News für immer und überall

Die “Tagesschau” will mehr als eine Fernsehsendung sein. Weil sich dafür aber bei ARD-aktuell die Strukturen ändern, fragen einige Betroffene: Muss das sein?

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am 6. Februar 2010

Noch zwei Minuten bis 20 Uhr. Vor den Fernsehgeräten haben sich schon Millionen versammelt. Die “Börse im Ersten” bringt ihnen bei, dass sich der DAX auf 6.034 Punkte hochgezogen hat. Im Haus 18 beim NDR in Lokstedt nimmt Sprecherin Susanne Daubner im Studio Platz. Was weder sie noch die Zuschauer wissen: Hinter den Kulissen knirscht es.

Kurz vor dem Gong liegt ausgerechnet der erste Beitrag des Abends noch in Stuttgart. Frank Jahn soll vom dortigen Dreikönigstreffen der FDP berichten, doch die Überspielung lässt auf sich warten. Es wird eng.

Stephan Ziegenhagen, Chef vom Dienst der “20 Uhr”, springt aus seinem Drehstuhl. Die Zeigefinger auf die Schläfen gepresst, ruft er seinen Redakteuren zu: “Leute, kommt mal schnell her und überlegt, was wir jetzt machen!” Ziegenhagen murmelt einen Moment etwas davon, wie die Sendung umzubauen sei, bis eine Minute und dreißig Sekunden vor acht der Beitrag doch noch einläuft. So spät, dass ihn der Verantwortliche nicht mehr sehen kann. Ziegenhagen muss dem Reporter blind vertrauen.

Eine Redakteurin wird nach der Sendung sagen, Jahn habe sich telefonisch entschuldigt und erklärt, der SWR habe einem Sportbeitrag fürs Dritte Vorrang vor der “20 Uhr” gewährt.

Ein Problem, das sie hier kennen. Immer wieder grenzen die Landessender die “Tageschau” aus. Um bei der FDP zu bleiben: Nachdem sich im Sommer 2003 Jürgen Möllemann in den Tod gestürzt hatte, stand zwar ein ARD-Mitarbeiter mit aufgebauter Satellitenleitung an der Unglücksstelle, doch Hamburg durfte ihn nicht schalten. Der Reporter war fürs Dritte reserviert.

Die Sendungen im Ersten sind ohnehin nicht mehr das ganze Geschäft. Die “Tagesschau” will nicht mehr bloß eine Sendung sein, sondern eine Medienmarke mit möglichst viel Präsenz.

Wer wissen will, wie der Plan dahinter aussieht, muss sich nur mal in das Büro von Georg Grommes verirren. Der leitet das Team “Strategie und Innovation”. An den Wänden hängen Plasmafernseher. In der Ecke stehen Zusatzgeräte aller Art, darunter auch die Spielkonsole Wii. Auf ihr ist Reuters mit einem Newskanal vertreten, nicht aber die ARD. An Schränken hängen zudem Entwürfe des Schriftzugs “Tagesschau 24″, vor allem aber fällt eine Zeitungsanzeige auf.

Auf ihr wirbt Apple für sein iPhone und listet Miniprogramme (Apps) auf. Grommes hat mit einem gelben Marker die einzige vertretene Nachrichten-App markiert. Sie stammt von N24. Das Signal ist klar: Hier hätte die “Tagesschau” auftauchen sollen. Sie hat diese Entwicklung aber lange verpennt. Erst in diesem Frühjahr will sie nachziehen.

“Wir wollen auch Menschen ansprechen, die in einer Welt leben, in der der 20-Uhr-Zeitpunkt womöglich nicht mehr Dreh- und Angelpunkt ihrer Mediennutzung ist”, sagt Grommes. Dafür hat er in den vergangenen Jahren auch einen Newskanal aufgezogen. EinsExtra präsentiert im digitalen Kabel- und Satellitennetz “Tagesschau-Nachrichten im Viertelstundentakt”.

Dieser Sender steht wie kein anderes Produkt der Nachrichtenfabrik für die neu angebrochene Zeit. Alles, was die Redakteure für die Sendungen im Ersten bei den neun Landessendern bestellen, landet in einem riesigen Zentralspeicher. Die, die für den Kanal produzieren, zapfen dort Beiträge ab - und aktualisieren sie gelegentlich selbst. Dazu kommen Schaltgespräche mit Experten und Reportern.

Ob das wirklich jeder braucht, ist freilich zweifelhaft. Kai Gniffke, Chef der “Tagesschau”, sagt jedenfalls, er sei “davon überzeugt, dass der publizistische Mehrwert dieses Angebots den vergleichsweise geringen Aufwand mehr als rechtfertigt”. Zu sehen ist das nur werktags zwischen 9 und 20 Uhr. Gniffke aber will die Sendezeit noch 2010 ausweiten - auch ins Wochenende hinein.

Damit das klappt, bauen Gniffke und Grommes seit Jahren die Strukturen um. Längst arbeitet in Hamburg niemand mehr mit Kassetten. Heute läuft alles digital. In jeder Schicht ist zudem ein Redakteur abgestellt, um die aktuellen Beiträge als sogenannte Segmente im System zu hinterlegen. Die können im Kanal ebenso fast automatisiert versendet werden wie auch im Netz. Wie weit das geht, kann beobachten, wer einen Hybridfernseher benutzt, der mit dem Internet verbunden ist. Auf diesen Geräten lassen sich neben TV-Programmen auch Formate wie “Tagesschau 24″ abrufen.

“Tagesschau 24″ ist eine zu jeder Zeit startbare Sendung, die auf den jeweils aktuellsten Segmenten basiert. Weil die Moderationen teilweise noch aus unterschiedlichen Ausgaben herausgeschnitten werden, sieht das noch holprig aus. Das soll sich aber ändern. Die “ewige ,Tagesschau’ “, wie sie Gniffke nennt, zählt übrigens bereits mehr als drei Millionen Abrufe im Monat. Sie wartet auch auf tagesschau.de auf Zuschauer.

Einige Redakteure befürchten angesichts dieser Entwicklungen, dass die “Tagesschau” von einem einst herausragenden Format zu einer Massenware verkommt. Sie sehen auch kritisch, dass ARD-aktuell von diesem Montag an nicht mehr sendungs-, sondern themenbezogen arbeiten soll. Dann sitzen nicht mehr nur Redakteure zusammen, die Ausgaben für das Erste planen, sondern je zwei von ihnen mit einem Newskanal- und einem Onlineredakteur.

Was zunächst als vierwöchiger Test angelegt ist, hat Vorteile. Wo bisher für jede Sendung einzelne Redakteure abgeschottet vom Rest der Mannschaft werkelten, sollen sie sich fortan per Zuruf mit den Kollegen abstimmen, die für die anderen Produkte der Marke “Tagesschau” arbeiten. So soll vor allem vermieden werden, dass gleich mehrere Redakteure ein und denselben Korrespondenten um Berichte und Schaltgespräche bitten.

Dieses Chaos trieb Einzelne zuletzt in den Wahnsinn. Erst im Herbst kritisierte Thomas Morawski vom Wiener ARD-Büro die “Verspartung” der Berichterstattung und maulte: “Da kommt man gar nicht mehr dazu, das Mikrofon aus der Hand zu legen und selbst zu recherchieren.” EinsExtra schloss er in seine Kritik namentlich ein.

Während die geplante Umstrukturierung vielen sinnvoll erscheint, sind auch Skeptiker unterwegs. Nicht viele trauen sich, offen zu reden. Zu groß ist die Angst, als Nörgler aufzufallen. Ziegenhagen aber ist mutig. Die Transformation, sagt er, sei nötig, um “überlebensfähig” zu sein. Er fordert aber auch “großzügigen Freiraum” für die 20-Uhr-Ausgabe: “Sie war bisher nicht Teil einer Fließbandproduktion und sollte es auch nie werden.”

