Ein Interview mit sich selbst

Deutsche Welle: Konsequenzen wegen mangelhafter China-Berichterstattung.

Veröffentlicht in

am 22. Dezember 2008

Der Deutschen Welle dürfte noch keine Personalie so viel Unbill gebracht haben wie Zhang Danhong. Als stellvertretende Leiterin des chinesischsprachigen Dienstes der Welle äußerte sie sich im Sommer in ZDF und Deutschlandfunk seltsam wohlwollend über die Politik des Pekinger Regimes - und löste damit eine Protestflut aus, die in diversen offenen Briefen mündete. Und jetzt, zur Redakteurin degradiert, leistete sie sich diese Entgleisung: Auf eine Kritikerin reagierte sie mit einem Interview - veröffentlicht auf der Internetseite der Welle und geführt: von ihr selbst.

Der Vorgang ist für die Bonner Sendeanstalt mehr als unglücklich. Denn seit Danhong im Vorfeld der Olympischen Spiele in Talkrunden etwa sagte, die Kommunistische Partei habe “mehr als jede andere politische Kraft auf der Welt zur Verwirklichung des Artikels 3 der Erklärung der Menschenrechte beigetragen” und damit für das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, steht die Deutsche Welle unter Beobachtung.

Wurde aus “Protest” “Krawall”?

Der Deutschlandfunk will gar festgestellt haben, dass auf der chinesischen Internetseite der Welle beim Übersetzen deutscher Ursprungsmeldungen ins Chinesische zugunsten der Pekinger Haltung geschönt wurde. So sollen “tibetische Proteste” in der chinesischen Version als “gewalttätige Krawalle” bezeichnet worden sein, und aus “Demonstranten” wurden offenbar “Separatisten”.

Die Senderspitze, allen voran Intendant Erik Bettermann, wehrt sich gegen eine pauschale Verurteilung. In Bonn beteuern sie, nicht auf Pekings Linie zu sein. Bettermann räumt ob des öffentlichen Drucks aber inzwischen ein, über die Frage der journalistischen Qualität der China-Redaktion könne man “sicherlich” nachdenken.

Letztlich geht es um die Glaubwürdigkeit des deutschen Auslandsrundfunks. Die Welle ist in China nicht im TV zu sehen, sondern nur gut drei Stunden pro Tag über Kurzwelle zu hören, von Nachbarländern aus gefunkt. Das chinesische Internetangebot der Welle wird zudem häufig vom Regime gestört, ist oft gar nicht zu erreichen. Das kann als entlastendes Indiz gewertet werden: Würde die Seite noch immer gestört, wenn sie dem Regime gefiele, wie Kritiker behaupten? Nichts schade international agierenden Sendern wie der Welle mehr als “Doppelmoral, falsche Rücksicht oder fehlende Ausgewogenheit”, schrieb Intendant Bettermann erst kürzlich in der Frankfurter Rundschau.

Ausgewogenheit war auch das Ziel von Matthias von Hein, Leiters des chinesischen Programms. Im Sommer sagte er der FR: “Wir üben deutliche Kritik an dem, was in China politisch passiert, wir erkennen aber auch Leistungen an - die gibt es ja auch.”

Aber gehört dazu, den Spielraum, den die Übersetzung deutscher Meldungen in die vieldeutige und komplexe chinesische Sprache immer bietet, für das Zielland zu nutzen? Und stehen dem Sender Interviews, die Redakteure mit sich selbst führen, gut zu Gesicht? Mitnichten. Das erkannte auch der Intendant: Im neuen Jahr wird Matthias von Hein, der in den Neunzigern selbst in Peking arbeitete und den chinesischen Dienst der Welle seit fünf Jahren führt, in die Zentralredaktion des Senders versetzt.

Ulrich Wickert prüft

Die Welle wird die Frage, wie objektiv ihr chinesischer Dienst ist, jedenfalls so rasch nicht los. Weil sich mehrere Kritiker an den Kulturausschuss des Bundestages wandten, sind die Probleme des Senders nun ein Politikum. Während SPD-Abgeordnete am Freitag nach einer Sitzung zum Thema mitteilten, die Welle habe sich vorbildlich verhalten, heißt es bei Christdemokraten und der FDP, es brauche mehr Zeit und Einblicke, um die Vorgänge abschließend bewerten zu können.

Dafür soll auch die ARD-Größe Ulrich Wickert sorgen, dessen Vater einst Botschafter in Peking war. Zusammen mit DW-Intendant Bettermann wird er einen Blick auf mehrere tausend aus dem Chinesischen rückübersetzte Meldungen der Welle werfen. Eine erste Zwischenbilanz, die dem sendereigenen Kontrollgremium, dem Rundfunkrat, vorgelegt wurde, zeigt aber: Bei der Berichterstattung vom olympischen Fackellauf, den Tibet-Protesten und dem schweren Erdbeben im Frühjahr hat sich der Sender - zumindest nach den eigenen Kontrolleuren - nichts vorzuwerfen. Abgeschlossen ist die Affäre damit aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Die Beobachtung geht erst richtig los.

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