Richtiges Zeichen zur falschen Zeit
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am 16. Oktober 2008
Der dopingverseuchte Radsport ist am Ende: Die öffentlich-rechtlichen Sender werden die nächste Tour de France nicht übertragen. Die Entscheidung der Intendanten war nötig, kommt aber viel zu spät. Unter dem Ausstieg wird vor allem der Breitensport leiden.
Mindestens einen Menschen in den eigenen Reihen hat die ARD an diesem Donnerstag glücklich gemacht. Denn die Entscheidung der Intendanten, in Sachen Radsport endlich einen Schlussstrich zu ziehen, dürfte ihren Reporter Hajo Seppelt in Feierstimmung versetzen: Der Sportjournalist, gerade im Urlaub, fordert schon lange mehr Distanz im eigenen Haus. Vor zwei Jahren sagte der ARD-Mitarbeiter etwa: “Wir müssen ehrlich sein und zugeben, dass wir mit Radsportsendungen auch Sportbetrug live übertragen.” Gehört wurde er nicht – bis jetzt.
Als sich die Intendanten auf ihrer Sitzung in Köln trafen, war die Vielzahl der Indizien jedoch so groß, dass ihnen keine Wahl blieb: Einen Monat zuvor war diese Entscheidung noch vertagt worden. Jetzt beendeten sie nach den positiven A-Proben der Gerolsteiner-Fahrer Stefan Schumacher und Bernhard Kohl die “Tour de Farce”, wie das weltgrößte Radsport-Ereignis im Programm schon mal belächelnd genannt wurde: Der “sportliche Wert der Tour de France” habe sich “aufgrund der gehäuften Dopingfälle (…) erheblich reduziert”, ließ ARD-Chef Fritz Raff mitteilen.
Diese Entscheidung ist richtig. Denn mit allen möglichen Varianten hinterlistiger Leistungssteigerung haben gedopte Fahrer nicht nur ihre Konkurrenten, sondern auch Sponsoren und Fans mit höchster krimineller Energie betrogen – und das jahrelang. Ein solches System, das manchem wie ein Kartell erscheint, sollte nicht auch noch mit Gebührengeldern unterstützt werden.
Man könnte das aber auch anders formulieren und sagen: ARD, ZDF und andere haben sich die Sache in den vergangenen Jahren sehr leicht gemacht. Die Liste der Dopingverdächtigten und -überführten ist nämlich von Etappe zu Etappe immer länger geworden. Zwar haben die Öffentlich-Rechtlichen im Sommer 2007 daraufhin ihre Übertragung abgebrochen. Doch trotz weiterer Indizien - die sogar in den eigenen Sendungen Thema waren - rollte die Tour in diesem Jahr wieder auf ARD und ZDF.
Den Verantwortlichen, allen voran ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und WDR-Sportchef Steffen Simon, müssen dabei zwei Dinge zugute gehalten werden: Zum einen haben sie dem Radsport sehr viel Zeit für eine Selbstheilung eingeräumt. Die Hoffnung war, den Verbänden mit dem Komplett-Ausstieg klar gemacht zu haben, dass sie selbst für schärfere Kontrollen sorgen müssen. Die Sender haben dem Radsport also immer wieder Vertrauen vorgeschossen – und wurden bitter enttäuscht. Die Verbände dürfen sich nicht wundern, dass die Intendanten die Reißleine gezogen haben.
Die Sender haben in den vergangenen drei Jahren zudem fast schon vorbildlich in den eigenen Reihen gekehrt. So sind Sendeflächen für hintergründige und distanzierte Sportbeiträge freigeräumt worden. Der WDR hat dafür sogar das wöchentliche Format mit dem treffenden Titel “Sport Inside” etabliert, die ARD als Ganzes eine Dopingredaktion gegründet und das ZDF wenigstens eine “ständige Taskforce” ins Leben gerufen. Auch in “Sportschau” und “Sportstudio” geht es inzwischen weit kritischer zu als vor dem Radsport-Debakel.
Die verbliebenen Fans wird wohl Eurosport einsammeln
Dieses Bemühen muss goutiert werden. Die Verantwortlichen müssen sich aber trotzdem fragen lassen, warum ein Komplett-Ausstieg so lange hat auf sich warten lassen, vor allem in den vergangenen Wochen. Dabei hatten die Senderchefs zwar keinen Zeitdruck: Die nächste Tour steht erst im Juli 2009 an. Doch die Öffentlichkeit hat auf ein Signal gewartet. Jetzt ist es da - wenn auch viel zu spät.
Schon den vorläufigen Tour-Ausstieg von ARD und ZDF vor einem Jahr hatte im Ausland keiner verstanden. Er fand auch keine Nachahmer: Kein französischer, kein italienischer, kein spanischer Sender brach seine Übertragung ab. “Unsere ausländischen Kollegen verstehen uns nicht. Die sagen: Wann immer ihr Deutschen etwas macht, macht ihr zu viel. Die denken, wir drehen bei dem Thema richtig durch”, sagte WDR-Sportchef Simon im Sommer dazu.
Mit dem medienwirksam angekündigten Comeback von Lance Armstrong – auf einer Pressekonferenz von Ex-US-Präsident Bill Clinton unterstützt – wird sich diese Einstellung wahrscheinlich auch nicht ändern. Der siebenmalige Tour-Sieger verspricht nun mal Quote. In Deutschland wird wahrscheinlich der Privatsender Eurosport, der im vergangenen Jahr nicht mit ARD und ZDF aus der Übertragung ausstieg, künftig die verbliebenen Radsport-Anhänger einsammeln.
Hierzulande bangt jetzt vor allem der Amateurradsport. Das Ansehen ist dahin, der Nachwuchs dürfte ausbleiben. Längst haben die Veranstalter der Straßenrennen gewarnt: Fehlt die TV-Begleitung, fehlen auch Sponsoren. Der Radsport steht in Deutschland vor dem Aus. Daran sind allerdings nicht die Sender schuld, sondern der Sport selbst. Das Vertrauen ist dahin. Auch hier gilt: Es ist Zeit für einen Neuanfang. Der Radsport wird es aber schwer haben, die Sender jemals wieder davon zu überzeugen, dass er es mit der Selbstreinigung ernst meint.
@daniel_bouhs
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