Gniffke nimmt den Bedenkenträgern vorläufig den Wind aus den Segeln - und klammert die “20 Uhr” von dem Feldversuch aus. Zu dem Modell will er sich nicht äußern, erst den Test abwarten. Zur “20 Uhr”, die als einzige deutsche Nachrichtensendung nicht moderiert wird, sagt Gniffke: “Der ,Mythos 20 Uhr’, der vor allem mit dem Lesen der Meldungen vom Blatt zu tun hat, lebt - und ich will alles dafür tun, dass dies so lange wie möglich so bleibt.”

Deshalb nimmt Gniffke die Hauptausgabe mit oft mehr als zehn Millionen Zuschauern auch von einem anderen Projekt aus: der Planung seines neuen Studios, mit dem man technisch zu RTL und ZDF aufschließen will. Von 2012 an sollen “Tagesschau”-Moderatoren sowohl auf ihrem Tisch als auch im Studiohintergrund Dinge mit ihren Fingern steuern können. Nur in der “20 Uhr” sollen interaktive und 3-D-Elemente weiterhin tabu sein.

Auch das Studio spaltet. Claus-Erich Boetzkes, der die Nachmittagsausgaben der “Tagesschau” moderiert, ist für Interaktivität. Er erinnert sich an 2004, als im russischen Beslan Terroristen mehr als eintausend Geiseln nahmen. “Damals gab es keine brauchbaren Bilder, weil die Teams nicht dicht genug an das Geschehen rankamen”, sagt Boetzkes. Aus Berichten von Augenzeugen und Polizei habe man allerdings gewusst, wie die Lage vor Ort aussah. “Daraus hätte ein Modell entwickelt werden können, an dem ein Moderator die Lage hätte erklären können.”

Solche Momente gebe es zwar nicht häufig, sagt Boetzkes - “aber wenn, dann ist diese Technik optimal, um dem Zuschauer Dinge nahezubringen, die bisher nur schwer zu erklären waren.” Und wieder gibt der Chef vom Dienst der biedereren Hauptausgabe den Kritiker. “Man muss doch nicht immer alles machen, was technisch möglich ist”, sagt Ziegenhagen: “Tun es nicht auch solide Nachrichtenfilme?”

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Mord jetzt auch online

Die ARD stellt ihre “Tatort”-Krimis ins Netz - allerdings nicht jeden und nur für sieben Tage. Woche für Woche schauen bereits mehr als 100.000 Fans online zu.

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am 6. Februar 2010

Ausnahmsweise mal keine Zeit für Ermittlerin Inga Lürsen? Kein Problem: Wer den “Tatort” aus Bremen an diesem Sonntag verpasst, der kann ihn sich mit ein paar Klicks bequem auf den Computerschirm holen. Die ARD stellt neue Folgen dieser Reihe nämlich neuerdings in voller Länge ins Netz, abrufbar in der Mediathek auf der Webseite des Ersten. Am Sonntag muss Lürsen (Sabine Postel) übrigens den Mord einer Unternehmergattin aufklären, die einst die Freundin von Lürsens Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) war. Ein kniffliger Fall.

Der Service im Internet sollte selbstverständlich sein, wo ARD und ZDF doch für die Nutzung “neuartiger Empfangsgeräte” wie Computer mit Netzanschluss zur Kasse bitten - einerseits. Denn das Geschäft mit den Filmen im Netz bleibt andererseits hochgradig kompliziert.

Ein Problem ist etwa, dass sich Sender und Verwertungsgesellschaften noch immer nicht mit allen Musiklabels darauf geeinigt haben, wie viel die eingespielte Musik kostet. Die ist zwar für die TV-Ausstrahlung bezahlt, soll aber eben auch im Netz zum Einsatz kommen. Weil eine Klärung noch aussteht, stellen ARD und ZDF einige Magazine und Dokumentationen nur von Musik befreit in ihre Mediatheken. Bei Krimis würde das freilich nicht funktionieren.

Ein anderes Hindernis: In der digitalen Welt, in der Videoplattformen wie Mediatheken die Verwertungskette vom TV hinaus ins Netz verlängern, wollen Produzenten ihre Filme nicht mehr zum gleichen Preis verkaufen wie bisher. Im Dezember hat sich die ARD nach langwierigen Verhandlungen zu einem Eckpunktepapier durchgerungen, das Produzenten “ausgewogene Vertragsbedingungen” zusagt. Die neun Sender verpflichten sich darin unter anderem, die Hälfte aller Erlöse aus dem Internet, dem Pay-TV, dem Verkauf von DVDs und an kommerzielle Video-Portale an die Produzenten abzuführen.

Nun regelt dieses Papier erstaunlich viel, nicht aber die Nutzung des Materials in den Mediatheken, die bei ARD und ZDF kein kommerzielles Produkt sind - anders als die Plattformen privater Sender wie RTL und ProSieben, die dort Eintrittsgelder nehmen oder Werbung schalten. In der ARD meint manch einer, sie könnten deshalb einfach alles, was sie im TV zeigen, auch ins Netz stellen. Die Produzentenallianz setzte sich dagegen bisher nicht zur Wehr.

So ist zu erklären, dass nur einige ARD-Sender, darunter der SWR, den Mitwirkenden für das Einstellen der Filme ins Netz einen Zuschlag zahlt. Vom NDR, der für die aktuelle Folge des “Tatort” verantwortlich ist, erhielten immerhin Hauptdarsteller und Drehbuchautoren “teilweise” einen Obolus. Andere Anstalten leisten sich hingegen noch nicht mal das. Eine MDR-Sprecherin sagt, die “Tatorte” ihres Senders seien “komplette Buy-out-Produktionen” und damit alle Rechte abgegolten. So sieht das auch der RBB. Der SR stempelte seine Zuschlagspolitik sogar ganz zur Geheimsache.

Weil vieles noch offen ist, kann die ARD den “Tatort”-Fans bislang noch keine Kontinuität bieten. Eine Sprecherin des Ersten sagt, sie versuche “alle Erstausstrahlungen in der Mediathek zu zeigen”, können dies aber “aufgrund der Rechtesituation nicht garantieren”. Es gelte, “jeden Einzelfall” zu prüfen.

Die Zuschauer können sich deshalb nicht darauf verlassen, einen verpassten Krimi in einem Zeitraum von sieben Tagen nach Ausstrahlung online anschauen zu können, wie ihn die Medienpolitik für Unterhaltungsformate zulässt. Obendrein beschränkt der Jugendschutz die Ausstrahlung: Der “Tatort” kann dort überhaupt nur zwischen 20 Uhr und 6 Uhr gesehen werden.

Das wiederum haben zuletzt laut ARD pro Folge mehr als 100 000 Zuschauer getan - “Tendenz steigend”. Die Kommissare Lürsen & Co. haben damit auch im Netz schon eine beachtliche Fan-Gemeinde gefunden.

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ddp strebt EU-Verfahren gegen AFP an

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am 5. Februar 2010

Die Frage, ob die Nachrichtenagentur AFP gegen geltendes EU-Recht vom französischen Staat alimentiert wird, könnte bald die Behörden beschäftigen. MEEDIA liegt der Entwurf eines Beschwerdeschreibens vor, das an die EU-Kommission adressiert ist. Darin beanstandet ddp, Frankreich unterstütze AFP „systematisch“ mit „großen Subventionen“, die lediglich als „Gebühr“ getarnt seien. Die deutschen AFP-Geschäftsführer reagieren mit Gelassenheit auf die neue Situation im Konkurrenzkampf der Agenturen.

Ende Januar kündigte ddp-Eigentümer Martin Vorderwülbecke in einem Memo an, einiges „sowohl in den Medien als auch juristisch offen“ angehen zu wollen, das „bisher tabu“ sei, darunter die „enorme Subventionierung der AFP“. Weiter schrieb er: „Die Subventionierung diese Staatsbetriebes in Frankreich könnte uns ja egal sein, aber da die AFP ihr Staatsgeld von weit über 100 Millionen Euro pro Jahr für Dumping in Deutschland einsetzt, müssen wir uns wehren.“ Leere Worthülsen? Im Gegenteil!

