wichtig sich die Reporter nehmen, damit dieses Format überhaupt funktioniert.
In einer Sendung zur Finanzkrise platzte Reschke in die Pressekonferenz einer Bank. Während die anderen Reporter dem Vorstand lauschten, lief um Reschke ein Kameramann herum - pure Selbstinszenierung oder Notwendigkeit? “Wir müssen aufpassen und im Zweifel den Fuß vom Gas nehmen”, sagt Wels. Die Frage, ob so ein Film “eine Nabelschau unserer Leute ist”, sei “völlig legitim”. Das selbstbewusste Auftreten der Reporter sorge jedoch oft auch für “eine Erhellung”.
Den Sendern geht es nicht zuletzt um die Zuschauergunst. Während “Panorama, die Reporter” derzeit nur im Dritten zu sehen ist, lief die erste Sendung im Ersten. Damals jagte eine furchtlose Christine Adelhardt Ronald Schill in Rio de Janeiro - hochgradig amüsierend. Das Gegenteil: Der aufbrausende Christoph Lütgert, der Peer Steinbrück nach einem Interview als Reporter im Bild eine “generöse Tour” nachsagte, die er “hasse” - und beim Zuschauer von sich den selben Eindruck hinterließ. Reporter können sich eben auch selbst entlarven.
Das im angelsächsischen Raum seit Jahrzehnten gepflegte Prinzip, Reporter mit großem Aufwand ins Bild zu rücken, ist nicht nur in der ARD angekommen, “ZDF.reporter” adaptierte diese Machart.
Die Mainzer beauftragten dafür die Hamburger Produktionsfirma Elb Motion Pictures, das Format “ZDF.reporter unterwegs” zu entwerfen. Zwei Kameras und ein Regisseur pro Reporter inklusive. Das sieht dem sehr ähnlich, was “Panorama” probiert. Kein Wunder: Elb Motion Pictures produziert auch die NDR-Sendung. [Passage nachträglich entfernt. Siehe Korrektur unten.]
Norbert Lehmann, Chef der “ZDF.reporter”, hält viel von der Presenter-Reportage. Er spricht schon von “ZDF.reporter - Next Generation” und einer “enormen Motivation für unsere Leute”. Die fühlen sich offenbar gut dabei, präsenter zu sein. Der Sendung tat das jedenfalls gut: Die “ZDF.reporter” waren mit ihrer Sonderausgabe inhaltlich so stark wie seit Jahren nicht mehr, fast schon investigativ statt nach Schicksalen und Unfällen gierend, wie das sonst oft der Fall ist. Und auch hier war die Quote okay. Es haben sogar mehr Junge zugesehen als sonst.
Das ZDF hat die erste Sendung dieser Machart jetzt erst einmal in die Marktforschung gegeben: Testpersonen sollen sagen, was sie gut und was weniger toll finden. Lehmann denkt derweil über einen Jahresrückblick als nächste Sendung dieser Art nach. Klappt alles, werden die Reporter im nächsten Jahr noch häufiger die Kamerateams der Republik wegbuchen. Und auch bei “Panorama” haben sie für 2010 schon acht Sendeplätze im Dritten festgezurrt.
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Korrektur vom 13. November: Die TV-Produktionsgesellschaft EMP elb motion pictures GmbH in Hamburg legt Wert auf die Feststellung, sie selbst und die Sendung “ZDF.reporter unterwegs” seien, anders als im Beitrag “Der Journalist als Protagonist” (29. 10. 09) behauptet, kein “Kopierwerk”. Auch sei die Musik, die sie in der Sendung “ZDF.reporter unterwegs” verwendet hat, ausdrücklich keine Erkennungsmusik von “Panorama - die Reporter”. EMP elb motion pictures, die beide Fernsehformate produziert, hat Recht. Ich bedauere den Fehler.
@daniel_bouhs
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