Fürsten ohne Hausmacht

Veröffentlicht in

am 25. Juni 2008

epd Jörg Armbruster, Ruprecht Eser, Uwe Kröger, Thomas Morawski, Klaus Prömpers, Karin Storch, Alexander von Sobeck und Ulrich Tilgner - diese acht Korrespondenten von ARD und ZDF haben allein in diesem Jahr ihren Mund aufgemacht. Sie haben ihre Zentralen öffentlich wegen mangelnder und später Sendezeiten für Hintergrundstücke aus dem Ausland getadelt, eine teils groteske Agenturgläubigkeit ihrer Redakteure bemängelt und eine vom Geschwindigkeitswahn getriebene, nur allzu boulevardeske Ad-hoc-Berichterstattung kritisiert. Und der WDR-Rundfunkrat äußerte sich ebenfalls alles andere als begeistert darüber, dass sich die Auslandsberichte der ARD an Krisen und Katastrophen statt am Alltag der Länder und Regionen, um die es geht, abarbeiten. Diese Kritik kommt so geballt, dass sie von den Verantwortlichen nicht mehr ignoriert werden kann.

Im Kern haben die “Auslandsfürsten”, wie die Nörgler von Mitarbeitern der Heimatredaktionen schon mal genannt werden, ein gemeinsames Ziel: Sie wollen auf “eine schleichende Veränderung der Gewichtung bei der Berichterstattung” aufmerksam machen, wie ZDF-Korrespondent Alexander von Sobeck (Paris) seine Kritik zusammenfasst.

Von der TV-Zeitschrift “Gong” unabhängig voneinander befragt, äußerten Sobeck und seine Kollegen Kröger (New York), Eser (damals London, inzwischen im Ruhestand) und Prömpers (Wien) im Frühjahr in bisher unbekannter Konzentration offen Kritik an ihren Redakteuren auf dem Lerchenberg. Von Sobeck sagte anschließend dem epd (30/08): “Wenn ich dran denke, dass der durchschnittliche ZDF-Zuschauer im Rentenalter ist, bekommt er von dem, was wir ihm an großen außenpolitischen Formaten meist mitten in der Nacht bieten, nichts mit - wenn er nicht an Schlafstörungen leidet.”

Neben späten Zeitfenstern für lange Reportagen zielt die Kritik vor allem auf die Sendezeit des “Auslandsjournals”, das längst nicht mehr um 21.15 Uhr vor dem “heute journal”, sondern im Anschluss um 22.45 Uhr angesetzt ist - und das auch noch um 15 Minuten und damit im Vergleich zur Klassikerform von 45 Minuten um ein Drittel seiner Sendezeit beraubt. Die Kritiker in Mainz fragen deshalb schon mal halb zynisch, halb neidisch: “Haben die in der ARD denn jemals daran gedacht, ihren ,Weltspiegel’ zu verschieben?” Der stehe “felsenfest” sonntags vor der Hauptausgabe der “Tagesschau”.

“Das Publikum belohnt selten”

Dabei geht es von Sobeck etwa um die Frage, ob Analysen aus dem Ausland in die Nacht geschoben werden sollten, um die Hauptsendezeit frei für Schauspiel und Shows zu halten, um im Kampf um die Quote konkurrenzfähig zu bleiben. Für ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und seinen Stellvertreter Elmar Theveßen ist die Antwort offenbar klar: Ja! Während Brender, reagierend auf die Kritik, verklausuliert vom “Schraubstock Unterhaltung” sprach und sagte, Auslandsberichterstattung, die nicht von vielen Zuschauern gesehen werde, verliere “an öffentlich-rechtlichem Wert”, ergänzte Theveßen im Mai bei einer Zugabe des Mainzer Mediendisputs in Berlin: “Das Publikum belohnt mutige Reportagen auf prominenten Sendeplätzen nur selten mit guten Quoten.” Mutig hört sich das jedenfalls nicht an.