Vorderwülbecke und sein Geschäftspartner Peter Löw könnten ihre Drohung schneller wahrmachen als mancher in der Branche dachte. Längst liegt in ihrer Schublade ein 20-seitiger Brief an die EU-Kommission, den eine im Wettbewerbsrecht renommierte Kanzlei verfasst hat. Er liegt MEEDIA vor.

In dem Schreiben kritisiert der ddp unter anderem, dass der französische Staat die AFP „systematisch“ mit „großen Subventionen“ unterstütze, die bloß als „Gebühr“ getarnt seien. Aus einer beigefügten Tabelle geht hervor, dass allein staatliche Stellen in Frankreich Dienste der AFP im Wert von 113 Millionen Euro beziehen. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz der dpa lag 2008 bei 94 Millionen Euro, der von ddp und dem zugekauften Dienst AP-Deutschland (heute DAPD) zusammen bei 29 Millionen. Der deutsche Dienst von AFP setzte im gleichen Zeitraum 7,32 Millionen um.

Die große Frage für den deutschen Markt ist, ob der hiesige AFP-Dienst marktübliche Preise für den Bezug der Auslandsmeldungen zahlt. Die Geschäftsführer des deutschen AFP-Dienstes, Clemens Wortmann und Andreas Krieger, wehren sich bereits Anfang Februar im Gespräch mit MEEDIA. Sie sagten: „Es gibt keinen Anlass daran zu zweifeln, dass die Nutzung der französischen, englischen oder spanischen Texte des AFP-Mutterhauses durch die deutsche AFP GmbH adäquat honoriert wird.“ Die AFP GmbH leiste einen „angemessenen Beitrag“. Wie viel genau, halten sie jedoch geheim. Die Lizenzzahlungen nach Paris seien zudem bisher nicht von Wirtschaft- und Steuerprüfern beanstandet worden.

Mit dem Schreiben plant Vorderwülbeckes ddp, vor allem gegen den AFP-Mutterkonzern vorzugehen. Dabei ist auch von Investitions-Zuschüssen, Darlehen und besonderen Steuerbefreiungen die Rede. Kritik übt der ddp in dem Entwurf auch daran, dass die Statuten, auf denen AFP in Paris basiert, keine Defizite gestatteten. Von einer „schädlichen staatliche Beihilfe“ ist ebenso die Rede wie von einer „wahrscheinlich eklatanten Missachtung von EU-Vorschriften“, denn: Der AFP-Bezug von französischen Stellen sei lediglich als „Gebühr für Dienstleistungen verkleidet“. Die staatlichen Abonnements seien „nichts anderes als direkte Finanzhilfen“.

Mit diesen „staatlichen Beihilfen“ könne AFP den Wettbewerb „auf den europäischen und nationalen Märkten stark verzerren“ und Agenturen in Frankreich und anderen Mitgliedstaaten der EU „gefährden“. Mit dem Geld sei es AFP zudem möglich, eine „aggressive Preispolitik“ zu fahren und „mit Dumping-Preisen Marktanteile zu gewinnen“. In dem Entwurf wird zudem darauf hingewiesen, dass das Bundespresseamt für die Bezüge aller Agenturdienste insgesamt lediglich etwa drei Millionen Euro ausgebe. Nicht eingerechnet sind darin hingegen die Staatskanzleien der Länder.

Vorderwülbecke hatte in seinem Memo auch geschrieben, die Sache mit den Subventionen sehe bei der dpa „ähnlich“ aus. Löw hatte der dpa zudem „sittenwidrige Verträge“ vorgeworfen. dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner sagte MEEDIA zu dem Auftreten der ddp-Eigner: „Das ist ein Tonfall und ein Stil, den es im Wettbewerb der Nachrichtenagenturen so noch nicht gab.“ Er sei indes „fest davon überzeugt, dass es in diesem Wettbewerb nicht nur auf den Preis der Dienste ankommt“, sondern entscheidend auf Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit. Büchner: „Ich bezweifle, dass es da hilfreich ist, die Konkurrenz mit falschen Behauptungen zu diffamieren.“

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Neue Teams, neuer Ärger

Die neuen Eigentümer bauen die Nachrichtenagentur DAPD um.

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am 5. Februar 2010

Martin Vorderwülbecke ist derzeit viel auf Reisen. Erst schaute er in Frankfurt vorbei, gestern in Berlin. Mit Chefredakteur Peter M. Gehrig führte er Einzelgespräche mit einem guten Dutzend Journalisten der Nachrichtenagentur DAPD, die am Main sitzt und an der Spree ein Hauptstadtbüro unterhält. Thema war die Zukunft. Die der Betroffenen, aber irgendwie auch die der gesamten Branche.

Was heute DAPD heißt war bis Anfang Dezember noch der deutsche Ableger der US-Agentur Associated Press (AP). Seitdem gehört auch dieser Dienst Vorderwülbecke und dessen Geschäftspartner Peter Löw. Anfang 2009 hatten sie bereits die Nachrichtenagentur ddp übernommen. Jetzt formen sie aus beiden eine Allianz, um sich gegen den Marktführer dpa, aber auch gegen den hiesigen Dienst der französischen AFP aufzustellen.

Den Mitarbeitern erklärte Vorderwülbecke dieses Konzept: Sie sollen von der einstigen AP GmbH in zwei neue Gesellschaften wechseln. Eine, die weiter die Auslandsmeldungen des internationalen AP-Dienstes auswerten soll, dessen Inhalte Vorderwülbecke und Löw lizensiert haben. Die andere soll ein Team mit dem Titel “Korrespondenz und Recherche” beherbergen.

Den Plänen nach kommen in der neuen Einheit insbesondere Reporter unter, die bisher bei DAPD Inlandsmeldungen produzieren. Hier überlappen sich beide Angebote. Miteigentümer Peter Löw sagt, sie hätten bei den Inlandsberichten des ehemaligen AP-Dienstes und ddp Überschneidungen von 60 bis 70 Prozent festgestellt.

“Wir wollen die Inlands-Berichterstattung des ddp deutlich verstärken, ebenso wie die Auslandsberichterstattung des DAPD”, sagt Löw. So soll der DAPD schon bald statt im Schnitt bisher täglich etwa 100 Meldungen aus dem Ausland weit mehr als 125 an die Kunden bei Zeitungen, Sendern und Onlineportalen liefern. Das geht gegen dpa, aber auch gegen AFP.

Hinter den Kulissen knirscht es dennoch. Die Eigentümer gehen wenig zimperlich zur Sache. Die DAPD-Mitarbeiter haben 34 Kündigungen gezählt: Fotografen, Bildredakteure und mit einer Ausnahme der gesamte Schweizer Dienst, der zu AP gehörte. Die Eigentümer beteuern, den Fotografen würden neue Verträge vorgelegt. Von “tiefem Misstrauen” ist in einem Protestschreiben dennoch die Rede, den die DAPD-Reporter an Vorderwülbecke schickten.

Denn die neuen Verträge sehen zwar das gleiche Gehalt vor und damit weit mehr als beim einst insolventen ddp, aber weniger Urlaub. Außerdem sind künftig alle Überstunden abgegolten. Im Gegenzug bieten die neuen unbefristeten Verträge einen Kündigungsschutz von drei Jahren, der aber für beide Seiten gilt. Jeder, der unterschreibt, bindet sich also an die neue Allianz. Das Abwandern zur dpa dürfte so zumindest gestoppt sein. Die Unterschrift wird übrigens mit einer Prämie von 10 000 Euro versüßt.

Noch haben Vorderwülbecke und Gehrig nicht mit allen verbliebenen DAPD-Mitarbeitern geredet. Löw spricht von einer “ersten Runde”. Und wer gar nicht unterschreiben will? Der sei “in den neuen Strukturen nicht wirklich drin”. Als Vorderwülbecke gestern Nachmittag vor der ddp-Belegschaft sprach, kündigte er für ddp keine Entlassungen an, sondern Einstellungen. Beim DAPD werde es aber zu Kündigungen kommen. Auf die Frage, ob nicht DAPD-Mitarbeiter statt auf die Straße in die ddp-Redaktion gestellt werden könnten, habe er laut Teilnehmern geantwortet: “Die wollen doch nicht für weniger Geld arbeiten.” Diskutiert wird noch die Frage, ob der DAPD nach Berlin ziehen soll. Löw: “Es spricht viel dafür, dass der DAPD noch in diesem Jahr nach Berlin ziehen soll.”

