Was wir uns von ARD und ZDF wünschen

Ein kleines ABC für Medienpolitiker und Senderchefs, damit die bei ihren Konferenzen nicht die Zuschauer vergessen.

Veröffentlicht in

am 4. Mai 2008

Am Mittwoch trifft sich die Rundfunkkommission der Länder, um zu beraten, was wir künftig von ARD und ZDF erwarten dürfen. Im neuen Rundfunkstaatsvertrag für 2009 soll erstmals genauer definiert werden, was denn der “Auftrag” der Sender ist. Natürlich wollen die Intendanten da ein Wörtchen mitreden. Nur wer wird wieder nicht gefragt? Genau: die, die das alles bezahlen. Das ist, wie wir finden, ein bisschen schade. Und deshalb wollen wir den Entscheidern eine kleine Unterstützung mitgeben: ein Mehrwert-ABC für ARD und ZDF aus Sicht der Zuschauer. Vielleicht hilft es, ab und an einen Blick drauf zu werfen.

Auslandsberichterstattung. Wenn im deutschen Fernsehen direkt aus Nairobi, Rio de Janeiro oder Beijing berichtet wird, dann sicher nicht bei N24. ARD und ZDF können es sich erlauben, auch dort Korrespondenten zu beschäftigen, wo private Sender auf der Landkarte nur hinfinden, wenn es dort mal wieder gekracht hat. Und mal im Ernst: Würden wir uns bei Auslandsberichten wirklich allein darauf verlassen wollen, dass RTL seinen Nachrichtenchef Peter Kloeppel in den Flieger setzt, um vom Ort des Geschehens Wahlen oder Terroranschläge zu kommentieren? Besser nicht. Unser Tipp: Mehr Platz für Korrespondenten - nicht nur in Zwei-Minuten-Beiträgen für die Nachrichten.

Boulevard. Wenn irgendwo ein Dekolleté platzt, Zoff im Königshaus tobt oder ein Hartz-IV-Empfänger Todessehnsucht äußert, sind längst nicht nur RTL und Sat.1 am Ort. ARD und ZDF liefern sich mit “Brisant”, “Hallo Deutschland” und “Leute heute” täglich zur gleichen Zeit einen Boulevard-Wettlauf, der oft noch schlimmer anzusehen ist, als man es von den Privaten kennt: Gewaltverbrechen, Unfälle und Schicksalsschläge am laufenden Band. Unser Tipp: Liebe “Hallo Deutschland”-Redaktion, geht doch mal ins Archiv und besorgt euch dort die Bänder aus der Zeit, in der eure Sendung noch ein klassisches Ländermagazin war.

Castingshows. Funktionieren eh nur mit Moderatoren, die nicht frei in die Kamera sprechen können. Unser Tipp: Überlassen wir das lieber RTL.

Dritte Programme. Wiederholungsplattform für ältere Spielfilme, bei denen Kabel 1 und RTL 2 vorübergehend vergessen haben, sich die Ausstrahlungsrechte zu besorgen. Zeigen auch Musiksendungen wie “Das große Wunschkonzert der Küste”, Comedy wie “Lachen macht Spaß” und Soaps wie “Dahoam is dahoam”. Machen sogar dem Ersten Konkurrenz - wie der BR, der keine Lust hat, die “Tagesschau” zu übernehmen, und stattdessen seine eigenen Weltnachrichten “Rundschau” produziert. Von den vielen Talkshows, in denen Prominente ihre Filme / Bücher / neuen Talkshows vorstellen, reden wir besser nicht. Unser Tipp: Die Dritten sollten sich ganz auf das konzentrieren, was sie wirklich können: regionale Informationen senden.

Eisbärenbabys. Niedlich, aber kein Grund, das laufende Programm für Live-Übertragungen zu unterbrechen, wenn die Zotteltiere im Zoo erstmals Freigang bekommen, wie BR und ZDF das kürzlich in Nürnberg für “Flocke” zelebriert haben. Unser Tipp: ein staatsvertraglich festgeschriebenes Verbot für “Brennpunkte” anlässlich Eisbärgeburten.