Und schon bei diesem Kritikpunkt lohnt ein Blick ins Archiv. Zwar kommt die Kritik so konzentriert wie lange nicht mehr daher. Die Rügen sind aber in allen Facetten alles andere als neu. Vor sechs Jahren etwa, auf den Tutzinger Medientagen im Mai 2002, mäkelte bereits die WDR-Größe Sonia Mikich, Ausland dürfe in der Hauptsendezeit fast nur noch vorkommen, wenn die Themen Unterhaltungswert hätten oder die vier Ks bedienten - Krieg, Katastrophen, Krisen und Krankheiten (vgl. Dokumentation in epd 55/02). Der Rest an Auslandsprogramm würde sich “schamhaft zur späten Nachtzeit, möglichst im Dritten, herumdrücken oder findet Asyl bei ARTE, Phoenix und 3sat”.

Ausland werde eben “nach wie vor als Universum der Probleme wahrgenommen” oder “trivialisiert”. “Zu viele” Auslandssendungen seien zudem nur noch “gehobene Reisetipps”. Mikich scharf: “Wir entziehen der Gesellschaft die Möglichkeit, über sehr wesentliche Entwicklungen urteilen zu können.” Die Sender lieferten unzusammenhängende Events, “die man ganz gut übersehen und ignorieren” könne, weil Ambivalenzen, Grautöne und Widersprüche “in den Schlagzeilen und Sondersendungen weggeballert” würden.
Seit diesen deutlichen Worten hat sich nichts getan. So kritisierte jüngst der WDR-Rundfunkrat, Fernsehdokumentationen zu Auslandsthemen würden zu oft in Randsendezeiten abgedrängt. Das Gremium stimmte sich damit in den Chor der Kritiker ein. Die wiederum werden mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben, dass das Grundsatzpapier des Aufsichtsgremiums unter anderem fordert, internationale Entwicklungen in Regelsendungen wie “Anne Will” aufzunehmen statt sich an der Innenpolitik zu orientieren (epd 36/08).

Beschleunigung des Nachrichtengeschäfts

Thema der aktuellen Debatte ist - mal wieder - auch die zunehmende Beschleunigung des Nachrichtengeschäfts. In der äußerst lesenswerten Studie “Deutsche Auslandskorrespondenten”, die der Universitätsverlag Konstanz (UVK) im Juli veröffentlichen wird, beschreibt Jörg Armbruster eine Szene, wie sie vielfach unter Kollegen kursiert: In der letzten Woche seiner Dienstzeit in Kairo im Jahr 2005 habe ihn ein Redakteur der “Tagesschau” gegen zwei Uhr nachts aus dem Bett geklingelt, von einer Explosion berichtet, bei der westliche Touristen getötet wurden, und um eine Schalte gebeten. “Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte nur wenig”, schreibt Armbruster in seinem Essay, der in der 533-seitigen Studie veröffentlicht wird.

Die “Tagesschau” habe ihm die Informationen einfach durchgegeben und der Reporter die diktierten Wortfetzen dann “kurze Zeit später als Jörg Armbruster live aus Kairo durchs Telefon zurückberichtet”, notiert der heutige Auslands-Chef des SWR und “Weltspiegel”-Moderator heute.

Mit solchen Ad-hoc-Schalten verschaukeln die Sender immer wieder ihre Zuschauer. Korrespondenten haben bei nicht vorhersehbaren Ereignissen oft gar keine Zeit, um sich selbst ein Bild von dem Geschehen zu machen. Aber nur dann hätten sie einen Vorteil gegenüber ihren Redakteuren. Die Heimatredaktionen, wie in diesem Fall ARD-aktuell, haben in Zeiten von Satelliten-Fernsehen und weltweitem Datennetz ohnehin Zugriff auf dieselben ausländischen Programme und Agentur-Meldungen. Anders als früher melden sich deshalb meist die Redakteure bei den Korrespondenten, um ein Thema vorzuschlagen - und nicht umgekehrt.

Wenn der Reporter aber nur im Studio vor einer Kamera sitzt oder auf einem Hoteldach steht und dabei nicht mehr oder sogar noch weniger weiß als sein Redakteur, ist das Korrespondentengespräch eine Farce. Die “Schalte” soll dem Zuschauer suggerieren: Wir haben jemanden vor Ort. Mehr steckt in einer Welt der beschleunigten Information, in der das Fernsehen auch noch stets dem Internet hinterherhechelt, in dem manche Print-Online-Ableger längst nicht mehr nur den TV-Sendern, sondern lieber gleich Nachrichtenagenturen Konkurrenz machen, meist nicht dahinter. Einige Gespräche in “Tagesthemen” und “heute journal” einmal ausgenommen.

