Der Kaiser als Nebenrolle

Mit “Sport inside” setzt der WDR die Tradition von “Sportspiegel” & Co. fort.

Veröffentlicht in

am 27. August 2008

Komisch. Eigentlich hat der Westdeutsche Rundfunk sein neues Magazin “Sport inside” doch als eine neue regelmäßige Sendung beworben, die Themen aufgreifen soll, “die bei der aktuellen Berichterstattung in der Regel zu kurz kommen”. Und dann das: Da huscht gleich in der ersten Sendung Franz Beckenbauer durchs Bild. Beckenbauer ist doch keiner, der zu kurz kommt. Nicht überall und schon gar nicht im Fernsehen. Doch Beckenbauer spielt in diesem Beitrag über den putzigen 72-jährigen “Masseur und Beichtvater” der Nationalmannschaft fast nur einen Komparsen. Puh! Der Kaiser als Nebenrolle - aus “Sport inside” könnte also doch eine richtig gute Sendung werden.

Quote ist kein Maßstab

Freitagmittag, Schneideraum 335 im Kölner Filmhaus des WDR. Steffen Simon, Sportchef und Fußballkommentator des Ersten, hat ein paar Journalisten um sich gescharrt, um die neue Sendung vorzustellen. Er sagt Sätze, die klug und mutig zugleich sind. Sätze wie “Dieser Sendeplatz steht unter Artenschutz”. Jörg Schönenborn, Simons Chefredakteur, nickt das ab: Die Quote dieses neuen Formats sei nicht der Maßstab für einen Erfolg. Sein Haus, die mächtigste aller ARD-Anstalten, will mehr. Schönenborn diktiert: “Ein Erfolg wäre, wenn wir es schaffen, auf uns aufmerksam zu machen.” Man will Themen setzen.

Mit all diesen Versprechen setzt sich das Team um Simon unter einen hohen Erwartungsdruck. Dem müssen nun von heute Abend an Redakteure wie Uli Loke gerecht werden, der Mitglied der ebenfalls beim WDR angesiedelten ARD-Doping-Redaktion ist, den jüngst ausgestrahlten und viel beachteten Doping-Zweiteiler “Blut und Spiele” betreute und auch sonst lieber still im Hintergrund aktiv ist.

Looke, Simon, Schönenborn. Mit ihrem neuen Format füllen sie eine Lücke, die nun schon gut ein Jahrzehnt im deutschen Fernsehen klaffte. Denn natürlich gab es in Zeiten, in denen die Einschaltquote kaum ein Thema war, schon einmal solche Formate - den ZDF-”Sportspiegel” und das SWR-Format “Sport unter der Lupe” etwa als die profiliertesten Vertreter. Beide wurden unter dem Druck, den das Privatfernsehen mit sich brachte, erst hektisch von einem auf den anderen Sendeplatz verschoben und dann irgendwann eingestellt.

Gut, denkt man sich, nun bietet auch die Sonntags-”Sportschau” und das ZDF zumindest gelegentlich im “Aktuellen Sport-Studio” und noch etwas häufiger in der “Sport-Reportage” Hintergründe und ordentliche Personality-Geschichten wie die des Masseurs Adolf Katzenmeier, der mit Abstand die meisten Europa- und Weltmeisterschaften des gesamten Teams hinter sich gebracht hat und in der ersten Ausgabe des neuen Magazins stellvertretend für all die Menschen hinter den Kulissen des Sportbetriebs steht. “Bisher musste man sich solche Beiträge nach dem Zufallsprinzip zusammensuchen”, sagt Simon. “Wir bieten jetzt ein Gefäß dafür.”

Schluss mit dem Zufallsprinzip

Dieses Sammelbecken hält heute in der Erstausstrahlung übrigens auch einen Beitrag über den Kinderdrill in China bereit, der teils entsetzliche Bilder aus den Kaderschmieden liefert, in denen schon Fünfjährige kollektiv an ihre Belastungs- und vor allem Schmerzgrenze getrieben werden.

Zweifellos hätte dieses Stück auch in die “Sportschau” und vor allem den “Weltspiegel” gepasst. Und die Geschichte über die Fußballaffinität der NPD ist ohne Frage “Monitor”-verdächtig. Aber natürlich tut es trotzdem gut, solche Geschichten nun gebündelt vorzufinden - vor allem in einer expliziten Sportsendung und nicht abgedrängt in politische Formate, wie das bisher oft der Fall war, wenn es um die Schattenseiten des Sports ging.

Und wenn die WDR-Sportredaktion das zur Premiere gebotene Niveau hält, stört dabei auch ein Kaiser nicht.

“Sport inside”, WDR, 22.45 Uhr.