Duzmaschinen und Doping-Taskforce
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am 27. August 2008
Vielleicht war der ungebremste Freudentanz des Matthias Steiner, der nach einem 461-Kilogramm-Stemmen für sich und seine ein Jahr zuvor bei einem Unfall verstorbene Frau Gold im Gewichtheben holte, der emotionale Höhepunkt dieser 29. Olympischen Spiele. Vielleicht war es aber auch der Weltrekord-Spaziergang des Jamaikaners Usain Bolt, der mit grandiosen 9,69 Sekunden den zuvor selbst aufgestellten Spitzenwert knackte, obwohl er bereits weit vor dem Ziel einen Gang runterschaltete, um - sich des Sieges gewiss - schon zu jubeln. Oder aber die phänomenale Leistung des Schwimm-Superstars Michael Phelps, der seit Peking mit insgesamt 14 Goldmedaillen der erfolgreichste Olympionike der Sportgeschichte ist.
Gewiss wird aus journalistischer Sicht zumindest ein Ereignis in Erinnerung bleiben: das beispiellose Wortgefecht des US-Stars Michael Johnson mit Johannes B. Kerner am sechsten Wettkampftag. Nach fünf harmlosen Fragen und einem Einspieler zu der Doping-Überführung zweier Staffelmitglieder Johnsons setzte Kerner in seiner gewohnt distanzierten Art an, fragte Johnson, ob er verstehen könne, dass es “kritische Stimmen gibt, die sagen: ausgerechnet der Schnellste aus der Staffel von damals, der soll nichts genommen haben?” Johnson: “Das ist eine dumme Frage, die ich nicht beantworten möchte.”
“Ich habe nie gedopt”
Das war der Auftakt einer beispiellosen Vorführung Kerners. Johnson zerpflückte im weiteren Verlauf des gut fünfminütigen Dialogs die Fragen seines Gegenübers. “Ich habe nie gedopt - aber warum ist es so, dass immer in deutschen Fernsehprogrammen solche Fragen gestellt werden? Jedes Mal, wenn ich zum deutschen Fernsehen komme, dominiert dieses Thema das Gespräch.
Wir sind in China und könnten über so viel anderes sprechen”, polterte Johnson. Für die Zuschauer im Freilichtstudio dieser “ZDF Olympia Highlights” war das ein Höhepunkt: ihr Applaus war selten stärker - durchaus auch ein Seismograf für die Empfänglichkeit des Publikums für Kritik an Sport-Events.
Wie wohl kein anderer in dem absolvierten gut 300 Stunden umfassenden Olympia-Programm im Ersten und Zweiten steht dieser Dialog für die journalistischen Fallstricke und Herausforderungen der vergangenen Spiele: Einerseits galt es, ein Sportereignis zu begleiten. Die Zielgruppe: zunächst Sportfans. Andererseits wurde von ARD und ZDF erwartet, die Spiele auch in Sachen illegaler und betrügerischer Leistungsmanipulation, also Doping, kritisch unter die Lupe zu nehmen. Vor allem aber war der Gastgeber China nicht nur mal eben ein paar Reisebilder wert, wie das in den Spielen zuvor in Athen (2004), Sydney (2000), Atlanta (1996) und Barcelona (1992) der Fall war. Bei China galt es, ein weitgehend totalitäres System in all seinen Details aufzuarbeiten. Der Deutschlandfunk sprach angesichts dieses Spagats zwischen Sport- und Politjournalismus von einem “Ritt auf der Rasierklinge”.
650 Mitarbeiter
ARD und ZDF haben ihre Sache insgesamt gut gemacht. Dazu trug sicher auch der personelle Aufwand bei, der in den vergangenen Wochen aber unter anderem von Boulevardmedien wie der “Bild am Sonntag” kritisiert und von “Süddeutscher Zeitung” und anderen zumindest hinterfragt wurde, waren doch andere ausländische gebührenfinanzierte Sender mit weniger Personal vor Ort.
Zweifelsohne sorgten die insgesamt gut 650 eingeflogenen Mitarbeiter beider Sender für eine enormen Dichte an Einspielern, Berichten und Analysen - viele Beobachter anderer Programme sagen: eine Dichte journalistischer Produkte, wie sie andere Sender nicht erreichen, die mehr auf den Einheitsbrei des von einer IOC-Tochter gelieferten Weltbilds zurückgreifen.