Armbruster schreibt weiter: “Mir war klar, was nun beginnt: ein Wettlauf um das beste Bild, die Jagd nach dem ersten Bericht und die Frage, wer schaltet als Erster den Korrespondenten, das Erste oder das ZDF?” Dabei geht es also um einen Wettbewerb, aber nicht um einen inhaltlichen, sondern um die beste Show. “Nachrichten müssen nicht nur produziert werden”, schreibt Armbruster, “Nachrichten müssen auch gut verkauft werden, spannend verpackt, möglichst live von vor Ort gesendet.”

Der ehemalige WDR- und heutige SWR-Redakteur klagt im Rückblick auf seine sechs Jahre in Kairo ebenso offen über die Themensetzung der Zentralen. “Alltagsgeschichten haben es schwer in der Zeit von Krieg und Krisen”, schreibt Armbruster. Dabei könne man “gerade mit ihnen oft mehr vermitteln über die vielen Gesichter und die bunte Verschiedenartigkeit des Nahen Ostens als mit Schlachtengemälden und Krisenszenarios”.

300 Korrespondenten befragt

Die vom Dortmunder Erich-Brost-Institut finanzierte Studie “Deutsche Auslandskorrespondenten” dürfte mit der minutiösen Aufarbeitung der deutschen Berichterstattung aus allen Winkeln der Welt ein Standardwerk werden. Nach Angaben der Herausgeber Oliver Hahn, Julia Lönnendonker und Roland Schröder wurden dafür etwa 300 Korrespondenten von Presse und Hörfunk befragt. Auch ZDF-Reporterin Karin Storch, die derzeit in Israel stationiert ist, bemängelt in ihrem Lagebericht: “Israel als atemberaubendes Reiseland, die vielen Ideen, Initiativen, Erfindungen, die das kleine Volk hervorbringt, interessieren in den Heimatredaktionen nur mäßig.”

Vor allem aber klagt Storch über die Knappheit der Beiträge. In einer Minute und dreißig Sekunden neue Entwicklungen im Palästinenser-Konflikt darzustellen, sei “eine Herausforderung, an der man trotz langer Erfahrung im Verkürzen verzweifelt”. Dass aber sowohl das “heute journal” als auch das “Auslandsjournal” immer wieder auch längere Stücke von ihr senden, verschweigt sie seltsamerweise in ihren Zeilen.
Andere lamentieren nicht mehr, sondern haben ihre Konsequenzen gezogen. Prominentestes, weil auch lautstärkstes Beispiel: Ulrich Tilgner. Der Nah-Ost-Experte ließ im März seinen Korrespondentenvertrag mit dem ZDF auslaufen. Er bleibt dem Zweiten aber zumindest für Magazinberichte und Dokumentationen erhalten (epd 30/08). Tilgner hatte im Gespräch mit epd deutschen Medien pauschal vorgeworfen, zu regierungstreu zu berichten. Auch in diesem Punkt sei die Schweiz “neutraler”, wo er seitdem hauptsächlich zu sehen ist (epd 10, 28/08).

“Was denkt Paris?”

In den Zentralen heißt es ob der Kritik einiger Korrespondenten, der Fokus der Berichterstattung habe sich nun mal zulasten einiger ehemaliger Top-Länder verschoben. So sagte “heute”-Chefin Bettina Warken, ihre Hauptnachrichtensendung habe wie zu Urzeiten noch immer eine Sendezeit von 18 Minuten. Diese Spanne müsse aber mit immer mehr Themen gefüllt werden. So sei - nicht nur im Jahr Olympischer Spiele in Peking - Asien verstärkt im Blickfeld, aber auch osteuropäische Staaten, die vor dem Fall des Eisernen Vorhangs kaum eine Rolle gespielt hätten, weil es sie teilweise noch gar nicht gegeben habe. Und auch die Wirtschaft spiele heute eine große Rolle in klassischen Nachrichtensendungen. Probleme, die sie bei ARD-aktuell mit ihren 15 Minuten teilen dürften.

