Sie wollen doch nur arbeiten

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am 14. Februar 2008

Im Norddeutschen Rundfunk steht es 884:833. So sieht das Verhältnis von per Rahmenverträgen beschäftigten freien Mitarbeitern zu ihren festangestellten Kollegen aus. Weil die Freien damit zumindest zahlenmäßig die Oberhand haben, ist umso bemerkenswerter, dass sich immer mehr von ihnen gegen ihren Sender auflehnen. Heute wollen gleich mehrere hundert gar nicht im Sender erscheinen.

Die in der Bewegung “Freie im Norden” organisierten Journalisten wehren sich gegen sogenannte Sperrzeiten. Spätestens nach 15 Jahren werden ihre Rahmenverträge nicht mehr verlängert. Dann dürfen sie über mehrere Monate nicht mehr für den NDR arbeiten. Zwar dürfen die Betroffenen anschließend wieder für den Sender arbeiten, der deckelt dann allerdings ihr Honorar auf 18 000 Euro pro Jahr.

Mit dieser umstrittenen Praxis will sich der NDR davor schützen, dass sich freie Mitarbeiter auf eine Stelle einklagen können. Dem Programm kann es natürlich nicht guttun, wenn der Sender erfahrene Mitarbeiter systematisch abstößt. Tatsache ist aber auch, dass alle Betroffenen wussten, was ihnen blüht: Die Praxis ist in Tarifvereinbarungen festgeschrieben, die mit Gewerkschaften ausgehandelt wurden.

Trotzdem sind die frustriert, die bald mit einer Sperrzeit belegt werden. “Wir stoßen unweigerlich an die Grenze, egal wie engagiert wir auch arbeiten”, heißt es, oder auch: “Es geht nur um Zeit und nicht um Qualität.” Eine Betroffene will zudem beobachtet haben, “wie in den vergangenen Jahren schon viele gute Leute gehen mussten”.

Die Betroffenen bangen um ihre Existenz. “Der Norden ist groß”, sagt einer, der seine Sperrzeit “aussitzt”. Weil der NDR mit Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gleich vier Bundesländer abdeckt und Privatradios kaum noch längere Berichte senden, bleibt vielen nur die Flucht aus dem Sendegebiet.

Wahrscheinlich erhoffen sich die Aufständischen auch eine Lockerung der Regeln, weil keine andere ARD-Anstalt so rigide mit ihren Freien umgeht. Der NDR sieht sich jedoch vom Bundesverfassungsgericht gestützt, das im Jahr 1982 anerkannt hat, dass zumindest für einen Teil der programmgestaltenden Mitarbeiter ein “Abwechslungsbedürfnis” nötig ist. Zwar ist das Urteil nicht auf freie Mitarbeiter begrenzt, trifft sie aber natürlich am ehesten - freie Mitarbeiter kann man eben einfacher austauschen als feste.

Weil damit von Jahr zu Jahr immer mehr Freie betroffen sind, zeigen sie Flagge: Auf Youtube machen sie unter dem Titel “Mein Papi ist Fester Freier” mit einem satirischen Film auf sich aufmerksam. Und als der neue Intendant Lutz Marmor Mitte Januar nach Hamburg kam, rollten sie ihm einen Teppich aus, der orange war wie ihre Protestfarbe. 70 haben sich damals beteiligt, heute sollen es weit mehr als 300 sein. Sie wollen einen ganzen Tag nicht in ihren Redaktionen erscheinen und sich - symbolisch - bei anderen Medien bewerben.

Von einem Streik wollen sie allerdings nicht sprechen. Der Termin stehe ja seit Monaten fest, der NDR habe sich vorbereiten können. Und so übernehmen heute Festangestellte Positionen, die sonst mit Freien besetzt werden, wie Reporterplätze oder Moderationen im Hörfunk. Während Hörer und Zuschauer deshalb von dem Ausstand nichts mitbekommen dürften, soll der heutige Tag eine Warnung sein: “Wir wollen ein Signal setzen und dem Haus eine Ahnung geben, wie es sein könnte, wenn wir mal ganz spontan nicht da sind”, sagt einer der Organisatoren.

Die Aufständischen hoffen, dass sich der neue Intendant nun ihrer Sorgen annimmt. Gleich morgen hat er Gelegenheit, die Wogen etwas zu glätten. Denn wenn er erstmals vor seinen Mitarbeitern über die Pläne in seiner Amtszeit sprechen wird, erwarten die Freien, dass er sich auch zu ihren Sorgen äußert.