Stiller Riese
Der Regionalverlag Madsack steigt zu einer nationalen Mediengröße auf
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am 9. Februar 2009
Im Südosten Hannovers hat ein Unternehmen seinen Sitz, das in den vergangenen Jahren fast unbemerkt gewachsen ist. Seit der vergangenen Woche ist klar: Die Verlagsgesellschaft Madsack GmbH & Co. KG hat sich in weiten Teilen der Republik zu einer ordentlichen Meinungsmacht entwickelt. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat die Gruppe für 310 Millionen Euro Beteiligungen an mehreren Regionalzeitungen übernommen, mit denen bisher der Axel-Springer-Verlag operierte. Der will sich künftig vor allem um seine Stammblätter rund um Bild, Welt und das Hamburger Abendblatt sowie um seine Online- und Auslandsgeschäft kümmern.
Doch wer oder was ist eigentlich Madsack? Vor allem ein Unternehmen mit einem stattlichen Jahresumsatz von etwa 500 Millionen Euro. Das Herzstück ist die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), die zuletzt knapp 160 000 Exemplare verkaufte. Zusammen mit Partnerzeitungen erreichte die HAZ gar eine vermarktbare Auflage von mehr als 540 000 Stück. Zum Portfolio zählen auch die stadtinterne Konkurrenz Neue Presse sowie weitere - kleinere - Titel in Niedersachsen und Hessen. Der Springer-Deal sorgt für nennenswerten Zuwachs: Während Madsack bisher mit den Berlinern als gleichberechtigte Partner die Leipziger Volkszeitung führte, haben die Hannoveraner das Blatt jetzt komplett übernommen.
Für die Frage, ob Madsack tatsächlich eine Meinungsmacht erlangt hat, die das Kartellamt dazu bewegen könnte, den Deal noch platzen zu lassen, ist dieser Teil der Transaktion interessant: Madsack hat auch Springers Anteile an den Lübecker Nachrichten (49 Prozent), den Kieler Nachrichten (24,5 Prozent) sowie an der norddeutschen Verlagsholding Hanseatische Verlags-Beteiligung (23 Prozent) übernommen. Weil die Lübecker Nachrichten gleichzeitig die Hälfte an der Rostocker Ostsee-Zeitung halten, ist Madsack auch dort indirekt eingestiegen. Madsack ist also - abgesehen von Hamburg - im ganzen Norden präsent, wenn auch nur als Minderheitsgesellschafter.
In den Redaktionen befürchten sie, Madsack könnte es jetzt dem Essener WAZ-Verlag und Springers Welt-Gruppe gleichtun. Die lassen bereits mehrere Titel von einer Zentralredaktion bestücken, beziehungsweise planen ebendies, haben also redaktionelle Grenzen aufgelöst. So wie sich in den vier nordrhein-westfälischen Titeln rund um die Westdeutsche Allgemeine Zeitung immer mehr Artikel doppeln, erscheinen auch Texte, die in der Springer-Zentrale einlaufen, sowohl in der Welt also auch in der verlagseigenen Berliner Morgenpost. Bisweilen entdeckt man sie sogar im Hamburger Abendblatt.
Ein gemeinsames Madsack-Redaktionssystem soll dem Vernehmen nach bald installiert werden, zunächst in Hannover und Leipzig. Dabei ist von einer “virtuellen Zentralredaktion” die Rede, einem Computersystem, das die Blattmacher der HAZ mit denen der Leipziger vernetzen soll. Damit müssten weniger Journalisten an den Seiten arbeiten, könnten die Leipziger doch auf die Reporterstücke ihrer Kollegen in Hannover zurückgreifen - und umgekehrt.
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) spricht angesichts der Verschiebungen von einem “prinzipiell problematischen” Vorgang für die Meinungsfreiheit. Immerhin genießt Madsack bei den Gewerkschaftsfunktionären einen guten Ruf. Der DJV-Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein, Michael Frömter, sagte, von Madsack könne “erwartet werden, dass die redaktionellen Arbeitsplätze, die journalistische Qualität und die Tarifbindung der Blätter erhalten bleiben”. Das Problem: Das neue Redaktionssystem ist für die Objekte rund um Kiel noch nicht vorgesehen, die Bedrohungslage anderorts deshalb eine ganz andere.
Viele Puzzleteile
Madsack setzt übrigens nicht mehr nur bloß auf Zeitungen. Die Gruppe ist quer durch die Republik an Radiosendern und Internetportalen beteiligt. Der Fernsehableger AZ Media ist außer in Hannover in Köln und Hamburg ebenso präsent wie in der Hauptstadt. In Berlin sitzt AZ Media direkt neben den Büros von RTL. Auf dem Sender bespielt der Madsack-Ableger sonntags sogar ein Fensterprogramm und damit eine feste Sendezeit, in der sie fast machen können, was sie wollen.
Von ihrem derzeit wichtigsten Geschäftspartner, dem Springer-Verlag, unterscheidet die Gruppe aus Hannover vor allem eines: Madsack wurde bisher nicht nachgesagt, seine Meinungsmacht in eigener Sache missbraucht zu haben. Aber vielleicht ist das auch nur niemandem aufgefallen. Der Verlag leistet sich statt Schwergewichten nämlich lieber viele Puzzleteile. Und die lassen erst spät ein großes Ganzes erkennen.
Haus mit Tradition
Die Verlagsgruppe wurde in den 1890er-Jahren von August Madsack gegründet. 1893 erschien die erste Ausgabe des Hannoverschen Anzeigers, dem Vorläufer der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.
Heute verlegt Madsack zwölf regionale Tageszeitungen/Heimatzeitungen, die Springer-Beteiligungen nicht mitgerechnet. Der Umsatz liegt bei rund 500 Millionen Euro pro Jahr. An dem Familienunternehmen ist die SPD-Medienholding DDVG mit rund 23,1 Prozent beteiligt.
@daniel_bouhs
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