Expansion. Verleger und Privatsender werfen ARD und ZDF ja gerne mal eine “ungezügelte Expansion” vor. Und - stimmt das? Zählen wir halt mal nach: ARD, ZDF, neun Dritte, Spartenprogramme wie Arte, Kika und Phoenix, sechs Digitalprogramme, locker siebzig ARD-Radioprogramme und mehrere Dutzend sogenannter Web-Channels, das macht zusammen: mehr als hundert TV- und Radioangebote. Unser Tipp: Stärken stärken anstatt ständig über neue Kanäle nachzudenken!

Gebühren. Das ist schon ein seltsames Verfahren, mit dem entschieden wird, wie viel Geld wir ARD und ZDF überweisen. Die Sender melden ihren Bedarf an, eine Kommission namens KEF schaut noch einmal über die Zahlen und kürzt die Forderung ein bisschen herunter, damit die Politik das dann durchwinken kann. Natürlich ist es gut, dass die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unsere Volksvertreter davon abhält, die Gebührenfrage zu stark für den Wahlkampf einzuspannen. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass die Einnahmen von ARD und ZDF ständig steigen müssen? Die BBC kommt schließlich auch mit Kürzungen zurecht. Unser Tipp: Wenn weniger Geld da wäre, würde das ARD und ZDF sicher helfen, sich einmal damit auseinanderzusetzen, welche ihrer Programme sie für wirklich wichtig halten. In einer wahrhaft freien Gesellschaft könnte man aber bei Nichtgefallen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen so einfach austreten wie aus der Kirche.

Internet. Niemand will ARD und ZDF verbieten, im Internet präsent zu sein. Aber die Allmachtsansprüche, die regelmäßig von den Intendanten verbreitet werden, sind schon gruselig. Warum sollten ARD und ZDF Gebührengelder für Inhalte ausgeben, die schon anderswo von privaten Anbietern ins Netz gestellt werden? Natürlich freuen wir uns, wenn wir online Sendungen anschauen können, die wir im Fernsehen verpasst haben. Die Frage ist bloß: Muss das auch für Telenovelas gelten? ARD und ZDF brauchen auch online deutliche Grenzen, weil Grundversorgung eben nicht bedeuten kann, all das zu machen, wofür genug Geld da wäre. Unser Tipp: Abrufprogramme sind prima, sendungsbezogene Websites o.k., aber ansonsten würden wir lieber in gutes Fernsehen investiert sehen.

Konkurrenz, private. Fast acht Milliarden Euro bekommen ARD und ZDF bald an Gebühren überwiesen. Da dürften die Zuschauer doch erwarten, dass die Sender nicht bloß dem Programm der Privaten hinterherkopieren wie zuletzt mit “Bruce” und “Ich weiß, wer gut für dich ist” im Ersten. Warum lässt sich mit so viel Kohle nicht ein bisschen mehr wagen? Junge, frische Serien anstatt Aufgüsse alter Sat.1-Erfolge wie “Der Bergdoktor”. “Das kleine Fernsehspiel” in allen Ehren, und Respekt für Filme wie “Wut” und “Contergan” - aber warum schaffen ARD und ZDF nur einmal im Jahr so was wie “Kriminaldauerdienst” oder “Türkisch für Anfänger”? Unser Tipp: Mehr Risiken eingehen, vor allem fürs junge Publikum.

Merchandising. Ob die Welt wirklich eine schlechtere wäre, wenn man im Mainzelmännchen-Shop keine Schirme, Tassen oder Turnbeutel und im WDR-Shop keine “Sendung mit der Maus”-Prittstifte, keinen “Elefant Traumtänzer”-Tee und auch keine Kleiner-Maulwurf-Kissen kaufen könnte? Unser Tipp: Nein.