Klar ist, dass er mit seinem Partner Vorderwülbecke den Markt gehörig aufmischt. Aufgeschreckt sind dpa und AFP auch, weil die ddp-Chefs beiden Konkurrenten zuletzt mehrfach öffentlich vorwarfen, von ihren Staaten subventioniert zu werden und so mitunter den Markt zu verzerren. Die dpa schickte Löw deswegen eine Unterlassungserklärung, die seit einem Monat die Anwälte beider Seiten beschäftigt.

Löw und Vorderwülbecke fühlen sich nun umso mehr herausgefordert. Der Berliner Zeitung liegt ein 20-seitiger Entwurf einer äußerst namhaften Kanzlei vor, der an Brüssel adressiert ist: Der ddp überlegt sehr konkret, bei der EU-Kommission ein Wettbewerbsverfahren anzustoßen.

Nachtrag 05.02.2010 um 11h12: Die geplante gemeinsame Wettbewerbsbeschwerde von ddp und DAPD richtet sich nach dem vorliegenden Entwurf nur gegen AFP. Mehr dazu hier.

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Krach bei ddp und DAPD

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am 31. Januar 2010

Die Mitarbeiter des ehemaligen Dienstes von AP-Deutschland warnen ihren neuen Eigentümer Martin Vorderwülbecke. In einem Protestschreiben ist von „tiefem Misstrauen“ die Rede. Nach vier Wechseln zum Mitbewerber dpa hat gerade eine weitere feste Kraft gekündigt. Pauschalisten gehen. Die Chefredakteure Joachim Widmann (ddp) und Peter M. Gehrig (DAPD) kämpfen zudem um ihre Macht. In all dem Trubel geht aber unter: Vorderwülbecke hat mit der neuen Agenturallianz viel vor.

Am Freitagmorgen hatte es Joachim Widmann nicht einfach. In der morgendlichen Konferenz fragten ihn Mitarbeiter: „Wer hat uns jetzt eigentlich noch etwas zu sagen?“ Kurz zuvor meldete die „Süddeutsche Zeitung“, der bisherige Chef der Wirtschafts-Nachrichtenagentur dpa-afx werde neuer Gruppen-Chefredakteur beider Agenturen. Die SZ vergaß zu erwähnen, dass Widmann beim ddp und Peter M. Gehrig bei DAPD die Leitung behalten sollen. Widmann schrieb deshalb an seine Truppe: „Ich bin und bleibe der Chefredakteur bei ddp.“ Er wolle damit „Irritationen und Kompetenzfragen ausräumen“, mit denen er „seit früher Stunde konfrontiert“ sei. Gehrig schrieb ähnlich lautendes an seine Leute.

Vorderwülbecke schrieb beiden Belegschaften in einem Brief, der MEEDIA ebenfalls vorliegt, Dreyer werde „unsere Agenturallianz als DAPD/ddp-Gruppe in Kürze ein sympathisches und kompetentes Gesicht nach außen geben“. Dreyer solle bei der „sehr unterschiedlichen Geschichte und Tradition“ der beiden Agenturen „integrierend tätig sein“. Widmann und Gehrig würden „weiterhin ihre respektiven Agenturen leiten“. Dreyer komme „gleichberechtigt auf Gruppenebene“ hinzu. Der Eigentümer spricht von einem „Chefredakteurs-Triumvirat“.

In beiden Häusern fragen sie sich aber nun: Hat Dreyer wirklich nicht mehr zu sagen als Widmann und Gehrig für ihre Läden? Einer, der den ddp aus aktueller Arbeit von innen kennt, sagte zu MEEDIA: „Anders als Widmann und Gehrig wird Dreyer nicht nur Chefredakteur sondern zugleich auch Geschäftsführer sein. Hat nicht der, der nicht nur über die Redaktionslinie sondern auch noch über die Etats entscheidet, letztlich die Sache in der Hand?“ Ein anderer Insider warnt gar, diese Vermengung von Geschäftsführung und Chefredaktion „gehört sich bei einem Diestleister einfach nicht, der zur Objektivität verpflichtet ist“.

Auch die interne Aufregung um diese Personalie zeigt mal wieder: Die ddp-Gruppe um ihre neuen Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw beweist kein gutes Händchen, wenn es darum geht, die gemeinsame Sache nach außen zu verkaufen. Viel schlimmer aber noch ist, dass sich jetzt die Belegschaft des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD) lautstark zu Wort meldet. In einem Schreiben, das MEEDIA vorliegt, schrieben sie gerade ihrem neuen Besitzer, es drohe „das eigentlich unabdingbare Vertrauensverhältnis der Belegschaft zur Geschäftsführung zu zerbrechen“.

Stein des Anstoßes sind die vergangenen Kündigungen. Vorderwülbecke hatte um Weihnachten und Neujahr quasi den gesamten ehemaligen AP-Fotografen und Bildredakteuren gekündigt, und im Anschluss betont, mit den Entlassungen solle es das „erst mal gewesen sein“. Zum Februar hat er nun aber den Schweizer ddp-Dienst geschlossen, inklusive weiterer Kündigungen. Intern teilte er mit, er und sein Mitstreiter Peter Löw bedauerten diesen Schritt „außerordentlich“. Er sei aber betriebswirtschaftlich unumgänglich gewesen.

Beim DAPD sind sie so gereizt, dass viele die Flucht antreten. Kürzlich haben erst mit Peter Zschunke und Froben Homburger die beiden stellvertretenden Chefredakteure gekündigt. Sie wechseln ebenso zur dpa wie DAPD-Wirtschaftschefin Antje Homburger, die schon ihre Verträge unterschrieb, als der Verkauf von AP-Deutschland an den ddp noch ein Gerücht war. MEEDIA hat zudem erfahren, dass mehrere Pauschalisten das Weite gesucht haben – eine Mitarbeiterin wechselte zu „Welt Kompakt“, ein anderer in die PR-Industrie. Und zum Wochenende hat zudem Friederike Marx, die stellvertretende Wirtschaftschefin, ihre Kündigung eingereicht, mit unbekanntem Ziel.

Gleichzeitg geht in diesem Trubel unter, wie sich die neue Allianz künftig positionieren will. Arbeitsgruppen aus Chefredakteuren und Vertrauten arbeiten zusammen mit den Geschäftsführern, zu denen neben Vorderwülbecke auch Franz Maurer gehört, gerade an einem detaillierten Konzept, das durchaus viel verspricht. Offensichtlich will Vorderwülbecke einhalten, was er zusammen mit Löw am Tag der Übernahme von AP-Deutschland den Mitarbeitern des ddp ankündigte. Das Schreiben vom 8. Dezember 2009 war betitelt mit „Unser Motto: 1 + 1 = 3“. In der Branche wurden sie dafür belächelt, klang das doch auf den ersten Blick nach einer gehörigen Portion Übermut.

Jetzt könne dieser Spruch aber Wirklichkeit werden, denn im Gespräch ist MEEDIA-Informationen zufolge dieses Konzept: Der ddp liefert das, was er auch bisher am besten konnte, nämlich ein Grundrauschen aus dem Inland. Der DAPD soll sich hingegen einerseits darauf beschränken, die Kunden mit Auslandsmeldungen zu beliefern. Dafür kann er immerhin auf das Material der etwa 3.000 internationalen AP-Korrespondenten uneingeschränkt zugreifen. Die, die bisher bei DAPD parallel zu ihren neuen Kollegen bei ddp Inlandsberichte absetzen, sollen sich im Wesentlichen aber künftig auf sogenannten Premium-Content beschränken, also Features, Analysen und Hintergründe. Der ddp soll sich im Gegenzug in diesem Bereich stark zurückhalten. Ein Modulsystem entstünde.

