“Das Internet macht alles kaputt”
Wie sich Radiostationen auf ihre äußerst ungewisse Zukunft einstellen.
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am 20. Oktober 2008
Es gibt Tage, an denen man Erwin Linnenbach besser nicht auf die Zukunft ansprechen sollte. Neulich war wieder so einer. Da gab sich der Chef der Regiocast, die mit Anteilen an zig Radiosendern eines der wichtigsten Hörfunkunternehmen der Republik ist, auf einer Tagung in Berlin äußert depressiv. In der Britischen Botschaft wurde zum 75-jährigen Bestehen des BBC World Service über die Perspektive der Branche diskutiert. Und Linnenbach klagte: “Das Internet schafft keine neuen Werte, sondern macht alles kaputt.”
Tatsächlich blicken die Sender in eine äußerst ungewisse Zukunft. Denn auch wenn die 14- bis 29-Jährigen pro Tag noch mehr als zwei Stunden das Radio anknipsen, droht ihre Abwanderung ins Netz. Dort können sie sich ihr Programm selbst zusammenstellen. Und gehen sie aus dem Haus, stecken sie es einfach in ihre Tasche. Abspielgeräte haben sie ja immer dabei: Längst dröhnt aus Handys auf Knopfdruck Musik.
Weil viele Entwickler ihre Modelle aber auch mit Radioempfängern versehen haben, müssten diese Technikwunder für die Hörfunkbranche eigentlich sogar eine Chance sein. Linnenbach nennt Nokia gar “den größten Radiogerätehersteller der Welt”. Gleichzeitig räumt er aber auch ein: “Wir haben damit bei den jungen Leuten bisher nicht punkten können.”
Im Netz, so die Bedrohung, kommen Trends viel schneller auf, als die Moderatoren in den Funkhäusern ihre Regler hochziehen können. Kein Wunder, dass die Branche, die mal Trendsetter just bei jungen Leuten war, nun schon mal in Kummer verfällt.
Das heißt natürlich nicht, dass Radiomacher wie Linnenbach die Hände in den Schoß legen. Im Gegenteil: Seine Gruppe hat sich vor einem Jahr die Radiorechte an der Fußball-Bundesliga gesichert und im Sommer das Programm “90elf” gestartet. Seitdem strahlen sie im Netz alle Spiele aus. Live und für die Hörer ohne zusätzliche Kosten.
Von solchen Spartensendern verspricht sich die Szene viel. Spannend wird das aber erst, wenn per digitalem Funk statt UKW gesendet wird. Dann werden die Hörer zwar einerseits neue Geräte kaufen müssen. Sie werden aber andererseits mit mehr Programmen berieselt. Das soll gar nicht mehr lange hin sein: Die Branche rechnet schon für 2009 mit der flächendeckenden Ausschreibung der Frequenzen.
Regiocast ist mit Angeboten wie “90elf” nur einer von vielen Anwärtern. Alle Funkhäuser überlegen, wie sie möglichst viele der neuen Plätze belegen können. Auch neue ARD-Programme sind im Gespräch.
Um gerüstet zu sein, haben mehrere große Privatsender wie die Antenne Bayern um den hessischen Kanal FFH die Gruppe Digital 5 gegründet. Sie wollen sich die Kosten für neue Programme teilen. Das Prinzip: Einer zieht einen Spartenkanal zu Musik, Comedy oder Service auf, und die anderen übernehmen ihn einfach. Individuelle Werbemelodien sorgen dafür, dass der Hörer glaubt, es würde um die Ecke produziert.
Dabei geht es für die Sender gar nicht darum, neue Kundschaft anzulocken. FFH-Chef Hans-Dieter Hillmoth sieht die Stationen vielmehr in einem “Verteidigungskampf”, wie er sagt. Im Kern gehe es zunächst “nicht darum, mehr Hörer zu gewinnen, sondern die zu halten, die wir haben”.
Dafür hat FFH schon 16 Spartensender gestartet, die bisher nur ins Netz strahlen. Es sollen noch mehr werden. In Bad Vilbel bei Frankfurt experimentieren sie etwa mit einem hessischen News-Kanal, der Beiträge aus dem Hauptprogramm wiederholt. Nach demselben Muster hat Hillmoth auch dem jungen Ableger Planet Radio neue Kanäle verpasst. Die gebührenfinanzierte Konkurrenz vom HR ist nachgezogen. Auch die öffentlich-rechtlichen Stationen müssen sich eben rüsten.
Die Statistik zeigt: Zwischen 65 und 75 Prozent aller Nutzer der Web-Radios von FFH kommen aus dem Sendegebiet. “Die Hörer orientieren sich also auch im Netz an den regionalen Marken”, sagt Hillmoth. Und auch das macht ihm Mut: Mit Werbung auf den Internetkanälen wird FFH in diesem Jahr einen mittleren sechsstelligen Betrag einfahren.
“Radio wird mehr investieren müssen als bisher”, glaubt Hillmoth. Und weil das nur große Sender könnten, sieht der FFH-Chef auf die Szene eine Bereinigung zukommen. Er ist sich sicher: “Es wird künftig weniger Anbieter geben als bisher, die gleichzeitig aber deutlich mehr Sender produzieren.”
@daniel_bouhs
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