Fiktion und Wirklichkeit

Im Netz stoßen Journalisten auf exklusive Nachrichten, sie fallen aber auch immer wieder auf Fälschungen herein. Auch deshalb, weil manch einer Twitter und Facebook den Rang einer Nachrichtenquelle einräumt.

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am 14. September 2009

Als Deborah Rayner, die Chefredakteurin des globalen Ablegers der amerikanischen Nachrichtengröße CNN, neulich in Berlin über die Beschaffenheit des Journalismus referierte, klappte sie ihren Laptop auf. Mit einem Klick schaltete sie eine Mitarbeiterin zu. “Wir haben nicht viel Zeit: Bei der Kollegin gibt es gerade Breaking News”, sagte Rayner. Es war der Tag, an dem Deutschland weltweit für Schlagzeilen sorgte, weil seine Soldaten einen Luftangriff veranlasst hatten.

Die auf eine Leinwand projizierte Journalistin, einst für CNN vom Mauerfall berichtend, nahm sich trotzdem Zeit. Erst skizzierte sie, wie schwierig es vor zwanzig Jahren war, Bilder aus der zerberstenden sozialistischen Republik auf den Schirm zu bringen. Dann sagte sie: “Heute müssten wir dafür nur in Twitter und Facebook gucken.”

Das Web 2.0, in dem neben Journalisten auch Leser für Inhalte sorgen, ist für Reporter wie ein riesiger Brunnen: Sie können aus dem nicht enden wollenden Material schöpfen. Manche bejubeln das. Altgediente aber verteufeln die neuen Medien oft noch immer. Sie bangen um die Qualität ihrer Arbeit. Rayner kann das verstehen. Journalisten müssten eben mehr können als bisher, um mit dem Amateurmaterial umgehen zu können. Dabei sei mehr Orts-, Sprach- und technisches Wissen denn je gefragt.

Als im Februar in Amsterdam eine Maschine der Turkish Airlines zerschellte, hörte das Istanbuler CNN-Büro davon zuerst. Die Reporter durchforsten wie alle anderen Korrespondeten des Senders soziale Netzwerke systematisch nach Schlagwörtern. In diesem Fall fiel ihnen eine Meldung ins Auge, die jemand über den Kurznachrichtendienst Twitter absetzte - er war Augenzeuge des Unglücks.

Von ihren Kollegen am Bosporus alarmiert, rief die Zentrale in Atlanta den Flughafen an, der die Nachricht bestätigte. Rayner: “Wir waren dann vor allen anderen, auch vor allen Agenturen, mit dieser Meldung auf dem Sender.” CNN übernahm auch Bilder von dem Twitterer. Luftfahrt-Experten prüften zuvor in aller Eile die Glaubwürdigkeit der Fotos.

Bei der ARD-”Tagesschau” arbeiten sie nicht so. Chefredakteur Kai Gniffke sagt, er könne sich “keine Meldung mit Berufung auf Twitter vorstellen”. Bei größeren Ereignissen wie dem Aufstand in Iran und den Terroranschlägen in Bombay hätten sie aber auf einem Monitor “Twitter im Blick” gehabt und “die Erfahrung gemacht, dass manche Informationen vor der Verbreitung durch Agenturen getwittert wurden”.

Anders sieht das bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung aus. Online-Chefin Katharina Borchert berichtet, nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März habe sich ein Nutzer bei ihrer Redaktion gemeldet, nachdem er eine Eilmeldung sah, die Borcherts Leute über Twitter verbreitet hatten. Der Mann wusste mehr: Er sah die Unglücksstelle und schickte Fotos nach Essen. Borchert freut das: “Wir waren schneller als die Agenturen.” Über das Web 2.0 kämen Journalisten an “hochwertige Inhalte”, sagt sie. Nutzer könnten so zudem “mit Journalisten auf Augenhöhe kommunizieren”. Auch als vor Wochen am Niederrhein ein frustrierter Rentner tötete, war es ein Twitter-Nutzer, der in Schwalmtal den Polizeifunk abhörte und die Tragödie vor allen professionellen Medien meldete.

Diese Entwicklung birgt eine Gefahr für Nachrichtenagenturen. Das Web 2.0 bedroht ihr Quasi-Monopol für Eilmeldungen. Wolfgang Büchner, von “Spiegel Online” gerade als Chefredakteur zu dpa gewechselt, sagt: “Wir müssen nicht mehr nur die Inhalte unserer Redakteure editieren, sondern auch das Web.” Das sei mit seinen sozialen Netzwerken eine neue Welt, die aber auch Menschen brauche, die Ordnung schaffen: “uns Journalisten”.

Doch gerade Agenturen sind es, die als Multiplikatoren gehörig aufpassen müssen. Am Donnerstag erst meldete die dpa einen Terroranschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater - die es gar nicht gibt: ein Werbegag für einen Film. Die Agentur hatte dabei unter anderem auf Internetseiten recherchiert, die gefälscht waren, und offensichtlich machte niemand stutzig, dass kein US-Medium über das Ereignis berichtete.

Und “Tagesschau”-Chef Gniffke führt als Beispiel Ergebnisse der Vorwahl-Umfragen bei den Landtagswahlen im Saarland an, die vor den offiziellen Prognosen anonym ins Netz gestellt und sogar von Politikern verbreitet wurden. Diese Daten seien “eine reine Erfindung” gewesen, sagt Gniffke. Sie hätten sich “dennoch tagelang” in den Medien gehalten.

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