“Nachtschicht” auch am Tage
Fernsehen auf Abruf: Wie die TV-Sender ihre Programme im Netz präsentieren.
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am 12. Mai 2009
Claus Kleber wirbt neuerdings. Nicht für Geflügelwurst wie manche seiner Kollegen, sondern für die eigene Sache. Am vergangenen Wochenende verpasste das ZDF seinem Internetauftritt nämlich ein neues Aussehen. Und weil die Zuschauer dort ganz bequem das “heute-journal” nachschauen können, wenn sie sich am Abend zuvor in ein anderes Programm verirrten, mit der Familie spielten oder um die Häuser zogen, wirbt Kleber derzeit in der eigenen Sendung für die Mediathek auf den neuen Internetseiten seines Senders.
Alle Sender haben inzwischen solche Portale. Das ZDF bereits seit Anfang dieses Jahrtausends, bei der ARD feiert das Pendant dieser Tage immerhin Einjähriges. Nur ein Problem haben diese Angebote: Sie versprechen zwar, dort Sendungen jederzeit abrufen zu können. Sie lösen diese Parole aber nicht verlässlich ein.
Die Sender haben im Netz nicht immer freie Hand. Sie dürfen viele Programme, die sie im Fernsehen zeigen, nicht einfach ins Internet stellen. Vor allem, wenn sie die Sendungen nicht selbst produzieren. Denn externe Produzenten wollen für ihre Sendungen mehr Geld, wenn die auch online abrufbar sind. Oder sie wollen ihre Filme anderen Portalen verkaufen, wie das oft mit Hollywood-Streifen passiert. Die können dann auf Portalen wie Maxdome abgerufen werden - gegen Gebühr natürlich.
Einfacher sieht es bei Nachrichten, Talkshows und Magazinsendungen aus. Die bieten die Sender, allen voran ARD und ZDF, fast vollzählig auch im Internet an. Von der “Tagesschau” über das “heute-journal”, “Anne Will” und “Maybrit Illner” bis hin zu “Monitor” und “Wiso”. Wollen Redaktionen darin aber auch noch Archivbilder zeigen, haben sie wieder ein Problem.
Deshalb müssen Filme, die in “Hart aber fair” eingespielt werden und historisches Material enthalten, ebenso geschwärzt werden wie die aktuellen Fußball-Bilder in “heute” und “Tagesschau”: Weil die Liga die Internetrechte anderweitig verkauft werden, wie momentan an T-Home, gehen die Zuschauer von ARD und ZDF im Netz leer aus.
Die Chefin von DasErste.de, Ingrid Günther, sagt, die Programmmacher müssten “einen Zeitfaktor aussitzen”. Soll heißen: Schon bald werden die Sender kaum noch die Internetrechte vergessen, wenn sie Programm einkaufen. Und so stehen seit einigen Monaten auch immer mehr fiktionale Sendungen wie Spielfilme und vor allem Serien im Netz, wie etwa die Telenovelas “Sturm der Liebe” und “Alica”. Die Soap “Verbotene Liebe” soll in diesem Sommer folgen: Die Produktionsverträge laufen über mehrere Jahre. Eine Neuauflage bringt jetzt auch die Online-Rechte.
Manchmal können die Sender gar nichts dafür, wenn sie Sendungen nicht als Abruf-Videos anbieten können. “Wir verhandeln noch immer sehr grundsätzliche Dinge”, sagt etwa der Digital-Stratege des ZDF, Robert Amlung. Konkret fehlen häufig Online-Rechte für die in Filmen und Serien hinterlegte Musik oder eingesetzte historische Filmsequenzen.
Die ARD teilt mit, es zeichne sich eine Lösung für Hintergrundmusiken ab. Anders sehe das aber mit Radio-Hits aus, die beispielsweise in Sport- und Boulevardsendungen häufiger zum Einsatz kommen. Warner Music sperre sich etwa nach wie vor: Das Major will seine Musik aus dem Netz halten. In den Sendern lösen sie das mitunter, indem sie Musik, die sie in TV-Beiträgen verwenden, für das Netz austauschen. Oder ganz auf Warner-Titel verzichten.
Und dann gibt es einige wenige, dafür aber umso prominentere Fälle, bei denen sich die Sender selbst im Weg stehen - wie beim “Tatort”. Den könnte die ARD zwar längst ins Netz stellen, aus Quotengründen verzichtet sie aber darauf. Einige der neun Landesprogramme wollen nämlich bisher nicht, dass das Publikum den Krimi einfach im Netz abspult. Die Befürchtung: Das würde zu einer geringeren Quote in den Dritten führen, für die eine Wiederholung eines “Tatorts” ein Erfolgsgarant ist.
In diese Sturheit mancher Sender kommt jedoch Bewegung. Das ZDF, bei dem sich nicht wie bei der ARD Unterprogramme im Weg stehen, ist in dieser Sache schon viel weiter und stellt Krimis wie “Wilsberg” und die “Nachtschicht” konsequent ins Netz. Üblicherweise für maximal sieben Tage, wie es die Politik den gebührenfinanzierten Sendern aufgetragen hat, damit sie mit ihren Internet-Angeboten nicht in eine allzu starke Konkurrenz zu den Privaten treten.
Die sind ähnlich umtriebig, besonders RTL. Deutschlands größter Privatsender stellt inzwischen 85 Prozent seiner Auftrags-Produktionen und Magazine ins Netz, heißt es in der Kölner Sendezentrale. Dort zählten sie auf ihrem Portal “RTL now” zuletzt monatlich mehr als zwölf Millionen Video-Abrufe. Auf üppige Werbeeinnahmen müssen die Privaten noch ein bisschen warten: RTL gibt an, mit den Videos im Netz und den Gebühren, die beim Abruf zumindest einiger Sendungen fällig werden, erst “mittelfristig” Gewinne erziehen zu können.
Die Netzgemeinde stört sich wiederum an einem neuen Phänomen: dem konsequenten Jugendschutz in den Mediatheken. Denn sowohl das TV-Drama “Marcel Reich-Ranicki - Mein Leben” (ARD) als auch die 37-Grad-Doku “Generation Porno” (ZDF) über deutsche Jugendliche waren für die Zuschauer tagsüber nicht erreichbar. Stattdessen erwartete Surfer dieser Hinweis: “Diese Sendung ist für Zuschauer unter 12 Jahren nicht geeignet und deshalb nur in der Zeit zwischen 20 Uhr bis 6 Uhr abrufbar.” Das Abruf-Fernsehen hat eben auch seine Grenzen.
@daniel_bouhs
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