Diese Struktur wiederum würde absolut Sinn machen, würde doch so die bisherige Überschneidung im Inland geschickt aufgelöst und aus den bisherigen Angeboten mehr hervorgehen.Wahrscheinlich ließen sich vor allem Lokal- und Regionalzeitungen auf ein solches Paket ein. Offen ist lediglich, zu welchen Konditionen. Einziger Haken an diesem Modell: Viele für aufwändige Recherchen nötige Kontakte ziehen sich Reporter auch bei kleineren Pflicht-Terminen. Eine enge Zusammenarbeit beider Häuser wäre folglich nötig, damit ddp-Kollegen ihren DAPD-Mitsreitern Hinweise liefern. Unrealistisch ist das freilich nicht: Der neue Gruppen-Chef Dreyer soll mit als erstes darüber nachdenken, ob DAPD nicht besser von Frankfurt nach Berlin ziehen sollte. Am neuen ddp-Stammsitz am Rande des Regierungsviertels wäre sogar noch Platz.

Das alles ist zwar noch nicht beschlossene Sache und auch andere Optionen Teil der Erörterungen. DAPD-Inlandskorrespondenten wurde aber für Top-Termine in diesem Jahr bereits zugetragen, sie sollten sich darauf einstellen, nach diesem Verfahren zu arbeiten. Damit würde auch aufgehen, was ddp-Chefredakteur Widmann seinen Leuten Anfang Januar per Memo versicherte: „Die gemeinsamen Kunden von DAPD und ddp werden nicht mit kaschierten Doubletten verärgert.“ Dies sei „eindeutig und sicher“, würde so eine Praxis, wie sie anfangs in den Häusern noch als Idee rumgeisterte, doch nur „Produktionszeit kosten und inhaltlich nichts bringen“.

Was das für die Mitarbeiter vor allem des DAPD bedeutet, werden sie voraussichtlich Mitte der neuen Woche erfahren. Vorderwülbecke kündigte sich für Einzelgespräche mit dem DAPD-Personal an. Er schrieb ihnen: „Um hier endlich konkreter werden zu können, möchte ich Dienstag und Mittwoch nächster Woche in Frankfurt verbringen und Donnerstag in Berlin.“ Er wolle dann mit „vielen bereits ganz konkret – gemeinsam mit den Chefredakteuren – über die Arbeitsplatzbeschreibung der nächsten Jahre reden“. Der ddp-Eigner war für Fragen zu seinen Plänen zunächst nicht zu erreichen.

Vorderwülbecke kündigte überdies an, einige Themen „sowohl in den Medien als auch juristisch offen“ angehen zu wollen, die „bisher tabu waren“. Er nannte seiner Belegschaft die „enorme Subventionierung der AFP“, dem Hauptwettbewerber von DAPD im Bereich Auslandsnachrichten. Weiter hieß es: „Die Subventionierung diese Staatsbetriebes in Frankreich könnte uns ja egal sein, aber da die AFP ihr Staatsgeld von weit über 100 Millionen Euro pro Jahr für Dumping in Deutschland einsetzt, müssen wir uns wehren. Dieses Projekt werden wir auch medial offen erläutern. Ähnlich ist es übrigens auch mit der verdeckten Subventionierung der dpa. Hier ist noch vieles unbekannt und aufzuklären.“ Kein Zweifel: dpa & Co. müssen sich sehr warm anziehen.

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Eine Minute für 3 164 Euro

Warum Anne Will teurer ist als Sandra Maischberger.

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am 28. Januar 2010

Insgesamt 7 260 483 100 Euro hat die Gebühreneinzugszentrale allein 2008 den Bürgern genommen und an ARD und ZDF verteilt. Sieben Milliarden, die klein portioniert von den Konten der Hörer und Zuschauer abgingen, um schließlich in Gestalt von TV-Sendern, Radiowellen und Internetseiten wieder aufzutauchen. Was bis dahin mit dieser gigantischen Summe passierte, die manch einer gar als Zwangsabgabe bezeichnet, kann, wer will, jetzt detailliert nachschlagen, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Geld so alles angestellt hat. Die Gebührenkommission KEF hat nachgefragt und ihren inzwischen 17. Bericht auf die eigene Webseite gestellt, in dem sie unter anderem die Aufwendungen für Polit-Talkshows und politische Magazine vergleicht. Die 388 Seiten sind einen Blick wert, kommen sie doch unzensiert daher.

Als einer der ersten haben sich die Redakteure der Bild-Zeitung auf das Mammutwerk aus Analysen, Zahlenkolonnen und Diagrammen gestürzt. Das Blatt titelte gestern: “So werden unsere TV-Gebühren verpulvert!” Ja, die Fakten gaben sie korrekt wieder: Eine Sendeminute “Anne Will” schlug 2008 im Schnitt tatsächlich mit 3 164 Euro zu Buche, eine von “Menschen bei Maischberger” hingegen nur mit 1 552 Euro.

Springers Skandaljäger machten es sich damit aber auch ziemlich einfach - wie schon die Gebührenkommission selbst. Diese Zahlen allein sagen nämlich nur äußerst wenig aus. Denn auch wenn es im Bericht zu den Talkshows heißt, die teuersten kosteten “mehr als das Doppelte” der günstigsten, erkennt jeder, der sich die Sendungen auf dem Schirm und nicht nur zwischen Aktendeckeln ansieht: Das hat seinen Grund.

Größere Redaktionen

Die fünf Sendungen gehören zwar demselben Genre an. Sie unterscheiden sich aber erheblich. Während Anne Will, vor allem aber Frank Plasberg (”Hart aber fair”) in sogenannten Einspielfilmen Fälle zur Diskussion stellen, verzichtet Maischberger darauf fast gänzlich. “Hart aber Fair”, die zweitteuerste Talkshow, setzt zudem stark auf die Beteiligung der Zuschauer. Dafür sind eine weitaus größere Redaktion, mehr Technik und ein umfangreicherer Internetauftritt nötig. Und auch für aktuellere Themen, wie sie Will und Plasberg behandeln, bedarf es mehr Mitarbeiter, die Themen durchdenken und Gäste laden.

Hinter den Zahlen und Balkendiagrammen versteckt sich zudem, was ein Sprecher des NDR so erklärt, der sich um den Sonntagstalk im Ersten kümmert: “Anne Will” sei eine komplette Auftragsproduktion, während “Menschen bei Maischberger” in sendereigenen Studios mit eigener Technik produziert werde. “Die internen Produktionskosten sind in dem Ihnen vorliegenden Minutenvergleich nicht berücksichtigt”, schrieb er am Dienstagabend an Bild. Außerdem laufe Maischberger 75 Minuten, Will hingegen nur eine Stunde. “Die Fixkosten schlagen bei längerer Sendezeit naturgemäß geringer zu Buche”, so der Sprecher in einer dieser Zeitung vorliegenden E-Mail weiter. In Bild fehlt diese Einordnung übrigens.

Der Bericht gibt dennoch Interessantes her, auch weil er Angaben der Sender zur künftigen Entwicklung berücksichtigt. Etwa, dass ARD und ZDF noch mehr für ihre Internetauftritte und Digitalkanäle ausgeben wollen: Die 136 Millionen im Jahr 2009 sollen 2012 auf einen Jahres-Etat von 161 Millionen wachsen. Doch auch hier ist die Erklärung einfach: Nach dem ZDF baut die ARD die Möglichkeit aus, Beiträge, Sendungen und Filme nach ihrer Ausstrahlung online abzurufen. Das ZDF wiederum haucht nach ZDF-Neo gerade seinen beiden digitalen Spartensendern ZDF-Theaterkanal und ZDF-Info mehr Leben ein. Aus den bisher bloßen Wiederholungsschleifen des Zweiten werden Programme mit eigenen Sendungen. Und das kostet.

