Mondlandung in der grünen Hölle

Das ZDF will seine Nachrichten demnächst interaktiv gestalten - die ARD zieht 2011 nach. Moderatoren sollen nicht nur Meldungen verlesen und Beiträge antexten. Sie sollen sich im Studio künftig auch bewegen.

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am 9. Juni 2009

Wer sich am Sonntagabend im Ersten über die Europawahl informierte, konnte bereits im Kleinen sehen, was ihm die Sender schon bald im Großen bieten wollen. Chef-Zahlenjongleur Jörg Schönenborn tastete sich da im Studio durch die Ergebnisse - im wahrsten Sinne des Wortes.

Von Polen über Ungarn bis nach Italien: Schönenborn wartete nicht, bis ihm die Regie neue Wahlergebnisse präsentierte. Er rief sich die Diagramme selbst ab, in einer interaktiven Karte, die er über den Monitor steuerte: mit seinen Berührungen. Das klappte zwar nicht immer, war aber trotzdem ein wichtiger Test. Denn in der ARD überlegen sie, diese Interaktivität zur Regel zu machen.

In Hamburg, wo die Nachrichtensendungen des Ersten Programms produziert werden, plant die Redaktion ARD-aktuell ein neues Studio. Sendestart: erstes Halbjahr 2011. Computer-Animationen erster Entwürfe sehen unter anderem vor, dass Moderatoren nicht nur Meldungen verlesen und Beiträge antexten. Sie sollen sich im Studio künftig auch bewegen.

RTL-Kollege Peter Kloeppel tut das schon. Dieser Tage stand er etwa mit einem Experten vor einer Projektionsfläche und demonstrierte die Wetterlage während des Absturzes der Air-France-Maschine. Auch bei RTL dürfte das bald häufiger passieren: Die Kölner beziehen in diesem Sommer ein neues Sendezentrum samt Studios.

Erste, aber noch nicht verabschiedete Überlegungen sehen für die ARD ähnliches vor: Ein etwas größeres Studio, an dessen Hintergrundwand für das Publikum Animationen projiziert werden, die ein Magazinmoderator erklären könnte. Zu den Überlegungen gehören auch Touchscreens, wie sie Schönenborn gerade getestet hat. Beim ZDF sind sie sogar schon viel weiter. Nach FR-Informationen soll Mitte Juli, also in gut einem Monat, das neue Nachrichtenstudio auf Sendung gehen - genannt: “grüne Hölle”. Die gesamte Kulisse ist in dieser Farbe gehalten, damit sie ein Computer berechnen und ersetzen kann. Lediglich ein wuchtiger Tisch ist echt, der zu einem Markenzeichen werden soll. Die aktuellen Sendungen sollen aber insgesamt dezenter daherkommen als bisher.

Wie bei “Tagesschau” und “Tagesthemen” planen sie auch bei “heute” und “heute journal”, ihre Moderatoren zu Interaktions-Künstlern auszubilden. In Mainz proben Claus Kleber und Co. dafür bereits seit Wochen, wie sie sich in so genannten Erklär-Räumen bewegen können: Computer werden mannshohe 3D-Grafiken einspielen, damit Moderatoren Entwicklungen und Zusammenhänge erklären können, etwa die Probleme der Rente anhand sich verändernder Bevölkerungs-Pyramiden. Nicht zuletzt sollen Moderatoren zu Gästen im Studio hinübergehen, um die Sendung in Bewegung zu halten.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender beteuert, das alles werde “kein virtuelles Staun-Festival”, sondern solle dabei helfen “die Dinge mehr denn je auf den Punkt zu bringen”. Es werde “nur so viel Bewegung geben, wie nötig ist”. Das alles sei aber nicht zuletzt auch ein Engagement, um junge Zuschauer für Nachrichten zu begeistern. “Wir können doch nicht so lange wie General Motors warten und alte Autos produzieren, bis der Laden zusammenbricht”, sagt Brender.

“Tagesschau”-Chef Kai Gniffke sagt, in seinem Studio werde es keine Erklär-Räume geben: “Ein virtuelles Studio ist für unser Massengeschäft absolut untauglich.” Gniffke verweist auf stündliche Sendungen an Nachmittagen und Abenden, die keine Zeit ließen, “mit den Moderatoren Effekte und den Gang um Animationen zu proben”.

Beim ZDF gehen sie indes diesen mutigen, weil in dem Ausmaß einmaligen Weg, von dem Brender sagt, das sei “ein Prozess”. Er schließt nicht aus, vor allem in den ersten Wochen einiges aufzuzeichnen, um die Sendung sicher fahren zu können: “Das ist ja wie eine erste Mondlandung.”

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