Und so sahen die Zuschauer im Ersten und im Zweiten schon frühmorgens um kurz nach zwei Uhr zu Beginn der Wettkampftage, die der deutschen Zeit um sechs Stunden voraus waren, kritische Analysen einerseits und stimmungsfördernde Athletenporträts und Archivcollagen andererseits. Und während es an den Kommentatoren durchweg nicht viel zu mäkeln gab, weil sie in der Regel Fachkenntnis boten, ließ nur das leider immer stärker verbreitete fast schon hyperventilierende Jubelgeschrei den Zuschauer auf dem Sofa immer wieder zusammenzucken. Doch bei Stücken und Studio-Gesprächen waren tatsächlich unterschiedliche Profile der Sender erkennbar.
Prominente Studiogäste beim ZDF
Festhalten lässt sich nach 16 Wettkampftagen Folgendes: Das ZDF hinterlässt einen gewichtigeren Eindruck bei der Wahl der Studiogäste. Dabei hilft sicher die Erfahrung mit dem “Sportstudio”, zu dem jeden Samstagabend prominente Sportler und Funktionäre eingeladen werden, eben oft auch internationale. Neben der besagten Sprinterlegende Johnson saßen so unter anderem auch der australische Schwimmheld Ian Thorpe sowie die beiden US-Läufer Carl Lewis und Tommie Smith bei Katrin Müller-Hohenstein und Johannes B. Kerner in den “Olympia-Highlights”.
Ein Duo, das sich in Peking übrigens gut gemacht hat. Viele ihrer Moderatorenkollegen, die diese Marathonschichten von frühmorgens bis in den Nachmittag deutscher Zeit begleiten mussten, blieben angenehm unauffällig, lotsten die Zuschauer ruhig von Wettkampf zu Wettkampf. Als überraschend kritischer Genosse erwies sich hingegen SWR-Sportchef Michael Antwerpes. In der ersten ARD-Sendung aus Peking fragte er den Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, hart nach den Beschränkungen der Athleten in Sachen Meinungsfreiheit. Das war von Antwerpes auch erwartet worden, der sich Anfang des Jahres schon mal vor laufenden Kameras für “die journalistische Fehlleistung” des ARD-Dopingexperten Hans-Joachim Seppelt entschuldigte (epd 5, 7/08) oder als Moderator der Tour de France leicht lächelnd erklärt, es gebe “heute mal nichts Neues von der Doping-Front”.
Reinhold Beckmann plauderte in seinem “Olympia Extra”, das ebenfalls die jeweiligen Olympia-Tage zusammenfasste, im Ersten fast ausschließlich mit deutschen Sportlern. Das mag für die Fans der deutschen Athleten großartig sein. Olympische Spiele sind aber doch vor allem internationale Veranstaltungen. Da stünde es einem Sender wahrlich gut zu Gesicht, wenigstens hin und wieder auch mit Größen aus dem Ausland aufzuwarten.
ARD-Expertin van Almsick
Immerhin: Beckmann, in Peking ebenfalls oft auf kritischer Journalisten-Tour unterwegs, verfällt nicht immer einer solchen Distanzlosigkeit wie Kerner. Der gab sich schon mal als Duzmaschine a la Waldemar Hartmann, wenn er etwa die Olympiasiegerin im Degenfechten, Britta Heidemann, nicht nur beim Vornamen nennt und siezt, wie das inzwischen üblich scheint, sondern ganz direkt und ohne Vorwarnung per “Du” ist.
Als guter Schachzug der ARD erwies sich die Verpflichtung Franziska van Almsicks, stand Schwimmen doch für weite Strecken im Mittelpunkt des deutschen Interesses - zwischen Frust über das arg desaströse Abschneiden der Masse der Mannschaft und dem Gold-Lächeln der Berlinerin Britta Steffen, die mit ihren beiden ersten Plätzen in Peking das einst mit van Almsick fabulöse deutsche Team vor einer Blamage rettete. Steffen lag van Almsick nach ihren Wettkämpfen in den Armen - vor laufender Kamera natürlich (Steffen: “Ich bin Dir so dankbar - das muss jetzt raus!”). Das Zweite hatte keine Figur des deutschen Sports von dieser Größe zu bieten.
Die schon während ihrer Karriere als Testimonial eingesetzte und mit diversen Talkshow-Auftritten medienerprobte van Almsick machte ihre Sache als ARD-Expertin nicht schlecht. Vor allem am Beckenrand, also unmittelbar vor und nach den Rennen, sorgte sie für fundierte Einordnungen und fachliche Erklärungen. Dumm nur, dass sie bei Fragen rund um Doping stets dicht machte. Mehrfach wiegelte sie mit der Formulierung “Dazu sage ich nichts” plump ab.