Diese digitale Expansion, bei der die KEF in ihrem Bericht von einem “extrem vielfältigen und immer umfangreicher werdenden Bereich der Programmschwerpunkte und Webspecials” spricht, darf hinterfragt werden. Ebenso, wie viele Talkshows ARD und ZDF überhaupt brauchen. Und auch, ob jede Landesrundfunkanstalt eine eigene Webseite mit eigenen Redaktionen braucht oder ob die neun ARD-Anstalten nicht viel stärker kooperieren müssten. Die Attacke der Bild leistet dazu aber keinen Beitrag. So wundert es auch nicht, dass KEF-Geschäftsführer Horst Wegner gestern dieser Zeitung sagte, seine Kommission fühle sich “schon ziemlich aus dem Zusammenhang gerissen”.

Im 17. Bericht ist zu den Kosten der Politmagazine festgehalten, dass eine Minute von “Fakt” (MDR) nur 3 284 Euro kostet, eine von “Monitor” (WDR) aber 5 009. Wegner sagt dazu: “Der WDR hat mehr Geld, das er in seine Formate stecken kann.” Das sieht man den Sendungen auch an. “Monitor”, aber auch “Panorama” vom NDR machen mit ihren Beiträgen öfter Schlagzeilen als die etwas kostengünstigeren Magazine und erreichen im Durchschnitt auch mehr Zuschauer.

Wegner sagt übrigens auch: “In dem Bericht steckt doch gar nicht so viel Brisanz, wie sie manch einer meint, zu erkennen.” Die KEF sieht bei den von ihr untersuchten Formaten, die von Bericht zu Bericht wechseln und diesmal etwa keine Nachrichtensendungen einschließen, trotzdem einige “Wirtschaftlichkeitspotenziale”, wie es im Fazit heißt, und benennt unter anderem Stellenstreichungen, die insbesondere die ARD vermissen lasse. Wegner sagte dazu: “Wir haben das Gefühl, dass die Sender schon mal angeschupst werden müssen.” Von einem skandalträchtigen Papier, sagt Wegner, könne aber “in jedem Fall” keine Rede sein.

» zum Originaltext auf berliner-zeitung.de

Nach Veröffentlichung habe ich zwei Dinge geändert. Zum einen die Unterzeile. Dort stand “Warum Anne Will teurer ist als Maybrit Illner”, obwohl ich mich gar nicht mit den Kosten der Illner-Produktion befasst habe - eine irreführende Formulierung. Zum anderen habe ich die Formulierung gestrichen “Hätten die Reporter etwa bei der KEF oder den Sendern nachgefragt [...]“. “Bild”-Chefreporter Guido Brandenburg hat mir nämlich versichert, “Bild” habe sehr wohl bei der KEF angefragt. Die habe aber bloß mitgeteilt, alle Gesprächspartner seien auf Termin. Ich hatte versäumt, bei “Bild” anzufragen.

Mehr als nur drei O-Töne

Das Feature ist das Filetstück des Radiojournalismus. Mit einer neuen Sendereihe und Dachmarke will die ARD es ihren Hörern wieder schmackhaft machen - und sparen.

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am 27. Januar 2010

Das Feature ist für den Hörfunk, was die “Seite 3″ für viele Zeitungen ist: meist das eleganteste Stück ihres vielseitigen Angebots. Für diese Geschichten nehmen sich die Autoren noch Zeit, für sorgfältige Recherche und das anschließende Polieren des Produkts. Und nur wer von der hastigen Informationswelt noch nicht gänzlich vereinnahmt ist, sondern sich ab und an auch in seinen Sessel fallen lässt, bekommt überhaupt die Gelegenheit, diesen Journalismus in Bestform zu genießen.

Heute starten einige gebührenfinanzierten Programme die Reihe “ARD-Radiofeature”. Die Idee dahinter deckt sich mit der des “ARD-Radiotatorts”, der vor gut zwei Jahren startete und in den Sendern als großer Erfolg gilt: Selbst konservative Medienforscher hätten ermittelt, dass jede Ausgabe gut 550.000 Hörer erreichte - eine exakte Quotenermittlung fehlt für das Radio. Das wäre für die Gattung in der Tat eine gewaltige Hörerschaft.

“Nach dem Erfolg, den das Hörspiel eingefahren hat, wollen wir mit dem Feature jetzt auch das zweite große Wort-Genre stärken”, sagt Wolfgang Schmitz, Radiochef des WDR, der die neue Reihe koordiniert. Das gängige Bild sei, dass ein Feature aus drei O-Tönen, einem Sprecher und ein paar Geräuschen bestehe. Es könne aber mehr, sagt Schmitz: “Es ist aufwendig und arbeitet mit Mitteln, die aus Hörspielen bekannt sind” - etwa mehrere Handlungsstränge oder der gezielte Einsatz von Musik.

Das “ARD-Radiofeature” ist also vor allem eine eigene Marke, mit der sich die Sender besondere Beachtung für diese Stilform erhoffen. Sieben der neun ARD-Anstalten produzieren dazu je ein Feature, das alle anderen ausstrahlen - unter gemeinsamem Label und bei geteilten Kosten. WDR und SWR sind sogar zweimal dran. Die Hoffnung der ARD-Wellen: Zeitungen würden bei der gestiegenen Reichweite der Beiträge verstärkt berichten. Beim “Radiotatort” hat das schon mal geklappt.

So läuft von heute an als erstes Stück das Feature “Cybercrime. Tatort Internet”, in dem sich SWR-Reporter Kai Laufen mit Online-Kriminalität beschäftigt. Die Sendezeit von fast einer Stunde gewährt ihm den Raum, um sowohl Täter von kleinen Hackern bis zu weltweit operierenden Mafiagruppen als auch die Ermittlungen der Polizei zu begleiten. Durchaus ein lohnenswertes Stück, das viel ausführlicher daherkommt, als es in Pop- und Infowellen sonst möglich ist.

Laufen hat recherchiert und getextet, in die Produktion aber war mit Walter Filz auch ein Regisseur involviert, was für Features aus Kostengründen immer seltener wird. Filz findet, bei Kriminalitätsthemen sei diese “Urform des Radios” sogar dem Fernsehen voraus: “Hier kann offen reden, wer nicht gesehen werden will.” Passend dazu spricht auch nicht der Autor selbst, sondern Tobias Meister, Synchronsprecher von Brad Pitt.

Die Hörer von MDR und RBB gehen indes leer aus, weil die beiden Ost-Sender bei Features bilateral kooperieren und sich dem ARD-Projekt nicht anschließen wollten. Die Alternative: Die Beiträge der neuen Reihe stehen für ein Jahr im Netz.

Wie die Zusammenarbeit von MDR und RBB ist auch das “ARD-Radiofeature” letztlich vor allem ein großes Sparprogramm. Hörfunkdirektor Schmitz sagt, so bewahre man sich “die Möglichkeit, besonders Aufwendiges zu produzieren, das einzelne Anstalten allein gar nicht mehr stemmen könnten”. Durch die flächendeckende Ausstrahlung wird die Vielfalt im Hörfunkangebot allerdings eingeschränkt.

Das “ARD-Radiofeature” ist deshalb zwar ein Genuss - aber eben einer mit einem unangenehmen Beigeschmack.

“Cybercrime. Tatort Internet”; heute, 22.05 Uhr, SWR2; 30. Januar, 13.05 Uhr, Bayern2; 31. Januar, 11.05 Uhr, NDR Info und WDR5

» zum Originaltext auf taz.de

Süddeutsche startet Medienressort im Netz

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am 26. Januar 2010

Hans-Jürgen Jakobs startet auf sueddeutsche.de ein eigenes Ressort für die Branche: Von Montag an bündelt sein Team dort nicht nur die bisher in Kultur und Wirtschaft verteilten Fernsehkritiken und SZ-Recherchen zu Verlagen, Sendern und ihren Programmen. Jakobs verpasst dem Thema mit Christina-Maria Berr auch gleich eine eigene Chefin. Sie bekommt ein eigenes Budget und soll zudem die Recherchen des verlagseigenen Magazins Werben & Verkaufen in ihr Angebot integrieren.