Die Frage “Was denkt eigentlich Paris?” werde heute eben nicht mehr so selbstverständlich gestellt wie noch vor 15 Jahren. “Das tut mir für die Kollegen unendlich leid”, sagt Warken, die wie ihr Chefredakteur von einem “Bedeutungsverlust” einiger Korrespondentenschauplätze redet. Beide geben an, es sei zudem kein Wunder, dass sich etwa Korrespondenten aus China und Brüssel nicht beschwerten. Fakt ist aber auch: Kaum ein ZDF-Studio steuert pro Jahr so viele Sendeminuten bei wie die Büros in London und Paris. Dort, sagt von Sobeck, leide man ja auch gar nicht an Unterbeschäftigung. Es bleibe nur manchmal “das Politische auf der Strecke”, wenn den Redakteuren die Präsidenten-Show wichtiger sei.

Brender wiederum sagte Anfang April im eigenen Haus: “Wir haben nicht mehr 1970 und können deshalb auch kein Fernsehen mehr wie 1970 machen” (epd 28/08). Er forderte, das Programm müsse sich vielmehr “der Lebenswirklichkeit junger Menschen” annähern. Dies bezog er auch auf die Machart von Dokumentationen - und setzte noch drauf, die Zeit der “diplomatischen Korrespondenten” sei “abgelaufen”. Da wird klar: In den Sendern haben sie sich mitunter festgefahren und richtig in der Wolle.

Die nörgelnden Korrespondenten arbeiten sich auch an der sogenannten Agenturgläubigkeit ihrer Redakteure ab. So bilanziert die aktuelle Korrespondenten-Studie: “Mit dem schwindenden Kenntnisstand der Heimatredakteure gehe nach Meinung von Korrespondenten eine zunehmende Hörigkeit gegenüber Agenturen einher.” Manche Themen hätten deshalb “nur dann eine Chance, wenn sie zuvor von einer Agentur gemeldet worden seien”. Bisweilen böten Reporter deshalb Themen “nach Absprache mit Agenturkorrespondenten mit diesen parallel an”.

Eine Auslandsredakteurin des Bayerischen Rundfunks bestätigte dem epd: “Unsere Leute füttern die Agenturkollegen manchmal richtig an.” Und ARD-Sonderkorrespondent Thomas Morawski sagte im April in Mainz, seine Redakteure würden seinen Angeboten und Beiträgen “immer wieder anderslautende Meldungen entgegenhalten”. Dies nehme “teilweise erschreckende Ausmaße” an.

Zum Schönreden kein Anlass

Morawski prangert wie Mikich bereits seit Jahren öffentlich Missstände in der Auslandsberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender an. Zuletzt sorgte sein Vortrag in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing im Herbst 2007 für Aufregung in den Sendern. Seine Kritik, schrieb Morawski damals, sei “angebracht und überfällig”. Zum Schönreden gebe es “keinen Anlass”. Dabei hielt sich der Sonderkorrespondent sogar noch zurück, tat also nicht alles kund, “weil das meinem Arbeitsvertrag widersprechen würde”, wie er schrieb. Mit anderen Worten: Er hätte gerne noch stärker draufgehauen - darf aber nicht.

In seinem offenherzigen Vortrag (vgl. Dokumentation in epd 79/07) bezeichnet Morawski das Fernsehen “als Flaschenhals, wenn es um das Ausland geht”. Dabei sei es “erstaunlich, wie wenig diese außerordentlich wichtige Aufgabe öffentlich diskutiert wird, wie wenig sie in den Sendern selber eine Rolle spielt, wie wenig offenkundiges und anhaltendes Versagen in dieser Hinsicht thematisiert wird”. Außenpolitische Berichterstattung, hieß es weiter, bleibe weitgehend auf die Nachrichten beschränkt und sei “ein Kessel Buntes statt Hintergrundinfos”. Ausland im Rundfunk, dabei werde “die Szene für einen Augenblick grell erleuchtet, gleich darauf ist für den Zuschauer aber alles wieder zappenduster”.

Die Medien seien selbst schuld dran, dass sich der Zuschauer kaum mehr für Auslandsberichte interessiere. Krisen, Krieg und Katastrophen bedienten Voyeurismus, “die Sucht nach dem Negativen”, mit der man immer Quote mache. “Alle wollen Krisen sehen und tun es auch, aber dann wird es dem Publikum irgendwann zu negativ”, beschrieb Morawski die Abstumpfung der Zielgruppe. Der Balkan sei deshalb längst genauso “out” wie der Nahe Osten.