Technik-Kniffe der Top-Athleten
Diese Haltung passte nicht zum Bemühen der Sender um einen kritischen Sportjournalismus. Sehr wohl aber passt das in die Linie, die ARD/ZDF-Teamchef Walter Johannsen (NDR) im Vorfeld durchscheinen ließ, nämlich zumindest im Ersten lieber äußerst vorsichtig mit Verdächtigungen umgehen zu wollen (epd 58/08).
Ganz anders der ZDF-Schwimmexperte und einstige Weltmeister Christian Keller. Er mag nicht so prominent sein wie sein ARD-Pendant und daher in der Wahrnehmung etwas untergegangen sein. Seine fachliche Einschätzung war jedoch nicht von minderer Qualität. Mit beiden Experten machte es Spaß, in Zeitlupe die Technik-Kniffe der Top-Athleten zu analysieren.
Im Gegensatz zu van Almsick hinterfragte Keller durchaus die Fabelleistungen Michael Phelps. So sagte er am 12. August: “Die Indizien sind schon sehr erhärtend, die exorbitanten Steigerungen auch für mich sehr verwundernswert.” So eine kritische Haltung hätte man sich auch von van Almsick gewünscht.
Insgesamt allerdings ging die ARD an die sportlichen Höchstleistungen meist nicht so unkritisch heran, wie Kritiker zuvor befürchtet hatten. ARD-Dopingexperte Hans-Joachim Seppelt, gelegentlich unterstützt von Florian Bauer, brachte mehrere Stücke unter, teils in den frühen Morgenstunden, aber auch in der “Tagesschau” und in Beckmanns “Olympia Extra” - dort sogar mit Studiogespräch. Es ging nicht nur um die Leistungsexplosion im Schwimmen, sondern auch um Zweifel am System der Pekinger Dopingkontrollen.
Wo war Hajo Seppelt?
Seppelt hatte also Abspielfläche. Nur Investigatives bot er dem Publikum nicht. Seine Berichte bildeten den Status quo vor den Spielen ab. Und so bilanzierte etwa der Berliner “Tagesspiegel”, dass den über Doping nur munkelnden weil unwissenden Kommentatoren keine Recherchen beigestellt wurden. Die Zeitung fragte: “Wo war eigentlich die ganze Zeit Hajo Seppelt, der Mann fürs Grobe? Er hätt’s doch wissen müssen - eigentlich.”
Weil der sich aber nicht öffentlich beschwerte, wie er es schon mal getan hat, als er sich von allzu unterhaltungsfreudigen Redakteuren und Planern unterdrückt fühlte, bleibt offen, worauf seine ungewohnte journalistische Zurückhaltung im Programm zurückzuführen ist. Dabei zeigt ein Blick ins Zweite, dass es auch in diesem Fall anders geht: Dort hat Elmar Theveßen, neben Terrorismus- auch offizieller Dopingexperte des ZDF, mit seiner “Doping-Taskforce” gleich mehrfach neue Erkenntnisse im Programm platziert. Er füllte damit auch die Internetseite des ZDF, die wie die der ARD umfangreiches, aktuelles und vorbildlich hintergründiges Material vorhielt.
Doping-Berichte, mit denen das ZDF von Agenturen und Zeitungen zitiert wurde, fanden sich nur selten zwischen den Übertragungen versteckt. Meist wurden sie zur Primetime als Teil der “Olympia-Highlights” oder gar im “heute journal” gesendet. Dafür ist Theveßen als stellvertretender Chefredakteur ja auch verantwortlich. Das mag dem Doping-Experten helfen, dessen “Taskforce” auch in der Mannstärke in Peking zum Thema präsenter war als die ARD, wie etwa Berichte von Eike Schulz (Sport) und Thomas Reichart (eigentlich “Frontal 21″) zeigten, die ebenfalls zu dieser Sonderredaktion gehören.
Ein Highlight war auch die 30-minütige Abschlussreportage des ARD-Olympia-Teams. Wolfgang Biereichel und Henning Rütten hielten in einem fesselnden, sehr emotionalen und auch mit ein paar kritischen Sätzen angereicherten Rückblick am letzten ARD-Sendetag, also dem vorletzten Wettkampftag, die ganze Bandbreite der Spiele fest: vom Waterloo der einst so stolzen deutschen Ruderflotte, über das Debakel des Radsports und den wahrlich herzzerreißenden Siegesjubel des Gewichthebers Steiner. 30 Minuten, für die es sich gelohnt hat, von den 350 ARD-Mitarbeitern zwei Kollegen abzustellen. Das ZDF wartete am letzten Tag leider nur mit zerstückelten Abschlüssen auf. Das Erste hat gezeigt, dass das auch besser geht.