„Ein gutes Medienressort gehört zur Tradition der Süddeutschen Zeitung“, sagte Jakobs zu MEEDIA. „Im Netz hat uns so etwas bisher leider gefehlt. Das habe ich als Defizit empfunden.“ Wie bisher auf sueddeutsche.de über die Branche berichtet wurde, das sei „eher unsystematisch“ gewesen: Zu den Unternehmen stand mal etwas in der Wirtschaft, zu ihren Inhalten hingegen etwas in der Kultur. „Das bündeln wir jetzt“, sagte Jakobs.

Jakobs ist vom Fach, er leitete einst selbst das Medienressort der gedruckten SZ und war Medienredakteur beim Spiegel. Jetzt, wo er das Thema als Chefredakteur von sueddeutsche.de auch im Netz groß aufzieht, stattet er die Medienberichterstattung mit eigenen Ressourcen aus: Mit Christina-Maria Berr bekommt das Ressort eine eigene Leiterin. Berr hatte bei der SZ volontiert, als Redakteurin für das Blatt unter anderem im Medienressort geschrieben und wechselte vor drei Jahren in die Online-Redaktion des Münchner Verlages.

Jakobs versorgt seine neue Ressortleiterin nach eigenen Angaben zudem mit einem „kleine Budget“, damit sie freie Autoren bezahlen kann. Die sollen vor allem Fernsehkritiken schreiben. Die würden „sowohl in der Nachbetrachtung als auch in der Vorschau bei uns gerne gelesen“. Jakobs schätzte, „dass wir etwa die Hälfte von Beckmann, Anne Will & Co. selbst besprechen werden - und für die andere Hälfte externe Mitarbeiter gewinnen“, wie er MEEDIA weiter sagte.

Für die Inhalte soll sich Berr vielfältig bedienen. Natürlich will Jakobs wie bisher Berichte aus der Zeitung ins Netz stellen, aber „bei Weitem nicht alles“. Außerdem sollen die Mitarbeiter von sueddeutsche.de aktuelle Entwicklungen und Beobachtungen selbst notieren – insgesamt 24 Redakteure und 15 sogenannte fest-freie Mitarbeiter beschäftigt Jakobs für sein gesamtes Portal. Kollegen des Print-Medienressorts erhielten ferner „nach wie vor die Möglichkeit, längere Versionen ihrer Recherchen ohne die übliche Enge des Blattes aufzuschreiben“.

Berr soll sich laut Jakobs außerdem beim Branchenmagazin Werben & Verkaufen bedienen, das ebenfalls zum Süddeutschen Verlag gehört. Jakobs: „Die Kollegen recherchieren nicht exklusiv für uns, sondern für ihr eigenes Heft und ihren eigenen Onlineauftritt. Wir übernehmen jene Stücke von W&V, von denen wir glauben, dass sie ein breiteres Publikum interessieren“. Jakobs wolle letztlich „kein B2B-Ressort“ aufbauen, sondern sich mit der Medienberichterstattung im Netz „insgesamt an ein breiteres Publikum“ richten. Insiderwissen will er trotzdem bieten. Jakobs: „Natürlich werden wir auch Entwicklungen in der Branche begleiten, wenn sie prominent genug sind.“

Zum Start am 1. Februar plant Jakobs zudem die SZ-Kooperation mit den Medienwissenschaftlern Leif Kramp und Stephan Weichert fortzusetzen. Nach einer Serie über die Zukunft der Zeitung im Jahr 2008 fragen die beiden jetzt in einer 20-teiligen Reihe: „Wozu noch Journalismus?“ Die Antworten werden unter anderem Ex-„Stern“-Chef Michael Jürgs, „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein und der Medienjournalist Stefan Niggemeier liefern.

Mit seinem neuen Ressort macht Jakobs unter anderem der FAZ Konkurrenz. Die versteckt ihre Rubrik „Medien“ auf FAZ.net im Feuilleton und bietet neben Übernahmen aus der Zeitung auch eigene aktuelle Fernsehkritiken. Print-Medienredakteur Michael Hanfeld fasst zudem ab und an Exklusives aus der Zeitung vorab im Netz zusammen. Auch oft mit Medienberichten, insbesondere mit raschen TV-Kritiken auf dem Publikumsmarkt präsent ist „Welt Online“, der aber wie der FAZ und allen anderen Titeln abseits der Wirtschaftspresse ein dezidiertes Medienressort fehlt, wie es Jakobs jetzt erstmals startet.

Jakobs kündigte an, dass das Medienressort künftig auch Teil der SZ-iPhone-Apps werden wird, die erst im Januar gestartet war und auf den besten Weg ist, ein voller Erfolg zu werden. Denn die Abrufrate der kostenpflichtigen App “SZ Gold” ist laut Jakobs gerade “am Fünfstelligen angekommen”. Außerdem will er in Zukunft das ePaper der Zeitung in die App integrieren. Umfang und Aufbereitung der Zeitungsübernahme sei aber noch offen, sagte der Chefredakteur. Print- und Onlineredaktion würden zudem vor der Fußball-WM in diesem Sommer mit neuen Redaktionssystemen der Marken Hermes und Polopoly Web CMS versorgt, die den Austausch und die gemeinsame Arbeit an Texten beider Redaktionen erleichtern würden.

» zum Originaltext auf meedia.de

Der Protest ist nur Werbung

Im Streit um die iPhone-Präsenz der “Tagesschau” übersehen viele: Die ARD ist längst auf Mobiltelefonen präsent. Eine Revolution ist der App-Entwurf ohnehin nicht.

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am 22. Januar 2010

Yve Fehring vermasselt es. Die Moderatorin tut, was fehl am Platze ist: Sie tritt aus der Souveränität, mit der sich ARD und ZDF im Streit über ihre digitalen Grenzen endlich mal brav zurückgehalten haben. Fehring macht sich aber in der Sendung “Neues” einfach gemein mit der eigenen Sache und sagte ihren Zuschauern, ihrer Meinung nach “dürfen und müssen” sich öffentlich-rechtlichen Sender an neue Verbreitungswege anpassen. Ausgerechnet in einem Computermagazin.

Mit dieser Szene bediente Fehring das Klischee, Medien missbrauchten eigene Flächen für ihr Lobbying. So, wie der Axel-Springer-Verlag das macht, um gegen die Präsenz des gebührenfinanzierten Rundfunks in der multimedialen Welt zu kämpfen. Seine Forderung: Weil “Bild” und “Welt” für das iPhone Programme (”Apps”) verkaufen wollen, sollen die öffentlich-rechtlichen Sender das nicht dürfen. “Bild” & Co. titelten gegen den “GEZ-Wahnsinn” und sammelten Stimmen von Politikern, die sich gegen gebührenfinanzierte Mobilprogramme aussprachen.

Erst vor wenigen Tagen jubilierte der Konzern, binnen eines Monats mehr als 100.000 seiner Apps an die iPhone-Gemeinde gebracht zu haben obwohl die ein bisschen Geld kosten. Auch wenn noch völlig offen ist, wie viele dem Verlag die Treue halten werden, wenn sie nach einem Testzeitraum für die Inhalte der Springer-Blätter im Digitalen mehr zahlen müssen, zeigt diese Entwicklung: Der Verkauf von durchdacht aufbereiteten Inhalten für die immer mobilere Bevölkerung hat Potenzial.

Und doch ist die Schlammschlacht völlig überflüssig, an der sich auch vermeintlich seriöse Titel wie die “Süddeutsche Zeitung” beteiligen. Die warf der ARD beiläufig eine “hemmungslose Digitaloffensive” vor, ging aber fast gleichzeitig selbst mit einer “SZ Gold”-App auf den Markt. Das war ebenso durchsichtig und traurig wie Springers Kampagnen-Versuch, nur eben Meinungsmache im kleinen Stil.

Manch ein Rundfunkrat, der einen Sender kontrolliert, lässt sich von dem Druck der Verleger gar beeindrucken: Gerade erst hat das Gremium des WDR empfohlen, mit der Entwicklung der “Tagesschau”-App noch ein wenig zu warten, bis die zum Teil noch laufende Prüfung der Online-Präsenz von ARD und ZDF durch ist. Gut möglich, dass die Nachrichten-App deshalb später auf den Markt kommt als geplant. Und das, obwohl inzwischen alle auf dem iPhone sind. Erst gestern hat das Weiße Haus eine iPhone-App gestartet. Wer will, kann sich darüber die Reden von US-Präsident Barack Obama live ansehen.

