Die Finanzkrise im Fernsehen
ARD und ZDF diskutieren über die Wirtschaftsberichterstattung.
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am 26. Oktober 2008
Mainz (epd). Am 17. Oktober 2008, der DAX stand bei 4.781 Punkten, fand die Finanzkrise im ZDF ein abruptes Ende. Die Programmplaner setzten ein für diesen Abend geplantes “ZDF Spezial” zur Achterbahnfahrt an den Börsen wieder ab. Die Plauderei von Thomas Gottschalk mit Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki “Aus gegebenem Anlass” hatte Vorrang. Doch in den öffentlich-rechtlichen Sendern wird jetzt darüber debattiert, wie man künftig über die Finanz- und Unternehmenswelt berichten will.
Der Redaktionsleiter des ZDF-Verbrauchermagazins “Wiso”, Michael Opoczynski, sagte dem epd: “Ich habe in den vergangenen Wochen eine Unterversorgung an Kollegen festgestellt, die sich mit Zusammenhängen in der Finanzwelt und der Finanzpolitik beschäftigen.” Deshalb werde er “im Haus dafür plädieren, solche Kollegen dauerhaft zu uns zu holen und ihnen Sendeflächen zu geben”.
Opoczynski wünscht sich eine Sendung, die sich mit Hintergründen der Wirtschaft beschäftigt. Dabei will er nicht dafür werben, seine eigene Sendung umzubauen. Würde “Wiso” durch ein Magazin ersetzt, das sich nur mit Wirtschaftspolitik und den Börsen beschäftigt, wäre das ein Flop, meint er. “Deshalb bin ich für beides: ‘Wiso’ am Vorabend für die Verbraucher und nach 22 Uhr ein ordnungspolitisches Magazin.”
So ein Format wäre nicht neu, sondern würde an den Vorläufer von “Wiso” anknüpfen, eine Sendung mit dem Titel “Bilanz”. Darin kamen einst unter anderem Experten an der Wall Street zu Wort. Auch die Entscheidungen in der Bundeshauptstadt Bonn waren häufiger Thema als im Verbrauchermagazin “Wiso”. Sogar der Bundeskanzler schaute vorbei. “Bilanz” wurde 1983 eingestellt - weil es keinen Erfolg mehr hatte.
Opoczynskis Vorschlag gefällt deswegen nicht allen im Sender. Zu der Forderung, mehr Wirtschaftsredakteure einzustellen und ihnen gar eine zusätzliche Sendung zu bieten, sagte der Leiter der Hauptredaktion Wirtschaft und Recht, Ekkehard Gahntz: “Dieser Ruf ist aus der Krise geboren - und deshalb verständlich.” Die Leute würden solche Themen aber nicht gerne einschalten. “Und es ist zu befürchten, dass das mit der Krise gekommene Interesse wieder abflaut”, so Gahntz.
Auch Chefredakteur Nikolaus Brender sieht angesichts der Krise, auf die der Sender mit etwa 300 Beiträgen reagierte, keinen Bedarf für neue Mitarbeiter und Sendungen. Wirtschafts-Experten seien längst Teil von Politik- und Nachrichtlichtenredaktionen. Bestes Beispiel sei Marietta Slomka, eine Volkswirtin, “denn auch im ‘heute journal’ wird über Wirtschaft diskutiert”, sagt Brender.
Auch von einer eigenen wirtschaftspolitischen Sendung hält Brender nichts: “Wirtschaft findet bei uns anders als vor etlichen Jahren nicht mehr nur in eigenen Sendungen statt, sondern zieht sich durch das ganze Programm.” Über Wirtschaft werde “viel stärker in den Nachrichten diskutiert”. Gleiches gelte für Talkshows wie “Maybrit Illner”.
Zwei Lehren zieht der ZDF-Chefredakteur aus der Krise: Zum einen sollten in “Wiso” langfristige Entwicklungen häufiger diskutiert werden als bisher. Zum anderen kündigte Brender für das Zweite mehr Dokumentationen über Unternehmen, die Globalisierung und die Finanzwelt an. “Wir werden künftig noch stärker als bisher Langzeitbeobachtungen der Wirtschaft ins Programm setzen - auch in der Prime-Time.”
Auch die ARD diskutiert nach mehreren Wochen intensiver Berichte über das Gebaren in der Finanzwelt über Lehren für ihr Programm. Die Chefredakteure der Landesrundfunkanstalten werden auf ihrer Sitzung am Montag und Dienstag in Essen unter anderem darüber beraten, ob ein starrer Börsen-Block in den “Tagesthemen” noch zeitgemäß ist.
WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, Initiator dieser Debatte, sagte, er sei “generell der Ansicht, dass wir die Wirtschaft in unseren Programmen nicht nur durch die Börsenbrille sehen dürfen”. Er wünsche sich vielmehr eine “realitätsnahe Berichterstattung, die den Unternehmer und Verbraucher zeigt, nicht nur die Kurse”.
Der Zweite Chefredakteur von ARD-aktuell, Thomas Hinrichs, der für die “Tagesthemen” zuständig ist, bezeichnete hingegen den Börsenblock in dem Nachrichtenmagazin als “Pflichtberichterstattung.” Verbraucher- und Unternehmensberichte fänden im übrigen Teil der Sendung ausreichend Platz.
@daniel_bouhs
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