Peinlicher Harry
Sonderberichterstatter hatten beide Sender natürlich auch für die Unterhaltung. Das Erste wollte mit dem erprobten Duo Harald “Harry” Schmidt und Waldemar “Waldi” Hartmann auftrumpfen. Das Format wurde von den Kritikern jedoch wie erwartet zerrissen. Von einem “leidlich enttäuschenden ARD-Duo” sprach etwa die “Berliner Zeitung”. Die “Süddeutsche Zeitung” ging gar überhaupt nicht auf Hartmann ein, sondern bedauerte lediglich, dass Schmidt weiter auf Sendung war. Der leistete sich tatsächlich mit seinem Ruf “Halt Abstand, du Nazi-Schwein!” aus einem Taxi heraus in den dichten Pekinger Verkehr hinein mal wieder eine grobe Peinlichkeit - wenn auch der ausgebliebenen Empörung nach eher abseits der Wahrnehmung.
Erfrischender das ZDF, das sich mit Spaßformaten auf wenige Minuten pro Sendetag konzentrierte. Der ARD-Sendung “Waldi & Harry” setzte das Zweite seine Kurzformate “Hart, aber unfair” von “Frontal 21″-Satireexperte Werner Doye sowie “Martin und Martin” entgegen. Manchmal waren diese Drei- bis Fünfminüter zwar eher wirr als komisch, doch die Kürze tat diesen Formaten gut.
Die Waldi-Kritiker wird deshalb folgende Nachricht beängstigen: Hartmann hat mit der ARD verlängert und wird - mindestens alleine - auch zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft in zwei Jahren seinen “Waldis Club” präsentieren dürfen. Aber Kritik kann ihm angeblich ohnehin nichts anhaben. Dem “Tagesspiegel” sagte er erst wenige Tage vor Beginn der Spiele, sein Show-Partner Schmidt habe ihm den hilfreichen Satz beigebracht, “Kritik ist so wichtig, wie du sie nimmst.”
Bleibt die Frage, wie kritisch die Sender über China berichtet haben. Immerhin waren Zeitungen und TV-Programme vor den Wettkämpfen monatelang voll mit Berichten über die Verletzung der Menschenrechte und die Unterdrückung von Meinungs- und Pressefreiheit.
Korrespondenten als Experten
Beide Sender haben das einzig Richtige gemacht: Sie griffen auf ihre Korrespondenten zurück, luden sie in die Studios ein - zwischen und nach den sportlichen Aufeinandertreffen. Wie journalistische Wunderwaffen wirkten Jochen Graebert (ARD) und Johannes Hano (ZDF). Gut waren auch ihre Mitarbeiter, die für Entlastung in den aktuellen Sendungen sorgten - “Tagesschau” & Co. mussten ja weiter beliefert werden. Dabei glänzte etwa ZDF-Reporterin Diana Zimmermann, die sich spätestens mit ihrem Einsatz in der Erdbebenregion Sichuan im Frühsommer senderintern profilierte.
Graebert und Hano sprangen also ihren Sportkollegen bei, wenn die nicht mehr weiterwussten oder es darum ging, glaubwürdig über das Riesenreich zu erzählen. Sehr hilfreich waren Graeberts kundige Kommentare zu Land und Leuten vor und nach der Eröffnungsfeier in der ARD. Die beiden Kommentatoren Sandra Maischberger und HR-Sportchef Ralf Scholt griffen bei ihrem Einsatz hingegen weitgehend daneben. Vor allem Maischberger, die Scholts sportliche Hinweise mit politischen anreichern sollte, schien dazu abkommandiert, kritische Sätze über die Gastgebernation einzustreuen, machte das fast dreistündige Ereignis als wenig begabte Chef-Bedenkenträgerin aber nahezu unerträglich. Gekonnt wirkten die Kommentare jedenfalls nicht, die oft zur falschen Zeit kamen und gestelzt wirkten.
Besser - auch hier - das ZDF: Bei der Abschlussfeier saß Hano neben Sportfachmann Bela Rethy. Das wirkte professionell, zumal Hano wie sein Kollege Graebert die manchmal sehr komplexen Probleme und Besonderheiten des chinesischen Regimes für jedermann verständlich und zudem spannend erklären kann.
Ein bisschen sehr pflichtgemäß wirkte Hanos Appell, die Medien dürften die politische Entwicklung Chinas jetzt bloß nicht aus den Augen verlieren. Aber weil das von ARD und ZDF eben auch erwartet wird, werden sich die Sender in den nächsten Monaten und Jahren genau daran messen lassen müssen.
@daniel_bouhs
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