Morawski beschrieb auch den “Trend weg von den eigenrecherchierten Storys, weg von den Exklusivgeschichten, hin zum Mainstream - dem, was alle machen. Was allein schon deshalb richtig sein muss.” Damit stützt er die These der Agenturgläubigkeit. Die besagte Studie bestätigt diesen Eindruck zudem nicht nur für Krisenregionen, sondern insbesondere auch für Berichte aus Nordamerika. Dazu heißt es zusammenfassend zum Umgang deutscher Medien mit Entwicklungen in den USA, gestützt auf zahlreiche Gespräche mit deutschen Korrespondenten: “Exklusivthemen würden eher misstrauisch beäugt und im Zweifel nicht veröffentlicht.” Die vorherige Publikation in einem anderen Medium sei somit “kein Grund, ein Thema nicht mehr zu publizieren, sondern - im Gegenteil - ein Grund, es überhaupt zu veröffentlichen”.

Dieser Befund muss irritieren, bedeutet er doch im Kern, dass die Zentralen ihre Korrespondenten nicht für voll nehmen. Da wächst die Solidarität mit den Kritikern. Morawski ging sogar noch einen Schritt weiter und bemängelte nicht nur, bei den Filtern der Redakteure würden sowohl die zu positiven wie auch die zu negativen Geschichten aus den Auslandssendungen fallen. Vielmehr seien “überhaupt jene Themen, die den Klischees zu sehr widersprechen” betroffen.

Initiative zur Koordinierung

Nicht wegzudiskutieren scheint auch die These der Überforderung der Journalisten im Ausland. Schon im Juni 2002 räumte der damalige Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, Bernhard Wabnitz, nach einer Tagung von Hörfunkkorrespondenten ein, angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit und immer mehr Sendeflächen drohe ein “Abschleifen” der Mitarbeiter im Ausland (epd 41/02). Damals freuten sie sich im In- und Ausland zwar darüber, dass immer mehr Landesrundfunkanstalten Inforadios einführten. Andererseits verschärfte sich damit aber das Problem, dass bislang nur für ARD-aktuell (”Tagesschau” und “Tagesthemen”) die Anfragen an Korrespondenten koordiniert werden.

Inzwischen kann jede Fernseh- und Hörfunkwelle einen ARD-Reporter im Ausland um ein individuelles Stück bitten. Pool-Lösungen sind selten, würden aber zur Entlastung beitragen. Lutz Mükke, der derzeit zum Thema Afrika-Berichterstattung an der Universität Leipzig promoviert, bemängelt nach Gesprächen mit Korrespondenten des auch medial vernachlässigen Kontinents: Wenn jeder ARD-Sender um eigene Stücke bitten könne, sei die Folge, dass ein Reporter stets Beiträge anderer Sender übernehme, statt selbst zu recherchieren. Ein ARD-Hörfunkkorrespondent, der heute nicht mehr in der Region aktiv ist, habe ihm etwa berichtet, er habe seine Features nicht selten aus BBC-Material gebastelt.

Zumindest hier scheinen die Ersten aber die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Aus dem NDR dringt, dass der überraschend eifrige neue Intendant Lutz Marmor daran arbeitet, die Bestellungen der Hörfunkwellen zu koordinieren. Warum das nicht ARD-weit längst in Angriff genommen wurde, wo die betroffenen Reporter doch bereits seit Jahren stöhnen, bleibt unverständlich. Erinnert sei da nur an die Mahnung der WDR-Hörfunk-Chefredakteurin Helga Kirchner. Sie warnte im Sommer 2000, es drohe “eine inhaltliche Verflachung” und “ein Verlust an Seriosität”, wenn die Korrespondenten mangels Zeit für die eigenen Recherchen “zunehmend nur noch auf Sekundärquellen” zurückgreifen könnten.