Nachwuchs. Wo bitte schön dürfen sich bei ARD und ZDF noch junge Moderatoren ausprobieren? Das letzte Mal bei der Computerspielsendung “X-Base” im Jahr 1993, die Niels Ruf das erste Mal ins Fernsehen ließ? Na gut, zugegeben: Im Reportagemagazin “Echtzeit” lässt die ARD doch mal junge Fernsehmacher ran. Und wann läuft das? Am Sonntagabend um halb zwölf. Unser Tipp: Auf keinen Fall einen zusätzlichen Spartenkanal einrichten, den ARD und ZDF bald verlangen werden, um dort junge Talente fördern zu können.

Radio. Morgens die Politsendung im Deutschlandfunk, mittags ein Konzert auf Bayern 5, und abends liest jemand vom Deutschlandradio aus neuen Büchern vor. Radiohören macht uns oft klug, manchmal glücklich - und für die Single- und Workaholicgesellschaft ist Radio das absolut zeitgemäße Medium, weil einer, während er sich informiert, auch noch Nasenhaare schneiden, Liegestütze machen und, ohne Ton, QVC sehen kann. Unser Tipp: Noch mehr Wortprogramm; und alles abschalten, was schon aus der Ferne nach Formatradio klingt.

Spartenprogramme. Aus Sicht der Intendanten zwingend notwendig, um in der digitalen Medienwelt die zersplitterten Zuschauerinteressen bedienen zu können, eigentlich aber bloß zur Auslagerung von Programmen gebraucht, die man von ARD und ZDF erwarten würde: Kultur, Dokumentationen, Nachrichtenhintergründe. Am Nachmittag laufen im Ersten und im Zweiten stattdessen Telenovelas, Zoodokus, Kochshows und Boulevardsendungen, die lästigerweise von “Tagesschau” und “heute” unterbrochen werden. Im Grunde genommen sind Spartenkanäle wie Eins plus und ZDF.doku Abstellplätze für Sendungen, die von den Verantwortlichen als Last empfunden werden, weil sie im Hauptprogramm nicht genug Quote bringen. Unser Tipp: Das Programm von ARD und ZDF am Nachmittag mit dem der Digitalkanäle vertauschen und die nachher einstellen. Sieht ja eh keiner zu.

Sponsoring. Nach 20 Uhr läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine Werbung. Wieso soll es Ausnahmen geben? Der WDR hat bereits eine tolle Idee gehabt und Sponsoring in seinem dritten Programm komplett abgeschafft. Intendantin Monika Piel möchte das auch fürs Erste durchsetzen, aber die anderen Intendanten lehnen ab. Unser Tipp: Mehr auf Intendantinnen hören!

Sportrechte. Ja, Sport soll jeder sehen können, auch wenn er sich kein Premiere-Abo leisten kann. Deshalb ist es ein absoluter Mehrwert, die Bundesliga im Free TV zu zeigen. Aber ob das sein muss, die “Sportschau” so mit Werbeblöcken und Sponsoren-Trailern zuzumüllen, um damit die Liga zu finanzieren? Unser Tipp: Wir brauchen keine “Sportschau”, die aussieht, als könnte sie auch bei RTL oder Sat.1 laufen.

Wetten dass . . .? Sollte Thomas Gottschalk sich den nächsten Auftritt von Paris Hilton nicht mehr leisten können, wenn er darauf verzichten muss, zwischendurch den neuen Audi hereinfahren zu lassen oder Dankeschöns an den Gewinnspielpartner DHL zu verteilen, dann würden wir das wohl in Kauf nehmen. Unser Tipp: Werbung in Sendungen von ARD und ZDF klipp und klar verbieten.

Zuschauer, junge. Von ARD und ZDF vernachlässigte Zielgruppe. Im April haben gerade einmal 6,4 Prozent der 14- bis 49-jährigen Zuschauer das Erste und 6 Prozent ZDF gesehen - zum Vergleich: RTL2 kommt auf 6,7 Prozent, Marktführer RTL auf 16,6 Prozent. Unser Tipp: Da kann doch irgendwas nicht stimmen. DANIEL BOUHS/PEER SCHADER