Wer sich die Mühe macht, sich in der Hamburger Redaktion von ARD-aktuell die “Tagesschau”-App anzusehen, der stellt hingegen fest: Das Programm wird keine Revolution sein, sondern tatsächlich ein Service am Gebührenzahler. Der muss ohnehin neben der Nutzung von klassischen TV- und Radio- auch für “neuartige Empfangsgeräte” zahlen, dazu zählen eben auch Geräte wie das iPhone, das in Deutschland übrigens mehr als eine Million Kunden zählt. Ist es bei dieser Masse nicht legitim, dass die “Tagesschau” die Darstellung ihrer Webseite für diese Nutzer optimiert? Nicht mehr und nicht weniger wird die App mitbringen.

Das Programm, das bisher nur auf Skizzen existiert und noch programmiert wird, sieht dem ausgereiften Konzept zufolge ausschließlich Inhalte vor, die schon heute jeder im Netz abrufen kann und das auch mit einem Web-Browser auf modernen Handys. Die Inhalte der App sind identisch mit den etwa 20 Meldungen, die auf tagesschau.de pro Tag verbreitet werden. In ihrer thematischen Vielfalt wie auch in der Tiefe der Informationen wird die “Tagesschau”-App damit jedem Print-Angebot weit unterlegen sein.

Auch die Videoeinbindung dürfte nicht überraschen, deckt doch auch sie sich eins zu eins mit dem bestehenden Angebot. Wie auf tagesschau.de werden auch App-Nutzer Beiträge und Sendungen abrufen können, sowohl vom Tage als auch über ein Archiv. Dazu kommt die Möglichkeit, “Tagesschau” und “Tagesthemen” parallel zur Ausstrahlung im TV live auf dem iPhone zu sehen - auch hier: schon heute möglich. Und selbst die Ankündigung, die “Tagesschau” überlege, die Info-Radios der ARD als Liveabruf in ihre App einzubinden, kann nicht zu ernsthaften Protesten führen, sind sie doch schon heute auf tageschau.de verlinkt.

Wer diesen App-Entwurf kritisiert, der kommt eh viel zu spät. Die App der “Tagesschau” ist nämlich alles andere als eine Neuerung: WDR, NDR, MDR, SWR und Deutschlandradio sind teilweise bereits seit Monaten mit eigenen Programmen im sogenannten App-Store unterwegs. Und die Deutsche Welle bietet für iPhone-Nutzer neben Text- und Radionachrichten sogar schon heute TV-Beiträge auf Fingerdruck an.

Letztlich ist der ganze Aufstand eh nur eine riesige Werbung. Für den iPhone-Produzenten Apple, aber nicht zuletzt auch für die “Tagesschau”. Der Streit geht für die beteiligten Verlage folglich nach hinten los. Auch deshalb hätte sich Yve Fehring ihren Einwurf getrost sparen können.

» zum Originaltext auf taz.de

ARD & Raab: Die große Grand Prix-Koalition

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am 21. Januar 2010

Der Eurovision-Song-Contest wird 2010 in jeder Hinsicht eine Revolution. Entertainer Stefan Raab führte für das Event nicht nur ProSieben und die ARD zusammen. Er baut den Contest auch zu einer opulenten Castingshow aus. Auf der Pressekonferenz zum TV-Ereignis bezeichnete ARD-Programmchef Volker Herres den Entertainer als „unsere Glücksfee“. Er prahlte, bei der „nationalen Aufgabe“ kenne er „keinen Konkurrenten mehr, sondern nur noch Deutsche!“ Und nun ist klar, welche Künstler die Jury bilden.

Übertreibungen allerorten, auch bei der Pressekonferenz. Die zweite zum diesjährigen Grand-Prix hatten die ARD und ProSieben nicht irgendwo in Berlin angesetzt sondern im fünften Stock des Bundestags, im „Käfer“ hoch oben am Eingang der Reichstagskuppel. Und auch verbal hielten sich die Beteiligten nicht zurück. ARD-Programmdirektor Volker Herres beispielsweise schmierte Raab Honig ums Maul, wo er nur konnte. Der sei „unsere Glücksfee“, der Song-Contest gar „ein Seismograph für den Seelenzustand Europas“. Das klang wie kindliche Überheblichkeit.

Keine Spur mehr vom ständigen Grabenkampf zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern. Die Zusammenarbeit von Raab, ProSieben und dem Ersten sei „auf den ersten Blick vielleicht eine überraschende Liaison“, sagte Herres. „Aber wenn es um eine nationale Aufgabe geht, kenne ich keine Konkurrenten mehr, sondern nur Deutsche!“ Im Programmtrailer war gar von einem „starkes Bündnis“ die Rede, von mehr als 50 Jahren Grand-Prix-Erfahrung der ARD und dem Eventcharakter Raabs.

Der gab sich selbst „relativ zuversichtlich, dass wir die vergangenen Jahre noch einmal toppen können“. Die ARD sei für dieses Jahr „einen für ihre Verhältnisse großen Kompromiss aufgegangen, der am Ende vor allem einen Sieger hat: den Zuschauer“, die für ihn „keine Zweckkoordination“ sei „sondern eine Liebesheirat“. Der Entertainer prahlte gar: „Freuen Sie sich, dass Ihre Gebühren zum ersten Mal richtig eingesetzt werden!“ Dass die ARD sich an diesem Großprojekt beteiligt, begründete Herres wie gewohnt mit dem „öffentlichen Auftrag“, Unterhaltung zu produzieren.

ProSieben und die ARD ziehen in diesem Jahr den Vorentscheid groß auf. Raab sprach davon, sie würden ihn „revolutionieren“: In insgesamt acht Casting-Sendungen werden 20 Kandidaten so lange gegeneinander antreten, bis nur einer übrigbleibt. Einzig die Zuschauer sollen entscheiden. Das Publikum wird außerdem unter mehreren Songs wählen können, die der Künstler dann singen soll. Raab: „Damit wollen wir den größtmöglichen gemeinsamen Nenner finden, damit letztlich die ganze Nation hinter unserem Kandidaten steht.“ Das Format sei in der Welt des Song-Contestes nicht völlig neu, sagte Raab. In Großbritannien und anderen Ländern sei der Vorentscheid bereits vor Jahren als Casting organisiert gewesen.

Der Jury, die nicht mit abstimmen darf, werden unter anderem Jan Delay, Xavier Naidoo, Peter Maffay, Marius Müller-Westernhagen, Sarah Connor und Yvonne Catterfeld bilden. Jeweils zwei pro Sendung werden mit Raab die Tages-Jury bilden, beginnend mit Westernhagen und Catterfeld. Raab, der ihr Präsident sein und die Sendungen nicht selbst moderieren wird, sagte: „Eine Jury dieses Kalibers gab es bei einer Castingshow noch nie.“

Die Moderation des Vorentscheid-Castings gebe er „gelassen“ ab. „Als Präsident der Jury muss ich mich voll auf die Leistung der Künstler konzentrieren können“, erklärte Raab. Statt ihm werden Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel durch die Sendungen führen. Heinrich stellte in Aussicht: „Das wird epochal und ein großes Fest!“

Die Castings „Unser Start für Oslo“ werden an Donnerstagen und Freitagen jeweils um 20.15 Uhr live gezeigt. ProSieben strahlt vom 2. Februar an die Vorrunden aus, die ARD am 5. März das Viertel-, ProSieben am 9. März das Halb- und die ARD am 12. März das Finale. Raab: „Nur weil wir mit der ARD kooperieren, werden wir nicht komplett spaßbefreit sein.“ Der deutsche Kandidat wird am 29. Mai in Oslo am 55. Eurovision Song Contest gegen die Kandidaten anderer Nationen antreten. Der TV-Spielfilm hatte er bereits gesagt. „Mein Ziel ist die Top 10.“

» zum Originaltext auf Meedia.de