“Als Hauptmeldung läuft das Dosenpfand”

Bezeichnenderweise streiten sich nicht nur “Auslandsfürsten” und ihre Redakteure, sondern auch altgediente Reporter-Legenden. Peter Scholl-Latour etwa schob die Schuld vor vier Jahren in einem Interview mit dem “Focus” den Konsumenten zu. Demnach bekomme der Zuschauer weniger Information, weil sich bei ihm die Wertigkeiten verschoben hätten. “Das liegt auch an seinen Interessen”, sagte er. “Schauen Sie sich die deutschen Nachrichten an: Als Hauptmeldung läuft das Dosenpfand!”

Gerd Ruge stimmte vor nicht einmal zwei Jahren in das ARD/ZDF-Bashing ein. In einem Gespräch mit dem “Tagesspiegel” bemängelte er: “Man ist überall erreichbar, aber die Zeit, um sich zu informieren, wird immer geringer.” Zuletzt habe er das in den USA erlebt, als eine amerikanische Reporterin eine Mordserie begleitete und dafür ständig geschaltet wurde. “Die hatte einen Knopf im Ohr und bekam von ihrem Sender alle Nachrichten der Agenturen geliefert.” Ruge weiter: “Die gab sie dann weiter, als ob sie die selbst in Erfahrung gebracht hätte.”

Das erinnert stark an die zitierte Erfahrung von Jörg Armbruster mit der “Tagesschau”-Schalte aus Kairo. Da bleibt zu konstatieren: Die amerikanischen Verhältnisse haben zumindest punktuell längst auch uns erreicht - schleichend, aber sicher.

Natürlich streitet keiner ab, dass sowohl ARD-aktuell als auch die Nachrichtenredaktion des ZDF in weiten Teilen trotz des zunehmenden (Konkurrenz)Drucks ordentliche, profunde Sendungen auf die Beine stellen. Doch als Betrachter beschleicht einen eben immer wieder das Gefühl, dass angesichts des immer schnelleren Takts der Nachrichtensendungen journalistische Tugenden gegenüber dem Wettbewerb zurückstecken müssen.

Wie gut würde es in diesen medienpolitisch aufgeregten Zeiten ARD wie ZDF zu Gesicht stehen, sich zu besinnen und dort punktuell gegenzusteuern, wo Standards aufweichen. Vor allem die ARD wäre gut beraten, ihre Korrespondenten nicht mehr mit Anfragen aus allen Sendern zu bombardieren, sondern für die Auslandsplanung eine Koordinierung zu etablieren.

Eine solche Einrichtung, die in letzter Konsequenz natürlich nur senderübergreifend sinnvoll wäre, würde nicht nur die Büros im Ausland deutlich entlasten und neuen Raum für Recherche und Themenfindung schaffen - so, wie es der NDR angeblich vorhat. Vielmehr wäre das eine Chance, auch die Auslandsredaktionen in den Zentralen ernster zu nehmen, dort mehr Experten für einzelne Regionen vorzuhalten, die unsinnige Anfragen filtern, gute Ideen bündeln und als Mittler zwischen den vielen Programmen und den vergleichsweise wenigen Korrespondenten fungieren.

Und vor allem: Wenn inzwischen eine Masse von Korrespondenten teils öffentlich die Arbeit ihrer Zentralen in Zweifel zieht, sollte das freilich nicht einfach ignoriert oder wegdiskutiert werden. Das ZDF geht hier den einzig richtigen Weg: Als Reaktion auf die Kritik seiner Auslandsreporter hat die Zentrale ihre Kritiker zum Gespräch geladen - mit allen Mitarbeitern der Aktualität. Eine erste Runde vom Frühjahr soll eine Fortsetzung finden.

Regelmäßiger Austausch würde sicher helfen, Verständnis zu schaffen. Vielleicht wären gar interne Hospitanzen angebracht, bei denen Planungsredakteure für einige Wochen in den Außenbüros die Anfragen aus den Zentralen bearbeiten - und Korrespondenten einmal eine Sendung strukturieren und über die vielen Angebote ihrer Kollegen befinden müssen. Vom wünschenswerten Mut, Themen auch abseits der Agenturen zu suchen und auf das Gespür der eigenen Mitarbeiter zu vertrauen, mal völlig abgesehen.

Oliver Hahn, Julia Lönnendonker und Roland Schröder: “Deutsche Auslandskorrespondenten - Ein Handbuch”, UVK: Konstanz 2008, 533 Seiten, 49 Euro (erscheint im Juli).