Vorwürfe “fast totgeschwiegen”
Namhafte Sportreporter wollen ihren Verband verlassen.
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am 4. Januar 2006
In der Welt des deutschen Sportjournalismus knirscht es. Namhafte Berichterstatter um Ressortleiter Jens Weinreich von der “Berliner Zeitung”, der für seine Recherchen über die finanziellen Machenschaften bei der Leipziger Olympiabewerbung den Wächterpreis bekam, nehmen den Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) unter Beschuß und bauen zugleich mit dem “Sportnetzwerk” eine Initiative für kritischen Sportjournalismus auf.
Ihr Argument: Der VDS setze sich nicht kritisch mit dem Berufsbild des Sportjournalisten auseinander. Statt dessen würde jeder den anderen in Schutz nehmen. So wurden die Korruptionsfälle um Sportchef Jürgen Emig (HR) und seinen Kollegen Wilfried Mohren (MDR) “fast totgeschwiegen”, sagt Weinreich. Beide werden von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, Schmiergeld erhalten zu haben, um Sportsendungen gezielt ins Programm zu heben. Beide waren deshalb zwischenzeitlich auch in Untersuchungshaft.
Jens Weinreich setzt dieser Tage um, was in seinem Bekanntenkreis nach eigenen Angaben schon seit Jahren geplant war: Zusammen mit Kollegen wie Thomas Kistner von der “Süddeutschen Zeitung” und auch Herbert Fischer-Solms vom Deutschlandfunk bereitet ein gutes Dutzend Sportjournalisten aus verschiedenen Redaktionen einen offenen Brief vor. Darin wollen sie noch in diesem Monat ihren kollektiven Austritt aus dem Berufsverband erklären.
In der Kritik von Fischer-Solms steht vor allem der “Sportjournalist”, das VDS-Verbandsorgan: “Dort fanden sich bisher Perversionen wie das Ergebnis eines Smarties-Weitspuckens.” Hingegen seien Vorwürfe wie jene gegen die ZDF-Sportredaktion über angeblich zurückgehaltene Doping-Hinweise im “Team Gerolsteiner” nicht einmal erwähnt worden.
Doch die Kritik richtet sich nicht allein an den Journalistenverband. “Wir appellieren an alle in unserer Branche”, sagt Weinreich. Er möchte all jenen ein Forum zum kollegialen Austausch bieten, “die keine Fans sind, die es über die Absperrungen geschafft haben”. Vom “emotionsgeleiteten Fan-Journalismus” manch anderer Kollegen halte er jedenfalls nichts.
Vor allem freie Kollegen werden sich allerdings zweimal überlegen, ob sie sich den Initiatoren anschließen und den VDS verlassen wollen. Denn der Verband, der sich unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen bei der diesjährigen Fußball-WM einsetzt, hat einen Trumpf: Vor allem bei den Akkreditierungen für Olympische Spiele und Fußballmeisterschaften hat er ein Mitspracherecht und läßt dort nur Mitglieder ran - von Redaktionsanmeldungen abgesehen. “Es darf natürlich niemand bestraft werden, der den Verband verläßt”, sagt Weinreich. Er will sich mit den Sportverbänden in Verbindung setzen, um eine Lösung zu finden.
Am 21. Januar soll es zudem auf dem Mitgliedertreffen des “Netzwerk Recherche” in Berlin eine Diskussion zum “Sportnetzwerk” geben. Weinreich gilt die Organisation der Investigativ-Journalisten als “gewisses Vorbild”, und er denkt mit dem Vorsitzenden Thomas Leif, Chefreporter im SWR, bereits über eine Zusammenarbeit nach.
Angesprochen auf die jüngsten Entwicklungen hält man sich beim Verband Deutscher Sportjournalisten derzeit bedeckt. Dessen Präsident, der Sat.1-Kommentator Erich Laaser, befindet sich seit Mitte Dezember in Mexiko und wolle sich erst nach seiner Rückkehr mit dem Thema befassen, heißt es. Telefonisch läßt er immerhin wissen, daß ihm der Urlaub “gründlich versaut” sei. “Das eine oder andere ist an der Kritik sicher dran”, räumt Stellvertreter Christoph Fischer ein. Doch statt auszutreten, solle doch der verbandsinterne Dialog geführt werden. “Wer den Verband von hinten aufrollen will, kann das doch tun.” Jens Weinreich schlägt das Angebot aus. Er habe schon in der DDR gelernt, “daß man Institutionen nicht von innen verändern kann.”
@daniel_bouhs
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