Fernsehen kann Ordnung in Werte-Karussell bringen

UFA-Tagung zur Verantwortung der Medienschaffenden.

Verbreitet vom

am 30. April 2009

Das Fernsehen kann nach Überzeugung des Medienwissenschaftlers und Philosophen Norbert Bolz helfen, einheitliche Werte in der Gesellschaft zu etablieren. “Wir haben heute keine Werte-Hierarchie mehr, sondern ein Werte-Karussell”, sagte Bolz am Donnerstag in Berlin. Es sei Aufgabe der Massenmedien, “uns dieses Problem vom Hals zu schaffen”. Bei der Veranstaltung der Produktionsgesellschaft UFA diskutierten gut 50 Produzenten über das Thema “Gesellschaftliche Werte: Die Verantwortung der Medienschaffenden”.

Bolz sieht vor allem Unterhaltungssendungen als Chance, die Gesellschaft zusammenzuhalten. “Wer lange genug den ‘Tatort’ sieht, wird ein guter Deutscher - und das ohne jeden Ethik-Unterricht”, sagte der Forscher. Zuschauer würden in der Sonntags-Krimiserie der ARD geradezu vorbildlich konsequent mit positiv lancierten Werten bombardiert. Bolz erinnerte zudem daran, dass die “Lindenstraße” seit jeher als “Schule der Deutschen” bezeichnet werde.

Auch Informationssendungen und die Werbung könnten helfen, in den Köpfen der Menschen einheitliche Wertevorstellungen zu verankern, etwa mit der ständigen Suche nach Schuldigen für Unglücke. “Dieser Sündenmechanismus hält die Menschen zusammen. Im Fernsehen sehen wir so, wie Gerechtigkeit geschieht”, sagte Bolz. Damit entstehe eine “negative Wertegemeinschaft, die sich abends vor der ‘Tagesschau’ einig darüber ist, was richtig oder falsch ist”.

Jens Bujar von der Grundy Light Entertainment sagte: “Unsere Verantwortung endet nicht mit dem Sendetag. Wir müssen auch darüber hinaus denken.” Grundy produziert unter anderem die RTL-Show “Deutschland sucht den Superstar” und hat 2008 für diverse Sendungen insgesamt 85.000 Menschen gecastet. Bujar erklärte, auch die Macher dieser Show überlegten, wen sie in die Sendung holten und wen nicht. Der Produzent stellte den Fall eines unter Ticks leidenden Kandidaten vor, bei dem diskutiert wurde, ob TV-Auftritte und der damit verbundene Stress die Probleme des Kandidaten verstärken könnten. Dabei wurden auch Ärzte eingebunden. Der Betroffene wurde schließlich auf die Bühne gelassen.

Der Bereichsleiter für Fiktionales in den deutschen Programmen der Sendergruppe ProSiebenSat.1, Joachim Kosack, betonte, nicht alle Sendungen könnten alle Erwartungen erfüllen. Kosack, der früher auch für die UFA arbeitete und in dieser Funktion die RTL-Serie “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” produzierte, sagte: “In solchen Formaten können wir Probleme wie den Kindstod nicht erklären. Dafür haben wir da gar nicht den Raum.” Dies sei in 90-minütigen Filmen besser zu leisten.

Der ehemalige ARD-Programmdirektor Günter Struve appellierte an die Programmmacher, neben den Werten auch die Sprache zu stärken. Er kritisierte vor allem Gerichtsshows im Nachmittagsprogramm der privaten Sender, die insbesondere von bildungsschwachen Schichten gesehen würden. Struve sagte: “Einige von Ihnen haben ja vielleicht die Möglichkeit, in ihre nächste Sendung fünf Vokabeln mehr aufzunehmen.”